Hintergrund-Beiträge im FriedensForum.
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Dem „Atomfeuereifer“ entgegentreten

Erich Kästner als Gegner von Atomwaffen

Bereits in seinen Gedichten der Weimarer Republik lehnte der Schriftsteller Dr. Erich Kästner (1899-1974) Militarismus und Kriege konsequent ab. Auch nach 1945 blieb Kästner bei seiner pazifistischen Haltung, verwiesen werden soll in diesem Zusammenhang auf Die Konferenz der Tiere von 1949 (nach einer Idee von Jella Lepman) sowie die Texte des Autors für das Kabarett Die kleine Freiheit –  und er wandte sich deutlich gegen die Aufrüstung beider Blöcke im Kalten Krieg, die Remilitarisierung der BRD, die atomare Ausrüstung der Bundeswehr sowie die Kriegsführung der USA in Vietnam.

Im Anschluss an die sehr lebendigen und kontroversen Debatten über die Wiederbewaffnung ergab sich schon bald ein neuer, hoch problematischer Aspekt, nämlich die Frage nach der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr – und auch hier beteiligte sich Erich Kästner. Vielen ist er vor allem als Autor von Kinderbüchern bekannt, eher unbekannt ist sein politisches Engagement gegen die Atomwaffen in der Ära Adenauer. Er protestierte mehrfach auf Demonstrationen und unterschrieb Resolutionen gegen die nukleare Aufrüstung und den Krieg.

Kampf dem Atomtod

Am 31. März 1958 konstituierte sich in München ein Komitee gegen Atomrüstung, das zusammen mit dem Bonner Arbeitsausschuss Kampf dem Atomtod deutliche Worte gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik sowie für die Ächtung von Atomwaffen fand. Kästner zählte zu den Gründungsmitgliedern des Komitees, das u. a. forderte: Für die beiden deutschen Staaten gebe es keinen Schutz in einem Atomkrieg und daher sei eine Beteiligung am atomaren Wettrüsten und an der Bereitstellung von nuklearen Abschussbasen abzulehnen, das Ziel einer deutschen Politik müsse eine Entspannungspolitik zwischen Ost und West sein und ein Faktor einer solchen Politik  solle eine atomwaffenfreie Zone in Europa sein. Auf der ersten Protestkundgebung des Komitees im Münchner Zirkus Krone-Bau am 18. April 1958 gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr sprach Kästner. 

Er kritisierte die Regierung Adenauer, indem sich der Schriftsteller auf eine EMNID-Umfrage vom Februar 1958 stützte, wonach 80% der Menschen in der BRD eine atomare Bewaffnung ablehnten. Lediglich die restlichen 20% sowie die Regierung in Bonn seien für Atomwaffen. Dies hielt Kästner für problematisch und forderte eine Volksbefragung sowie eine Volksabstimmung – dazu kam es jedoch nie, da die konservativen Parteien Formen einer Direkten Demokratie auf Bundesebene nicht unterstützten und das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 30. Juli 1958 generell diese Elemente Direkter Demokratie ablehnte und die bereits angelaufenen Volksbefragungen in Hamburg, Bremen sowie in einigen Gemeinden in Hessen stoppte.  

Beginn der Ostermärsche

Die überparteiliche Campaign for Nuclear Disarmament gründete sich im Januar 1958 und entwickelte sich zur bis dahin größten politischen Massenbewegung im United Kingdom nach 1945. Ein wichtiger Baustein dieser Friedensbewegung stellte der jährliche, viertägige Protestzug von London in das ca. 80 km entfernte Atomforschungszentrum Aldermaston (Berkshire) dar, erstmals an Ostern 1958 mit ca. 20.000 Menschen. Diese Demonstration, von Bertrand Russell tatkräftig unterstützt, gehört bis in unsere Gegenwart als Ostermarsch zu einem wichtigen Bestandteil des Protests gegen (atomare) Waffen. Das Kuratorium für den bundesdeutschen Ostermarsch setzte sich aus Persönlichkeiten des In- und Auslandes zusammen, Erich Kästner zählte dazu. 

In der Bundesrepublik fand die erste dieser Aktion im Jahre 1960 statt, organisiert von dem Lehrer Hans-Konrad Tempel und fokussiert nur auf Norddeutschland. Das Ziel dieses Ostermarsches bildete das Raketen-Übungsgelände Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide, ca. 40 km nördlich von Hannover. Im folgenden Jahr 1961 hielt Kästner die Rede zum Ostermarsch in München auf dem Königsplatz. Darin zitiert der Schriftsteller ausführlich und zustimmend den atomkritischen Kurs des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Im Kontext der atomaren Aufrüstung im Zeitalter des Kalten Krieges zeigt sich Kästner schockiert, dass der „Zufall“ als ein möglicher Beginn eines Atomkrieges von Regierenden offen ausgesprochen wird. Der gesunde Menschenverstand, so Kästner, müsse dem „Atomfeuereifer“ entschieden entgegenwirken.

Hiroshima mahnt: Keine Atomwaffentests, keine Atomwaffen 

Nachdem die Atomwaffenstaaten USA, Sowjetunion und Frankreich neue Tests mit Atomwaffen angekündigt hatten, erschien an Ostern 1962 ein internationaler Aufruf gegen die Atomwaffenversuche. Kritisiert wurden die Folgen der radioaktiven Tests für die Gesundheit, das mögliche menschliche Versagen, das zu einem Atomkrieg führen könnte und der Besitz von Atomwaffen durch weitere Staaten. Vorgeschlagen wurde daher die Ächtung und Abschaffung von nuklearen Waffen. Auch Kästner unterzeichnete diese Resolution.

Im Sommer 1963, kaum genesen von einer schweren Lungenerkrankung, setzte der Schriftsteller seine Kritik an der globalen Rüstungspolitik wieder fort. Zum Hiroshima-Tag am 6. August 1963 wandten sich die beiden Theologen Martin Niemöller und Friedrich Siegmund-Schultze, der Publizist Robert Jungk sowie Erich Kästner mit einem gemeinsamen Aufruf an alle Deutschen. Darin heißt es u.a. „Wir können uns nicht dem verhängnisvollen Irrglauben jener Politiker und Militärs in unserem Land anschließen, die nach eigener Verfügungsgewalt über Atomwaffen streben und darin eine Garantie für unsere Sicherheit erblicken wollen. Atomwaffen auf deutschem Boden werden die atomare Vernichtung auf unser Land lenken. Die Fortsetzung des Wettrüstens und die Vermehrung der Zahl der Atommächte muß die Gefahr eines neuen Krieges vergrößern. Abrüstung hat noch nie zu einem Krieg geführt. Stets ist den Kriegen das Wettrüsten vorausgegangen. […] Unser deutscher Beitrag muß heißen: Keine Atomwaffen auf deutschem Boden! Kein Tag erscheint uns geeigneter, unsere Stimme zu erheben und für einen eigenen Abrüstungsbeitrag der Bundesrepublik einzutreten, als der Gedenktag an Hiroshima.“ (Heipp, S. 191)  

Kästners friedenspolitisches Engagement wurde von konservativer Seite gezielt diffamiert, so etwa durch Rainer Barzel (CDU) und das Komitee Rettet die Freiheit sowie Franz-Josef Strauß (CSU) im Bayern-Kurier, die eine kommunistische Verschwörung witterten. Die Presse der DDR wiederum versuchte Kästner für sich im Kampf gegen die Bonner Regierung zu vereinnahmen. Vergessen wird dabei jeweils, dass sich der Schriftsteller klar gegen atomare Waffen in West und Ost ausgesprochen hatte. 

Erich Kästners Friedensstimme verstummte auch weiterhin nicht. So kritisierte er ab Dezember 1965 den Vietnamkrieg.

Literatur

Sven Hanuschek (2024): Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben Erich Kästners. München 
Günther Heipp (Hg.) (1965): Es geht ums Leben! Der Kampf gegen die Bombe 1945-1965. Eine Dokumentation. Hamburg 
Erich Kästner (2023): Resignation ist kein Gesichtspunkt. Politische Reden und Feuilletons. Hg. von Sven Hanuschek. Zürich
Nicole Pasuch (2023: Erich Kästner als Intellektueller nach dem Zweiten Weltkrieg. Zeitdiagnosen und politische Interventionen. Berlin, Boston 
Hans Karl Rupp (1984): Außerparlamentarische Opposition in der Ära Adenauer. Der Kampf gegen die Atombewaffnung in den fünfziger Jahren. Köln 
 

Autor

Dr. Karlheinz Lipp ist Historiker mit dem Schwerpunkt Historische Friedensforschung.
 

Rubrik

Hintergrund

Thema

  • Atomwaffen
  • Friedensbewegung