Ohne Rüstung Leben

Corona-Friedenstagebuch

von Martin Singe
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Die Aktion „Ohne Rüstung Leben“ gibt seit Anfang April ein Friedenstagebuch „Die Corona-Krise aus friedenspolitischer Perspektive“ heraus, das sich jeden Freitag mit einem bestimmten Aspekt von Friedenspolitik unter Corona-Perspektive befasst.

ORL schreibt zum Projekt: „In den letzten Wochen haben wir uns gefragt, was die neue Situation für unsere Arbeit bedeutet. Immer mehr fiel uns dabei auf: Das Thema ‚Frieden‘ findet zwar aktuell kaum Aufmerksamkeit, doch die Corona-Pandemie und unser Umgang damit haben ganz konkrete Auswirkungen auf friedenspolitische Themen. Schauen Sie mit uns genauer hin! Jeden Freitag betrachten wir einen anderen Aspekt der Corona-Krise aus friedenspolitischer Perspektive und laden Sie ein, unsere Gedanken und Impulse mitzudenken und zu teilen.“

Am 24.4. lautete das Thema des Tagebuches „‘Wir sind im Krieg‘ – Ein Blick auf die Rhetorik der Krise“ Wir bringen beispielhaft einen Auszug aus diesem Beitrag:

"Nous sommes en guerre!" Es ist dieser Satz, der hängenblieb, von der Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron im März: Wir sind im Krieg gegen das Virus! Ähnlich sehen es weitere Politikerinnen und Politiker, allen voran US-Präsident Donald Trump. Aber auch der deutsche Finanzminister Olaf Scholz sprach davon, die "Bazooka rauszuholen". (…) Der Philosoph und Politikwissenschaftler Marcel Vondermaßen warnt vor einer solchen, allzu unkritischen Sicht: "Militärische Sprache bringt Erwartungen mit sich: Gehorsam, Homogenität, Hierarchie, unhinterfragtes Vertrauen in die Autoritäten."

Worte können unsere Wahrnehmung einer Situation verändern. Wenn sich die Politik also nun aus dem rhetorischen Werkzeugkasten des Militärs bedient, will sie vor allem die Bevölkerung auf ihre Linie einschwören. Wer den Krieg ausruft, will als Befehlshaber wahrgenommen werden, die Bevölkerung hinter sich vereinen und das eigene Vorgehen legitimieren.

(…) Wer glaubt, dass das Virus ein Kriegsgegner sei, sieht sich einem unsichtbaren, unbesiegbaren Feind gegenüber. Und weil gegen diesen Feind nicht anzukommen ist, suchen sich Verunsicherung, Angst und Wut allzu oft eine andere Projektionsfläche. Einen greifbaren Feind. Das lässt sich etwa an zunehmenden Berichten über Anfeindungen asiatisch aussehender Menschen ablesen, die durch entsprechende Äußerungen rechtspopulistischer Medien – zum Beispiel in den USA – befeuert werden.

Die Corona-Krise als einen Krieg darzustellen, lenkt unsere Aufmerksamkeit in die falsche Richtung: "Ein Fokus auf Kriegsmetaphern verhindert, dass wir den gesellschaftlichen Blick auf jene Werte legen, die zur Bewältigung der Krise unverzichtbar sind: Eigenverantwortung, Fürsorge, Empathie", sagt Marcel Vondermaßen.(…) Es geht in der Corona-Krise nicht um Kampf und Gewalt, Schuld oder Abgrenzung. Es geht darum, ob wir bereit sind, unangenehme Einschränkungen auf uns zu nehmen, um andere Menschen zu schützen – diejenigen für die das Coronavirus am gefährlichsten ist. Und es geht um Unterstützung und Solidarität für diejenigen, die besonders unter der aktuellen Situation leiden. Darauf muss jetzt unser Fokus liegen. Mit Krieg hat das überhaupt nichts zu tun. Wir finden: Die verbindende Solidarität in der Corona-Krise sollte uns ein Beispiel sein, wie sich Krisen ohne Gewalt und Krieg bewältigen lassen.

Das ORL-Corona-Friedenstagebuch findet sich hier: https://www.ohne-ruestung-leben.de/nachrichten/corona-friedenstagebuch.html

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.