Kommunale Friedensarbeit in Halle
„Frieden ist doch keine Arbeit.“ Dieses Statement meines Dialogpartners bei der ersten Pilotdurchführung eines „Friedensgesprächs“ der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) im April 2026 in Halle hat mich nachhaltig irritiert. Für den Friedenskreis Halle ist Frieden – lokal und international – seit 1990 der zentrale Inhalt seines Engagements. Von uns als Friedensarbeit verstanden und auch so benannt. Dieser Artikel nimmt die verneinende Aussage als Ausgangspunkt, um aus drei Perspektiven zu beschreiben, was kommunale Friedensarbeit für uns bedeutet.
Friedensarbeit im Jahresverlauf 2026
Die Beratung zu Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst gehörte in den Anfangsjahren zu einer der wichtigsten Aktivitäten des Friedenskreis Halle. Jetzt, mit der Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Kriegstüchtigkeit Deutschlands, nehmen wir gemeinsam mit der DFG-VK diese Beratung seit Januar an jedem dritten Montag wieder auf.
Die Stadt Halle hat auch im Februar noch immer keinen beschlossenen Haushalt. Die eigentlich für mehrere Jahre beschlossene Förderung von Projekten und Einrichtungen der Jugendarbeit ist auf Eis gelegt. Gemeinsam mit tausenden Menschen nehmen wir das nicht widerspruchslos hin und demonstrieren vor dem Stadthaus zu Beginn der Ratssitzung für Unterstützung und Zukunftsperspektiven für Kinder und Jugendliche in Halle.
Mit dem Workshop „Für Demokratie begeistern – die 5 D´s der demokratischen Konfliktaustragung“ begannen wir im März die Angebotsreihe unseres jährlichen Bildungsprogramms. Angesichts der in diesem Jahr bevorstehenden Landtagswahlen und der Debatte um die politische Positionierung von Vereinen und der Bildungsarbeit stellen wir unsere Bildungsarbeit in diesem Jahr unter den Titel „Friedenskreis Halle: nicht neutral“.
Das von uns mitentwickelte Konzept der „Friedensgespräche“ wird erstmalig im April in Halle unter dem Titel „Wie geht es dir mit der Friedensarbeit in Halle?“ durchgeführt. Mit dem von der AGDF initiierten Projekt werden Menschen eingeladen, zu einem ausgewählten Friedensthema das Schweigen zu durchbrechen und methodisch angeleitet zu Ängsten, Hoffnungen, persönlichen Bezügen und Veränderungsschritten in Kontakt zu kommen.
Nach mehreren Treffen des von uns mitinitiierten „Koordinationskreis Frieden Halle“ beendeten wir im Mai die Arbeit an unserem gemeinsamen Selbstverständnis. Nach einer sehr erfolgreichen Aktion zum Hiroshima-Tag im letzten Jahr und den bereits mehrfach gemeinsam organisierten öffentlichen Aktivitäten am 1. September wollen wir damit unseren Kreis auf eine gemeinsame inhaltlich-politische Basis stellen und weitere Akteure für den Weltfriedenstag 2026 einladen.
Eine Pressemitteilung des Betreibers des Freibads am Heidesee in Halle sorgte Ende Juni für bundesweite Aufregung: Menschen mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen soll der Zutritt verwehrt werden. Die emotionale und mediale Eskalationswelle schwillt rasant an. Gerüchte über antirassistische Demonstrationen und rechtspopulistische Instrumentalisierung der Situation machen die Runde. Doch durch die Vermittlung einer Pfarrerin kommen die unterschiedlichen Konfliktparteien – und auch die Stadtverwaltung – in einen konstruktiven Kontakt. Auch der Friedenskreis Halle hat im Hintergrund mit Telefonaten und Kurznachrichten einen kleinen Beitrag geleistet. Unser längerfristiger kommunale Vertrauensaufbau als konfliktsensibler zivilgesellschaftlicher Akteur und die Unterstützung beim kommunalen Konfliktmanagement der Stadt Halle werden ebenfalls jetzt zum Sommeranfang mit der wachsenden Baustelle des Islamischen Kulturzentrums in Halle-Neustadt, ganz ohne rechtspopulistische Proteste und Gewalt wie in anderen Städten, positiv sichtbar.
Der Friedenskreis Halle: Wer wir sind und was uns prägt
Der Friedenskreis Halle ist aus der friedlichen Revolution 1989 heraus 1990 entstanden. Der Gründungsimpuls des Friedenskreis Halle schöpfte sich dabei aus den Visionen der oppositionellen Friedensarbeit in der DDR, den sogenannten „Bausoldaten“ als „waffenloser Dienst in der NVA“ sowie der gewaltfreien Revolution von 1989. Für die ersten Engagierten bestand, getragen vom Ende des Kalten Krieges und den gewaltfreien Veränderungen in Deutschland und Europa, die Hoffnung, dass eine Gesellschaft ohne Gewalt, ein Deutschland ohne Militär und eine Welt ohne Kriege möglich werden könnten.
Aus ehrenamtlichem politischem Engagement und ersten Bildungsaktivitäten sowie ab 1992 mit humanitärer Hilfe für Menschen im ehemaligen Jugoslawien hat sich über die Jahre eine professionelle Friedensarbeit entwickelt. Für den Friedenskreis Halle wurde dies mit der Weiterentwicklung seiner Friedensarbeit parallel zu den gesellschaftlichen Ereignissen im konkretem lokalen Friedensengagement gestaltet, vom Ende des Kalten Krieges über die Kriege im Irak, im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan und Syrien bis zu den aktuellen gewaltsamen Konflikten in der Welt heute, insbesondere in der Ukraine und im Nahen Osten sowie den damit verbundenen politischen Debatten.
Wir verstehen uns als lernende Organisation, die sich zur Erreichung ihrer Grundanliegen und Ziele immer wieder verändert. Unsere Leitthemen sind dabei aktive Gewaltfreiheit, konstruktive Konfliktbearbeitung, gelebte Demokratie, transkulturelle Vielfalt sowie globale Gerechtigkeit. Aktuell umgesetzt werden diese in vier Handlungsfeldern in:
- einer vielfältigen Bildungsarbeit für unterschiedliche Zielgruppen,
- politischem Engagement zu unseren Leitthemen und aktuellen Ereignissen,
- der Mitwirkung am lokalen zivilgesellschaftlichen Engagement in Netzwerken sowie gemeinsamen Aktionen,
- der internationalen Zusammenarbeit mit Freiwilligendiensten und Jugendbegegnungen.
Mit Blick auf kommunale Friedensarbeit ist die in unserem Leitbild verankerte Ausrichtung und Zielbestimmung prägend: „Unsere lokale Verankerung verknüpfen wir mit globalen Fragen und internationalen Partnerschaften. Wir streben mit unserem Engagement einen Prozess der gesellschaftlichen Veränderung auf persönlicher, struktureller und kultureller Ebene im Sinne unserer Leitziele an.“ Dabei haben Konfliktbearbeitung und machtkritische Ansätze sowie Dialogarbeit in den letzten Jahren bei uns an besonderer Bedeutung gewonnen.
Mittel für Kommunale Friedensarbeit werden knapper
Im Unterschied zu anderen sozialen Bewegungen wie der Umwelt- oder Eine-Welt-Bewegung ist es der Friedensarbeit nie gelungen, bis auf wenige kleine Ausnahmen, spezifische private oder öffentliche Förderungen aufzubauen. Als Friedenskreis ist es uns viele Jahre gelungen, Mittel aus der lokalen sowie internationalen Jugendarbeit und der Demokratieförderung sowie Bildungsarbeit für unsere kommunale Friedensarbeit zu nutzen. Doch dies wird immer bürokratisch aufwändiger, und die verfügbaren Mittel werden knapper. Die Stadt Halle hat, wie oben benannt, bis zum Frühjahr keinen genehmigten Haushalt. Erst jetzt im Juni wurden die ursprünglich für vier Jahre beschlossene Förderung der Jugendarbeit bis lediglich Ende 2026 bewilligt. Mit der AGDF sind wir Teil des sieben Organisationen umfassenden Kooperationsverbunds „Demokratische Konfliktbearbeitung“. Dessen ursprünglich auf eine Laufzeit von acht Jahren ausgelegte Förderung im Rahmen von „Demokratie leben!“ wird jedoch zum Ende des Jahres vorzeitig, bereits nach zwei Jahren, wieder beendet. Für die Aufrüstung der Bundeswehr sind alle Beschränkungen der Verschuldung aufgehoben, für Demokratieförderung, Konfliktbearbeitung und Jugendarbeit sind dagegen immense Einsparungen vorgesehen und in der konkreten Arbeit schon jetzt spürbar.
Ich bin der Überzeugung, dass wir den Blick auf die Zukunft neu denken und uns drängenden Fragen stellen müssen:
- Was von unserer Arbeit hat sich bewährt und soll weiter Ausgangspunkt des Engagements sein?
- Was gilt es loszulassen, sich davon zu verabschieden? Vielleicht ins Archiv der Zeitgeschichte zu geben?
- Was müssen wir an Aktionsformen, Kooperationen und Strategien neu entwickeln?
Wir sehen uns als Friedenskreis Halle vorrangig als Organisation der Friedensarbeit, doch wir sind auch Teil der Friedensbewegung. Soll diese wieder mehr Gehör und Einfluss gewinnen, stehen für mich Koalitionen mit anderen progressiven sozialen Bewegungen, das Agieren auf Basis von universalistischen Werten und Grundsätzen sowie die Entwicklung neuer Aktionsformen und zeitgemäßer medialer Präsenz als Neuausrichtung auf der Tagesordnung. Nur eine Friedensarbeit, die kommunal und im bundesweiten sowie internationalen Verbund agiert, wird neue Menschen gewinnen, gewaltfreie Antworten auf Gewalt, Versicherheitlichung und Militarisierung finden und Wirkungen auf dem Friedensweg für Gewaltfreiheit, Vielfalt und Gerechtigkeit entfalten.
Autor
Christof Starke ist seit 1993 beim Friedenskreis Halle in unterschiedlichen Funktionen engagiert. Aktuell als Projektleiter im Kooperationsverbund „Demokratische Konfliktbearbeitung“ und Koordinator des lokalen und politischen Engagements sowie in der Geschäftsstelle.
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- Friedensbewegung