Hintergrund-Beiträge im FriedensForum.
Hintergrund-Beiträge im FriedensForum.
„A single day“ - ein Tag Hölle als Warnung

Dokumentarfilm zum Vietnamkrieg

Der Dokumentarfilmemacher Christoph Felder behandelt in „A single day“ das Leben von drei mutigen Soldaten, die sich beim Massaker von Mỹ Lai im Vietnamkrieg 1968 widersetzten. Es ist eine indirekte Lehre für alle Kriege – und alle einfachen Soldaten. 

Der Film wirkt auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen. Warum der Dreh eines Films über ein Ereignis, das bereits aufgearbeitet scheint? Das Massaker von Mỹ Lai, bei dem im Zuge des Krieges der USA gegen Nordvietnam am 16. März 1968 US-Soldaten 504 Zivilist*innen brutal ermordeten, wurde bereits in vielerlei Hinsicht bearbeitet, nachdem der US-Investigativjournalist Seymour Hersh die Geschichte aufgedeckt hatte. (1) Und wer interessiert sich heute in Deutschland für Mỹ Lai, während Bomben auf Kiew und Teheran fallen, und heutige Kriege und Konflikte ins Unermessliche eskalieren?

Stille Helden

Der Film ist von Belang. Denn der deutsche Dokumentarfilmemacher, Filmproduzent und Künstler Christoph Felder wählt einen Zugang zu dem Thema, der nicht nur das Besondere von Mỹ Lai, sondern das Universelle des Krieges, der Psyche von Soldaten im Krieg und des Mutes zum Widerstand offenbart. Der 68-Jährige, der schon im Jahr 2018 ein Dokument über Mỹ Lai gedreht hatte, erzählt die Geschichte des Massaker-Ortes nun anders: Entlang der Geschichte eines Protagonisten, der dabei war, jedoch ein stiller Held wurde. Denn gemeinsam mit dem ranghöheren und sechs Jahre älteren Hubschrauberpiloten Hugh Thompson (2) hat der damals 18-jährige Larry Colburn (3) nicht nur nicht beim Töten mitgemacht. Vielmehr hat er gemeinsam mit Thompson und dem Soldaten Glenn Andreotta elf vietnamesische Zivilist*innen aus der Hölle retten können. Dabei, das wird im Film deutlich, blieben die drei offenbar die einzigen, die sich dem verbrecherischen Gemetzel widersetzten, bei dem vor allem Frauen, Kinder und Ältere getötet wurden.

Der Film, der durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde, leuchtet die politischen Hintergründe des Krieges nicht eingehend aus. Sie spielen ihre Rolle im Hintergrund. Der Regisseur fokussiert vielmehr auf jene, die die Befehle ausführen (sollen), auf die Folgen dieser Befehle, oder ihrer Missachtung. Von der Konzentration auf die vier mörderischen Stunden jenes 16. März 1968 ausgehend, liegt es am Zuschauenden, sich auszumalen, welche Verheerungen dieser Krieg darüber hinaus bedeutete: Je nach Quelle zwei bis vier Millionen getötete Vietnames*innen (4), ein Großteil Zivilist*innen, zudem laotische und kambodschanische Opfer sowie fast 60.000 getötete US-Soldaten. Von den Traumatisierten auf beiden Seiten ist bei diesen Zahlen nicht die Rede. In Felders Film schon. Larry Colburn litt faktisch bis zu seinem Tod im Jahr 2016 an posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), auch wenn er dies durch eine spätere zivile Arbeit, durch eine intakte Familie und vor allem auch durch bewusste Aufarbeitung lindern konnte.

„Verräter“

Thompson und Colburn indes bekamen in den Jahren unmittelbar nach ihrem Einsatz den Widerstand und Druck seitens ihrer Vorgesetzten und großen Teilen der US-Bevölkerung zu spüren, weil sie die Massaker ihren Vorgesetzten gemeldet hatten. Sie wurden nach Colburns Aussage in der Folge zu besonders gefährlichen Einsätzen geschickt, tatsächlich starb Glenn Andreotta nur wenige Wochen nach dem Massaker bei einem solchen Einsatz. Hugh Thompson, der als der Hauptprotagonist der Rettungsaktion in Mỹ Lai gelten kann, wurde für seinen Einsatz nicht geehrt, sondern von Teilen der Armee als „Verräter“ gesehen. Er erhielt Morddrohungen, vor seinem Haus wurden tote Tiere abgelegt. Er litt später an Alkoholproblemen, seine Beziehungen fielen auseinander. 

Sowohl Colburn als auch Thompson, deren Wege zunächst auseinandergingen, wurden von der Armee zwischenzeitlich für tot erklärt. Thompson konnte Colburn 1986 mit Hilfe des Autors Michael Bilton auffinden, die beiden Ex-Soldaten wurden für die nächsten 20 Jahre bis zu Thompsons Tod Freunde. Später wurden die beiden rehabilitiert, erhielten 1998, und Glenn Andreotta posthum, die „Soldiers Medal“ der US-Armee. „Sie erhielten die Medaillen dafür, dass sie den Feind stoppten – und der Feind an diesem Tag waren die amerikanischen Soldaten“, sagt Bilton.  

Vorbilder 

Der Film heißt im Untertitel „Vom Abenteuer zum Widerstand“ – und man wünscht sich, dass auch heute viele Soldat*innen diesen Weg gehen, wie ihn Colburn, Andreotta und Thompson gingen. Und zwar am besten nicht vom „Abenteuer zum Widerstand“, sondern den Widerstand bereits vor dem „Abenteuer“ leisten. Wie etwa Colburns Sohn Connor, der in dem Dokument prominent zu Wort kommt, und selbst, durch die Prägung seines Vaters, in keinen Krieg ziehen würde, wie er sagt. An potenzielle und faktische Soldaten richtet Connor Colburn den Appell: „Ich würde sagen, geht nicht hin, um diese Kriege für diese reichen Politiker auszufechten, die niemals die eigenen Kinder an die Frontlinie oder auch nur in ihre Nähe bringen würden. Sie kümmern sich einen feuchten Dreck um euch.“ 

Nach Colburns Geschichte zu urteilen, hat er mit seiner Aussage, er sei in der Armee „am falschen Ort“ Recht und Unrecht zugleich. Denn wären er sowie sein direkter Vorgesetzter Hugh Thompson und Glenn Andreotta an jenem Tag nicht in Mỹ Lai gewesen, wären noch mehr Menschen gestorben. Sie und ihre Nachfahren sehen gerade Colburns Schwur sicher nicht als Fehler. Und auch deswegen konnten er und Thompson Jahre später an den Ort des Massakers reisen und wurden dort von den Einheimischen, den Überlebenden und ihren Nachfahren wie Brüder behandelt. Nach Thompsons Tod im Jahr 2006 konnte Colburn 2011 noch ein von ihm über Jahrzehnte herbeigesehntes Treffen verwirklichen, das Regisseur Felder arrangiert hatte: Er traf in Deutschland den Sohn jener Frau, die er damals im guten Glauben im Versteck gelassen hatte, und sie wenig später erschossen fand. 

„Ich warte immer noch, dass noch etwas Positives aus all dem entspringen wird, und es wird“, sagt Colburn an einer Stelle im Film. Er meinte damit zwar die Überlebenden, und das, was man für sie noch tun könne, vor Ort, woran auch er mitwirke. Doch ein weiteres dieser positiven Dinge, die aus Colburns, Thompsons und Andreottas Geschichte entsprungen ist, ist auch dieser Film. Auch viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben ihn bereits gesehen. Und sie können sehen, dass es Menschen und Vorbilder gibt, die in fundamentalen Grenzsituationen Nein zum Verbrechen sagen können. Und Ja zu etwas Besserem. 

„A single day. Vom Abenteuer zum Widerstand“, (engl. mit dt. Untertiteln) ist auf der Plattform Gumroad (https://cff.gumroad.com/l/sestle) zu sehen, im August wird er erstmals in den USA gezeigt. Informationen zu Aufführungen sowie Treffen mit dem Regisseur Christoph Felder auch in deutschen Städten finden sich auf der Seite https://resistance-film.jimdofree.com/.  

Anmerkungen

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_M%E1%BB%B9_Lai
2 https://en.wikipedia.org/wiki/Hugh_Thompson_Jr.
3 https://en.wikipedia.org/wiki/Lawrence_Colburn
4 Zu den unterschiedlichen Schätzungen siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg#Bilanz

Autor

Jan Opielka, geb. 1977 in Pyskowice / Polen hat ein Studium der Politikwissenschaft und Anglistik für das Lehramt an Gymnasien abgeschlossen und arbeitet als freier Journalist für deutsche und polnische Medien.

Rubrik

Hintergrund

Thema

  • Friedensforschung