Geflüchtete Menschen mit Be_Hinderung und ihre strukturelle Ausgrenzung
Wenn Warnsirenen nicht gehört werden können, wird ein Luftangriff zur unsichtbaren Gefahr. Wenn Schutzräume nur über Treppen erreichbar sind, ist der Weg in Sicherheit versperrt. Für viele Menschen mit Be_Hinderung entscheidet sich bereits in solchen Situationen, wer Schutz erhält und wer übersehen wird, was im schlimmsten Fall tödlich enden kann.
Menschen mit Be_Hinderungen gehören weltweit zu den vulnerablen Gruppen, die in Kriegs- und Krisengebieten besonders gefährdet sind. Dennoch werden ihre Erfahrungen oftmals vergessen. Viele leben bereits vor dem Beginn eines Krieges mit einer Be_Hinderung, andere erwerben sie infolge von Gewalt oder mangelnder medizinischer Versorgung – sprich als Kriegsfolgen. Gemeinsam ist ihnen, dass Warnsysteme und Evakuierungen nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind. Die hier verwendete Schreibweise Be_Hinderung verdeutlicht, dass Be_Hinderung nicht allein als Eigenschaft einer Person verstanden wird. Der Unterstrich und das groß geschriebene H verweisen auf die Hindernisse, die durch gesellschaftliche, räumliche und institutionelle Barrieren entstehen. Gerade in Kriegs- und Fluchtsituationen wird sichtbar, wie sehr Sicherheit und Schutz von diesen Strukturen abhängen.
Wer Warnungen nicht wahrnehmen oder einordnen kann, kann sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. Hinzu kommt, dass Schutzräume und Notunterkünfte vielerorts nicht barrierefrei erreichbar sind. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen kann dies bedeuten, dass sie während eines Angriffs keinen Schutzraum erreichen und in ihren Wohnungen oder Häusern ungeschützt zurückbleiben müssen. Auch Fluchtwege werden in den seltensten Fällen aus der Perspektive von Menschen mit Be_Hinderung mitgedacht. Wer Unterstützung benötigt, muss die Flucht selbst oder mit Hilfe von Angehörigen organisieren und bewältigen. Damit wird die Verantwortung für die eigene Sicherheit den Betroffenen und ihrem Umfeld überlassen, anstatt durch entsprechende Strukturen gewährleistet zu werden.
Unsichtbar für Hilfe und Versorgung
Auch während der Flucht bleiben Unterstützungsbedarfe meistens unbeachtet. Hilfsmittel gehen verloren oder werden beschädigt und medizinische Versorgung bleibt unerreichbar. Für die Betroffenen bedeutet dies weit mehr als bloße praktische Einschränkungen. Ein verlorener Rollstuhl oder ein defektes Hörgerät erschweren den Zugang zu Sicherheit, Versorgung und überlebenswichtigen Informationen. Gleichzeitig können unterbrochene Behandlungen und fehlende Medikamente dazu führen, dass sich bestehende Beeinträchtigungen verschlimmern oder vermeidbare gesundheitliche Schäden entstehen. Flüchtlingslager sind ebenfalls nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Be_Hinderung ausgerichtet. Wasserstellen, Essensausgaben oder Sanitäranlagen bleiben für viele nur eingeschränkt erreichbar. Somit können grundlegende Bedürfnisse oft nur mit der Hilfe anderer Menschen erfüllt werden.
Gefangen im Zuständigkeitsdschungel
Mit der Ankunft in Europa, beispielsweise in Deutschland, endet die Ausgrenzung leider nicht, sondern ändert lediglich ihre Form. Zwar existieren umfangreiche Hilfesysteme für Menschen mit Be_Hinderung, doch für geflüchtete Menschen sind sie häufig nur schwer zugänglich. Ein Grund dafür liegt in der Trennung der Systeme von Fluchtaufnahme und Be_Hindertenhilfe. Wer Unterstützung benötigt, muss sich durch verschiedene Behörden, Zuständigkeiten und Antragsverfahren kämpfen. Unterstützungsbedarfe müssen wiederholt erklärt und nachgewiesen werden, während unklar bleibt, welche Stelle konkret verantwortlich ist. Bis die notwenigen Hilfsmittel, Therapien oder Assistenzleistungen tatsächlich zur Verfügung stehen, vergehen meist Monate.
Erschwerend kommt hinzu, dass Be_Hinderungen bei der Ankunft in Deutschland nicht systematisch erfasst werden. Unterstützungsbedarfe bleiben dadurch oft unsichtbar und finden in der Unterbringung oder bei der Vermittlung von Hilfsangeboten zunächst keine Berücksichtigung. Zusätzliche Hürden entstehen durch bürokratische Verfahren. Das Hilfesystem setzt vielfach voraus, dass Anträge eigenständig gestellt und komplexe Verfahren bewältigt werden können. Dabei liegen die meisten Informationen nur auf Deutsch und in Fachsprache vor – für geflüchtete Menschen, die gerade angekommen sind, also unmöglich zu verstehen. Da sich die Zuständigkeiten auf verschiedene Behörden verteilen ist für viele nicht nachvollziehbar, welche Unterstützung überhaupt existiert und wie sie beantragt werden kann.
Die Erfahrungen geflüchteter Menschen mit Be_Hinderung zeigen, dass sich ihre Unsichtbarkeit durch Krieg, Flucht und Ankunft in Deutschland zieht und weist damit auf ein systemisches Versagen hin. Gesellschaftliche und institutionelle Strukturen orientieren sich an einer vermeintlichen Norm, während besondere Unterstützungsbedarfe keine Beachtung finden. Wer nicht wahrgenommen wird, wird jedoch auch schlechter geschützt.
Autorin
Tessa Kayser hat Humangeographie in Münster studiert. Sie beschäftigt sich mit systemkritischen Perspektiven, insbesondere zu Intersektionalität, Feminismus und Migration. Ihre Schwerpunkte liegen auf der Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse und sozialer Ungleichheiten.
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- Menschenrechte
- Flucht und Migration