Der Friedensweg und die lokale Friedensarbeit in Bonn
Bonn kennen die allermeisten als ehemalige Bundeshauptstadt, Geburtsstadt von Beethoven oder heutige UN-Stadt. Doch wer weiß noch, warum in den 1980ern Weltstars im Hofgarten demonstrierten oder welcher Platz nach einer Friedensnobelpreisträgerin benannt ist? Der „Friedensweg Bonn“ zeigt unter anderem, wie lebendig Friedensarbeit in Bonn gestern war und heute immer noch ist.
Beim Thema der Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum stellt sich immer die Frage: An wen erinnern wir und warum? Seit dem 19. Jahrhundert sind überall Friedensbewegungen entstanden, die jedoch in der öffentlichen Erinnerungskultur nur selten Anerkennung erlangten. Das kollektive Gedächtnis ist noch immer durch patriarchale Perspektiven dominiert, fokussiert auf die vermeintlichen Errungenschaften von sogenannten „Kriegshelden“ und richtet sich nach einem bürgerlichen Geschlechtermodell aus. Erinnerungskultur im öffentlichen Raum errichtet überwiegend Denkmäler für Kriege oder Generäle, Könige oder „Kriegshelden“. Ähnlich sieht es bei der Benennung von Straßen und öffentlichen Plätzen aus. So konnte eine Untersuchung des „European Data Journalism Network“ herausfinden, dass in 30 großen europäischen Städten in 17 unterschiedlichen EU-Ländern im Durchschnitt 91 Prozent der nach Personen benannten Straßen den Namen eines Mannes tragen. (1)
Diese große Geschlechterdifferenz ist nur wenig überraschend, da Frauen über Jahrhunderte marginalisiert wurden und kaum Beachtung als agierende Subjekte fanden. Männliche Perspektiven wurden und werden oftmals immer noch als universell angenommen. Neben der ausgeblendeten Perspektive gesellschaftlicher Minderheiten – dazu zählen nicht nur Frauen – sind auch Themen wie Frieden und Menschenrechte kaum Gegenstand der Erinnerungskultur.
Erinnerungskultur: nicht selten umkämpft und kontrovers
Zurück nach Bonn: Hier gibt es viel Geschichte zu entdecken, doch die Friedensgeschichten von Plätzen, Denkmälern und Personen sowie das Engagement von Personen für Frieden und Menschenrechte liegen auch hier oft im Verborgenen. Genau an dieser Stelle setzt der „Friedensweg Bonn“ (2) an und möchte diese Lücke schließen. Dieses Projekt wurde vom Netzwerk Friedenskooperative in Zusammenarbeit mit dem Frauennetzwerk für Frieden e.V. – gefördert von der Bertha-von-Suttner-Stiftung, der DFG-VK sowie der Stiftung Internationale Begegnung der Sparkasse in Bonn – ins Leben gerufen. Auf insgesamt elf Stationen kann ein Ausschnitt aus der Friedensgeschichte der Stadt Bonn entdeckt werden. Von Denkmälern, die von lokalen Friedensgruppen errichtet wurden, wie dem Hiroshima-Mahnmal oder der Bertha-Stele am Bertha-von-Suttner-Platz, über Friedensaktivistinnen, die in Bonn gewirkt haben, wie Petra K. Kelly oder Klara Marie Faßbinder, bis hin zu politischen Kontroversen und Demonstrationen, wie auf dem Friedensplatz oder im Hofgarten, erzählt der Friedensweg lokale Geschichten, die oftmals in einen größeren Kontext eingebettet sind.
Erinnerungsarbeit kann durch zivilgesellschaftliche Organisationen maßgeblich mitgestaltet werden und muss nicht Institutionen überlassen werden. Die Friedensinitiative Beuel mit weiteren Gruppen ist beispielsweise verantwortlich für die Errichtung des Hiroshima-Mahnmals in Bonn. Das Mahnmal soll den Menschen als ständige Mahnung dienen, sich für die endgültige Abschaffung von Atomwaffen einzusetzen. Die Friedensinitiative ist dabei auch für die seit 1986 jährlich stattfindenden Gedenktage der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zuständig. Außerdem organisiert sie maßgeblich die Ostermärsche in Bonn mit.
Zu politischen Kontroversen kam es Ende der 1980er Jahre auf dem Friedensplatz – der 1922 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs seinen Namen erhielt. Anlässlich des 50. Jahrestags des Überfalls des Deutschen Reiches auf Polen wollten lokale Friedensgruppen ein Denkmal für Deserteure errichten. Dagegen regte sich jedoch Widerstand aus Politik und von konservativen Bürger*innen. Das Denkmal konnte letztlich nur für einen kurzen Zeitraum auf dem Friedensplatz aufgestellt werden. Aktuell gibt es von friedensengagierten Bürger*innen Bonns erneut eine Initiative, die die Errichtung eines Deserteur-Denkmals auf dem Bonner Friedensplatz beantragt. Die historischen Kontinuitäten setzen sich also fort, denn Bonn verfügt über lebhaftes Friedensengagement, das durch verschiedene Akteur*innen geprägt wird.
Der „Friedensweg Bonn“ zeigt beispielhaft, wie lokale Friedensarbeit (auch) aussehen kann. Das Netzwerk Friedenskooperative arbeitet zwar überwiegend bundesweit und nicht lokal, aber bringt sich punktuell gerne in die lokale Friedensarbeit ein. Das Frauennetzwerk für Frieden e.V. versteht sich sowohl als überregionaler als auch lokaler Akteur – insbesondere die Erinnerung an Bertha von Suttner in Bonn ist ein zentraler Bestandteil der lokalen Arbeit. Beide Organisationen beteiligen sich auch regelmäßig an den Bonner Friedenstagen, die immer im September rund um den Friedenstag der Vereinten Nationen am 21. September stattfinden, zu dem die UN-Generalversammlung bereits 1981 aufrief und der 2001 in der UN-Resolution 36/67 zum „International Day of Peace“ erklärt wurde, verbunden mit der Forderung, für 24 Stunden sollen die Waffen weltweit und bedingungslos ruhen. Seit 2006 findet in Bonn die friedenspolitische Veranstaltungsreihe statt, wobei sich nicht nur Friedensorganisationen engagieren, sondern auch Vertreter*innen aus der politischen Bildung, Entwicklungszusammenarbeit oder weiteren Institutionen. Die Tradition der Bonner Friedenstage wurde von Friedensgruppen aus dem Bonner Raum ins Leben gerufen und ist damit ein weiteres Beispiel, wie lokale Friedensarbeit wirkt. Die Friedenstage werden ebenfalls beim „Friedensweg Bonn“ vorgestellt.
(Lokale) Friedensarbeit ist heute wichtiger denn je
In Zeiten, in denen die Nachrichten von globalen Krisen, bewaffneten Konflikten und aufrüstenden Staaten beherrscht werden, kann sich das Thema Frieden schnell abstrakt oder sogar utopisch anfühlen. Was können Einzelpersonen oder eine lokale Initiative dagegen schon ausrichten? Genau hier entfaltet der Friedensweg Bonn seine Wirkung. Er ist keine verstaubte Geschichtsstunde und kein nostalgischer Rückblick auf die „gute alte Zeit“ des Protests. Im Gegenteil: Er holt den Frieden dorthin zurück, wo er immer beginnt – auf die Straße, in die Nachbarschaft, zu den einzelnen Menschen.
Wenn wir heute durch den Hofgarten spazieren, sehen wir meist Studierende in der Sonne liegen. Der Friedensweg erinnert uns daran, dass exakt auf diesem Rasen in den 1980er Jahren Hunderttausende zusammenkamen, um u. a. gegen Atomwaffen zu protestieren. Er zeigt uns, dass Frauen wie Klara Marie Faßbinder (3) Mut bewiesen, als es unbequem war. Der Friedensweg macht anschaulich deutlich, dass Frieden nicht nur diplomatische Verhandlungen bedeutet, sondern das Ergebnis von unermüdlichem, oft jahrzehntelangem zivilgesellschaftlichem Engagement ist.
Wer den Friedensweg abläuft, begreift, dass Veränderung von unten möglich ist. Die Stationen dienen nicht nur dem Gedenken, sie sind eine Einladung und eine Inspiration, sich zu fragen: Wie kann ich selbst im Kleinen – sei es durch Dialog, Zivilcourage oder lokales Engagement – einen Beitrag zu einer friedlicheren Gesellschaft leisten? Welche Friedensgeschichten gibt es in meiner Stadt zu entdecken? Der Friedensweg soll dazu anregen, sich selbst weiter auf Spurensuche zu begeben. Denn öffentliche Erinnerungskultur braucht überall frischen Wind – und was in Bonn geschehen ist, kann genauso auch bei euch geschehen.
Falls ihr euch dazu austauschen möchtet, wendet euch gerne an das Netzwerk Friedenskooperative: info [at] friedenskooperative [dot] de (info[at]friedenskooperative[dot]de).
Anmerkungen
1 https://www.europeandatajournalism.eu/de/cp_data_news/hartnaeckiger-gen…
2 www.friedensweg-bonn.de
3 https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/klara-marie-fassbinder
Autorin
Annegret Krüger ist Friedens- und Konfliktforscherin und arbeitet beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn. Zudem ist sie im Vorstand des Frauennetzwerk für Frieden e.V. aktiv.
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- Friedensbewegung