Kriege um Ressourcen - Gedanken zu einer zentralen friedenspolitischen Herausforderung

Klimawandel als Sicherheitsrisiko

von Reiner Braun

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Deutsche Stiftung Friedensnobelpreisträger, die Stiftung Umwelt und Energie NRW und die Right Livelihood Award Foundation, die jährlich den "Alternativen Nobelpreis" vergibt, veranstaltete im September den Veranstaltungszyklus "Energie, Ressourcen und Frieden" (www.dbu.de) und widmeten sich damit einem Themenkomplex, der 2007 zu einem national und international auch medial wichtigem Friedensthema wurde.

Der globale Klimawandel ist nicht mehr nur eine Angelegenheit der Umweltpolitik und des Umweltschutzes, sondern eine entscheidende Herausforderung für den Frieden und die Weltpolitik der kommenden Dekaden. Spätestens seit der Veröffentlichung des "Stern-Reports" zu den ökonomischen Folgen eines ungebremsten Klimawandels ist deutlich geworden, dass die Folgen der globalen Temperaturerhöhungen ganze Volkswirtschaften überfordern könnten und die Weltwirtschaft insgesamt betroffen sein wird. Niklas Stern, der ehemalige Chef-Ökonom der Weltbank, vergleicht die denkbaren Schäden des Klimawandels im Verlauf des 21. Jahrhunderts mit den Zerstörungen der beiden Weltkriege. Der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" (WBGU) hat im Juli diesen Jahres eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass ein ungebremster Klimawandel in den kommenden Dekaden Stabilität und Sicherheit in und zwischen den Weltregionen sowie im internationalen System insgesamt bedrohen könnte. Kriege der Zukunft werden auch Ressourcen- und Klimakriege sein.

Es kann aber auch zu folgenden positiven Konsequenzen führen:
Der Klimawandel könnte die Staatengemeinschaft unter dem Druck der betroffenen Bevölkerungen friedlich zusammenführen, wenn sie ihn als Menschheitsaufgabe begreift und in den kommenden Jahren durch eine energische Klimapolitik die Weichen für die Vermeidung eines gefährlichen anthropogenen Klimawandels stellt. Dazu muss sich eine neue verantwortliche multinationale, antihegemoniale internationale Politik herausbilden, müssen Worten reale Taten (auch schmerzhafte) folgen. Gelingt dies nicht, wird der Klimawandel zunehmend Spaltungs- und Konfliktlinien ja Kriege in der internationalen Politik hervorrufen, weil er vielfältige Verteilungskonflikte in und zwischen Ländern auslöst: um Wasser, um Land, um Luft, um gesunde Nahrung, um die Bewältigung von Flüchtlingsbewegungen oder um Kompensationszahlungen zwischen den wesentlichen Verursachern des Klimawandels und den Ländern, die vor allem von dessen destruktiven Wirkungen betroffen sein werden. Der Klimawandel könnte zu einem Sprengsatz für die internationale Politik werden, neue Gegensätze aufreißen, bestehende vertiefen, Hass, Gewalt und Chauvinismus in einer neuen Dimension hervorrufen. Imperiale Bestrebungen der zurzeit dominanten oder zukünftig bestimmenden Länder können alles noch weiter zuspitzen.

Misslingt der Versuch, die Treibhausgasemissionen bis Mitte des Jahrhunderts um 50 % zu reduzieren, werden vor allem viele Entwicklungsländer unter enormen gesellschaftlichen Anpassungsdruck kommen. Länder mit schwachen institutionellen Strukturen und Problemlösungskapazitäten könnten zu zerfallenden Staaten werden. Grenzüberschreitende Konflikte und Migrationsprozesse wären die Folge. Schon heute ist die internationale Politik überfordert, Konflikte friedlich zu lösen, oder verschärft sie durch imperiale Kriege wie im Irak oder Afghanistan. Durch den Klimawandel würden diese Weltprobleme weiter verschärft, ja zugespitzt.

Afrika gilt auf Grund seiner besonderen Anfälligkeit für klimatische Variabilität, kombiniert mit sozioökonomischen und politischen Stressfaktoren und geringen Anpassungskapazitäten, als besonders vulnerabel. So erwartet der IPCC hier bis 2020 eine Zunahme der unter klimainduzierter Wasserknappheit leidenden Menschen in einer Größenordnung von insgesamt 75-250 Millionen und in einzelnen Ländern einen Einbruch der landwirtschaftlichen Erträge aus dem Regenfeldbau um bis zu 50%. Im Nildelta wird die regionale Nahrungsmittelproduktion durch den Anstieg des Meeresspiegels gefährdet. Schon ein geringer Anstieg führt hier zur Versalzung wichtiger landwirtschaftlicher Nutzflächen, während die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Ackerböden und Süßwasser durch anhaltendes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung aus den angrenzenden Trockenregionen voraussichtlich weiter zunimmt. Im Sahelraum und im südlichen Afrika, wo besonders viele Menschen von Subsistenzlandwirtschaft abhängen, werden sich die ohnehin prekären Lebensverhältnisse durch häufigere und intensivere Extremwetterereignisse weiter verschlechtern. In Kombination mit der in vielen Ländern der Region vorherrschenden Schwäche staatlicher Institutionen sowie komplexen Gewaltkonflikten und großen Flüchtlingsströmen erscheint zudem das Risiko einer fortschreitenden regionalen Destabilisierung hoch.

In Asien stellt die Gletscherschmelze im Himalaya ein zentrales Problem dar. Neben Überflutungen bedeutet dies v.a. eine Verknappung der Süßwasserressourcen, von der nach Einschätzung des IPCC 2050 mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sein könnten. In weiten Teilen des Kontinents werden Überflutungen und Temperaturerhöhungen die Einhegung von Durchfallerkrankungen erschweren und wahrscheinlich die Sterblichkeit erhöhen. Indien, Pakistan und Bangladesch werden diesen und anderen absehbaren Klimafolgen besonders stark ausgesetzt sein. Die bereits heute verheerenden Stürme und Überflutungen werden häufiger auftreten und wegen des steigenden Meeresspiegels eine noch größere Zerstörungskraft entfalten. Die Versalzung der Böden wird zudem die regionale Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen, deren Erträge zur Jahrhundertmitte um bis zu 30% sinken könnten. Im dicht besiedelten und notorisch konfliktbehafteten Golf von Bengalen ist zudem zu befürchten, dass soziale Spannungen gewaltsam eskalieren könnten. In China werden u.a. die wirtschaftlich bedeutsame Südostküste (Tropenstürme) und weite Teile des Hinterlands (Dürren, Hitzewellen, Desertifikation) von den Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen sein. Dabei ist noch nicht abzusehen, ob die Anpassungs- und Steuerungskapazitäten des Staates den gleichzeitigen Herausforderungen von Modernisierung, sozialen Krisen, Umweltstress und Klimafolgen gewachsen sind.

Noch gravierender wären die Auswirkungen des Klimawandels, wenn ganze Ökosysteme kollabieren sollten. Die Klimaforscher argumentieren, dass jenseits einer globalen Temperaturerhöhung von 4 bis 5 Grad z.B. eine Austrocknung des Amazonas-Gebietes oder eine radikale Umstrukturierung des Monsuns, von dem die gesamte asiatische Landwirtschaft abhängt, drohen. Die Wirkungen solch großräumiger und radikaler Veränderungen von Naturräumen auf das globale Öko-System, die Gesellschaften und Ökonomien der unmittelbar betroffenen Weltregionen und das internationale System wären weitreichend und zugleich unvorhersehbar. Historische Beispiele aus der modernen Menschheitsgeschichte gibt es nicht. Versagt die globale Klimadiplomatie, steuert die Weltgemeinschaft auf unsichere, friedlose Zeiten zu.

Ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Bewusstseinswandel, eine Kulturrevolution ist dazu genauso notwendig, wie eine neue Politik, die Abstand nimmt von hegemonialen Kriegen, um angebliche "Energiesicherheiten". Kriege lösen keines der Probleme, sie verschlimmern sie nur, auch weil jeder Krieg eine gigantische Ressourcenverschwendung und ein Anheizen des Klimas mit sich bringt.

Wird die Menschheit, werden wir diese Herausforderungen bewältigen?

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Reiner Braun ist Geschäftsführer der IALANA Deutschland und Co-Präsident des Internationalen Friedensbüros (IPB).