Buchbesprechung: Kritische Stimmen zur EKD-Denkschrift

EKD: „Abschied vom Pazifismus“?

von Johannes Schillo
Hintergrund
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Mit dieser Schlagzeile brachte das ZDF am 10. November 2025 die Meldung zur gerade veröffentlichten EKD-Denkschrift: In der evangelischen Kirche habe ein Kurswechsel stattgefunden, „mit der Tradition der Friedensbewegung“ werde gebrochen. Doch muss man hierzu gleich ein Fragezeichen setzen. Denn wie ein neuer Sammelband zeigt, ist das nicht einfach kirchlicher Konsens – zahlreiche Stimmen widersprechen und finden auch Unterstützung aus der Friedensbewegung.

35 Stellungnahmen konnte Peter Bürger in kürzester Frist einsammeln, so dass noch im Januar 2026 seine „Umdenkschrift“ erschien. Der EKD-Schrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ wird darin kein gutes Zeugnis ausgestellt (siehe auch FF Nr. 1/26). „Die Kritik an der kirchlichen Obrigkeit will einfach nicht mehr verstummen“, so Bürger. Da die EKD „ziemlich getreu die aktuelle Militärdoktrin des Staates nachplappert“, zeige sich „so etwas wie ein lagerübergreifendes Unbehagen an der Staatsnähe des bürgerlichen Kirchenapparates“; speziell der sicherheitspolitische Teil der Denkschrift lese sich „wie eine militärkirchliche Dienstleistung für den Staat und scheint überhaupt der eigentliche Zweck bzw. Kern des ganzen Dokumentes zu sein“ (S. 13).

Der Bogen der Beiträge ist dabei weit gespannt. Es beginnt mit einem Kommentar der Journalistin Bascha Mika, die die „gefährliche Anbiederung an die Macht“ beklagt. Deutlich zeige sich dies „in der Haltung zu Atomwaffen. Hier eiert die Denkschrift atemberaubend herum, um irgendwie christlich und dennoch staatsloyal daherzukommen“ und dann am Schluss der atomaren Aufrüstung den kirchlichen Segen zu erteilen, indem realistisch mit dem Stand der heutigen Großmachtkonkurrenz argumentiert wird. Woraus „statt Bewahrung der Schöpfung die mögliche Vernichtung der Welt als christliche Risikooption“ resultiere (S. 20).

Gegen die Propaganda einer kirchlichen Kriegstheologie
Bei diesem neuen Realismus ist vor allem bemerkenswert, dass mittlerweile die militärischen Mittel im Atomzeitalter, was kirchlicherseits bislang am Sinn von Kriegen zweifeln ließ, als „politisch notwendig“ akzeptiert werden und sogar, wenn sich die nationale Führung entsprechend bedroht fühlt, laut EKD „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein“ kann. Darauf verweist in dem Band der Beitrag „Gegen die Propaganda einer christlichen Kriegstheologie“ (S. 174). Dem schließt sich eine detaillierte Analyse an, die „vor allem die Fehlbewertung in der neuen Haltung zu den Atomwaffen“ aufgreift: „Warum hier in dieser Art ein ‚Kurswechsel‘ um 180° vollzogen wird, bleibt vermutlich allen informierten evangelischen Christen ein Rätsel“ (S. 177). Zu der Legitimation präventiver Maßnahmen, also zur Klarstellung in Sachen Verteidigungsnotwendigkeit, heißt dann das Resümee: „Man kann hier herauslesen, dass bei weiter wachsender Bedrohung durch Russland ein atomarer Erstschlag (‚Enthauptungsschlag‘) denkbar und ... moralisch wie christlich zu verantworten wäre.“ (S. 185)

Die EKD spricht damit übrigens eine Wahrheit aus, die in der Verbreitung der Abschreckungsideologie meist verloren geht, und bietet gleichzeitig schon das Rechtfertigungsmuster für einen Krieg, den Deutschland gegebenenfalls vom Zaun brechen wird. Abschreckung zielt ja auf die eigene Überlegenheit, die den Gegner militärisch handlungsunfähig machen soll, ihm einen Schaden androht, den er nicht verkraften kann, und ihn so in die Schranken verweist. Was aber, wenn der Gegner ebenfalls rüstet, was das Zeug hält, um diese unterlegene Position nicht eintreten zu lassen? Dann ist es – so die kirchliche Lehre Anno Domini 2025 – durchaus legitim, einen Krieg „präventiv“ anzufangen, um den des Gegners zu verhindern. Und das Ganze nennt sich dann auch noch „Reaktion“.

In dem Sammelband werden neben den sicherheitspolitischen Aspekten natürlich auch die ethischen und theologischen Fragen aufgegriffen, wobei die Wortmeldungen aus einem breiten Spektrum stammen: aus kirchlichen Initiativen und Gruppierungen (AGDF, EAK), aus Publizistik und Wissenschaft (Jakob Augstein, Egon Spiegel), aus der Friedensbewegung oder gewerkschaftlichen Opposition (DFG-VK, ver.di-Initiative „Sagt NEIN!“). Das Schlusswort des renommierten Friedensforschers Markus Weingardt bringt es dann auf den Punkt: Wenn die Kirche in der von der EKD beschworenen „Welt in Unordnung“ nicht mehr zu sagen hat als diese Denkschrift, „dann hat sie nichts mehr zu sagen. Sie macht sich überflüssig“. (S. 277)

Peter Bürger (Hg.) (2026): Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Eine Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Edition Pace, Nr. 43. BoD – Books on Demand, 289 S., ISBN 978-3-69574347-6, 12 €.

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Johannes Schillo ist Sozialwissenschaftler und Journalist, lange Jahre als Redakteur in der außerschulischen Bildung tätig; letzte Veröffentlichung zusammen mit N. Wohlfahrt, „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“, siehe die Vorstellung im Friedensforum 5/23.