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EKD – Auf dem Weg zur Militärkirche?
Kritik der Denkschrift der Evangelischen Kirche
von
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat 2025 eine neue Denkschrift zur Friedensethik unter dem Titel „Welt in Unordnung“ herausgegeben. Der Autor, Pfarrer im Ruhestand, setzt sich aus theologischer Sicht kritisch mit ihr auseinander.
Die Kirche lebt aus der Differenz zwischen dem Frieden Gottes und der Vernunft. Gibt sie eines von beiden auf, hat die Kirche der Welt nichts zu sagen, was diese nicht sich selbst sagen könnte, oder sie verliert die Möglichkeit verstanden zu werden. Erst dort, wo die Spannung zwischen dem Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft (Phil 4,7), in der Auseinandersetzung mit der Vernunft thematisiert wird, kommt Kirche zu ihrer Sache.
Es ist die gleiche Differenz, die sich auftut zwischen dem angebrochenen Reich Gottes, das Jesus verkündete, und der Vollendung dieses Reiches durch ihn, was die Christenheit seit ihren Anfängen glaubt. Wird eine der beiden Seiten aufgegeben, passt sich Kirche der Welt an oder verwandelt sich in eine rein geistig-geistliche Gesellschaft.
Die Christenheit bekennt die Differenz zwischen Gott und Christus. Bekennt sie nicht mehr die Nähe zwischen Gott und Jesus, dem Juden aus Nazareth, verliert sie ihr Proprium, neu und anders von Gott zu reden und zu leben; spricht sie nicht mehr von Gott, kann sie sich nicht mehr an die Menschheit wenden. Ihre faktische Verfassung wird zum eigenen Horizont.
Die Denkschrift
In der neuen Denkschrift zum Frieden des Rates der Evangelischen Kirche von Deutschland finden sich Teile, in denen diese drei Differenzen aufgegeben werden. Diese Schrift trägt damit dazu bei, auf eine äußerst gefährliche Art und Weise Kirche in ihrem Kirche-Sein auszuhöhlen und gefährdet sie auf eine bislang nicht erlebte Art und Weise. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem offen davon gesprochen wird, dass sich Europa auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten muss und zu Weihnachten Tischdecken verkauft werden mit Sternen und Panzern, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges (in Düsseldorf gesehen, Peter Bürger). Täglich werden in der Ukraine Menschen für die Erhaltung von Staatsgrenzen geopfert und russischen Gegnern das Recht auf Leben abgesprochen.
1.
Es entspricht tatsächlich der Logik des vorausgesetzten Konzeptes des „Gerechten Friedens“, dem Schutz vor Gewalt die Priorität vor dem Schutz vor Not, Ermöglichung von Freiheit und Pluralität zu geben (S. 18 u. ö.) Diese Logik stellt vernunftgemäß fest, dass ein Staat in der Lage sein muss, solchen Schutz vor Gewalt in einer Bedrohung von außen an seinen Staatsgrenzen abzuwehren.
Die Autorinnen und Autoren dieser Denkschrift haben die Grenzen des Staates zu den Grenzen ihres Denkens gemacht. Insofern ist es folgerichtig, dass die Verweigerung des Kriegsdienstes nicht das „deutlichere Zeichen“ ist (Nr. 169, 177 der Denkschrift). Dass dies Bekenntnis seinerzeit nur in einer Diktatur (Nr. 177) Geltung gehabt habe, ist eine unzulässige Kontextualisierung. Die Kirchen der DDR haben dies christliches Bekenntnis wohl aus ihrer Situation heraus, aber nicht an sie gebunden ausgesprochen.
Das Völkerrecht erlaubt Nationalstaaten unter bestimmten Umständen, das Recht auf Leben uniformierten Angehörigen eines verfeindeten Staats abzuerkennen. Doch erlaubt bereits das Grundgesetz Art. 1 dem Staat weder die Einschränkung des Rechts auf Leben für eigene Soldat*innen noch verfeindeten Soldat*innen gegenüber, wie der Offizier Ralph Knauf (www.versoehnungsbund.de) schlüssig nachgewiesen hat. (1)
Innerhalb der Grenzen des Nationalstaates erscheint die Drohung und Anwendung von Atomwaffen wieder plausibel (Nr. 145).
Doch der Friede Gottes lässt die Vernunft weiter blicken: Die Grenzen eines Staates sind nicht die Grenzen der Kirche. Die Kirche verkörpert den Auferstandenen Christus und feiert in ihrer Mitte den Sieg Jesu über den Tod. Sie ist die Gemeinschaft der Heiligen, die zugleich die Menschheit vor Gott vertritt. Ihre Grenzen sind dort, wo ihre Botschaft nicht gehört werden will und Christ*innen sich ohne Gefährdung des eigenen Lebens nicht öffentlich zu Christus bekennen können. Nationalgrenzen spielen für den christlichen Glauben keine Rolle.
Gottes Gerechtigkeit hat in Christus das „Ja“ aufgerichtet gegenüber allen Menschen, 2. Kor 1,19, seine Barmherzigkeit gilt allen Menschen, Lk 6,36. Christ*innen stehen dafür ein, diese uneingeschränkte Würde jedes Menschen zu bezeugen.
Der Schutz Schutzloser kann für Christ*innen nicht anderes erfolgen als diesem Bekenntnis gemäß. Atomwaffen verlästern den christlichen Glauben in allen drei Teilen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses („ich glaube an Gott, den Vater ... und an Jesus Christus ... und an den Heiligen Geist"). Atomwaffen sind ein Verbrechen gegenüber der Menschheit (Papst Franziskus, EKiR Alt-Präses Rekowski).
2.
Der Friede, der höher ist als alle Vernunft, ist keine zukünftige Möglichkeit (Nr. 193), er ist „höher“ und nicht „später“ als alle Vernunft. Er ist durch Christus unfassbar seiner Gemeinde gegeben, dies in aller Unvollkommenheit zu leben. Sie lebt ihn, indem sie u. a. Feindesliebe übt und Barmherzigkeit besonders gegenüber Bedürftigen einübt. Dazu gehört auch der Feind. Den Befürworter*innen von Waffenlieferungen und Krieg fehlt es offenbar, wie Karl Kraus notierte, an der nötigen Phantasie, sich vorzustellen, was eine Waffe für Unheil anrichten kann.
Menschen, die durch Waffengewalt bedroht werden, durch Waffengewalt schützen zu wollen, führt in einen Selbstwiderspruch: Schließlich, wird – selbst wenn alle Regeln des Völkerrechts eingehalten werden und sich die militärische Gewalt nur gegen Kombattant*innen und nicht gegen Zivilist*innen richtet – der als Angreifer ausgemachte Soldat bedroht. Dies würde einer dritten Partei das Recht geben, nun zu seinem Schutz einzugreifen, ad infinitum – dies Unterfangen ist also unvernünftig.
Die Auffassung, „dass jeder Einsatz von Gewalt und insbesondere jedes Töten eines anderen Menschen die sorgsame ethische Prüfung vor dem eigenen Gewissen erfordert“ (Nr. 170; vgl. 77) zeugt von einem realitätsfernen Idealismus. Im Alltag des Soldaten zählt die Routine. Wenn eine ‚Panzerhaubitze 2000‘ zehn Schuss Artilleriemunition im Minutentakt verschießt, wird dies gewiss nicht bei jedem einzelnen Schuss geprüft. Ist erst einmal ein Kamerad in einem Gefecht ums Leben gekommen, entwickelt der Krieg seine Eigengesetzlichkeit: Der Kamerad darf nicht „umsonst“ gestorben sein. D. h. der Krieg verselbständigt sich.
Die Friedensfrage auf eine individuelle Entscheidung reduzieren zu wollen, ob zur Waffe zu greifen ist oder nicht (Nr. 156 u. ö.), ist eine Verengung der Thematik.
Es geht viel weniger um eine individuelle Reaktion auf Bedrohung des Lebens durch Waffengewalt, sondern um organisiertes staatliches Handeln. Dabei schränkt die Friedensschrift die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen de facto dort wieder ein, wo sie rechtfertigt, dass Staaten Menschen zu Zwangsdiensten verpflichten können (Nr. 163, 167ff, bes. 169).
Die Denkschrift verteidigt das Recht des Staates, von seinen Bürger*innen zu verlangen, ihr eigenes Leben zu gefährden und sie in eine Lage zu versetzen, in der sie das Tötungstabu der Gesellschaft missachten sollen (Nr. 159, 49), und passt sich damit dem Staat an (anders Paulus in Röm 12,2). Nach Gen 22 (Bindung Isaaks) widerspricht es der Gerechtigkeit Gottes, jemals einen Menschen zu opfern.
3.
Dass Gott zur Umkehr aufruft, findet sich in der Denkschrift nicht. Es wird nicht bedacht, wieviel Unrecht und Leid eine Kirche sich aufgehalst hat, indem sie die im Stich gelassen hat und im Stich lässt, die sich für das Friedenszeugnis Jesu, wo auch immer in der Welt ohne Waffen in der Hand eingesetzt haben und einsetzen, die sich einen bewaffneten Jesus schlicht nicht vorstellen können.
Spricht sie von Christus, folgen einige der wenigen Sätze, durch die hindurch nachvollziehbar wird, dass die Kirche doch etwas der Welt zu sagen hat, z. B. Nr. 123: „Die Erinnerung an Jesus Christus als den ‚neuen Menschen‘, in dessen Handeln das Reich Gottes bereits aufscheint, ruft die, die sich in seine Nachfolge stellen, dazu auf, sich aktiv für gerechte Lebensbedingungen aller Menschen einzusetzen.“
Gott aber ist nicht die Erfüllung und Gehilfe unserer Ansichten (vgl. Nr. 5, 48, 178). Christus befreit zur Umkehr, der Barmherzigkeit zu vertrauen und nicht der Gewalt.
Fazit
Die Theorie des „Gerechten Friedens“ entpuppt sich in dieser vom Rat der EKD vorgestellten Gestalt als kriegstreiberisch, der Aufrüstung verpflichtet und unvereinbar mit dem Evangelium. Sein – vom Rat der EKD unternommene – Versuch, die Staatsnähe mit dem Evangelium zu verbinden, muss als gescheitert angesehen werden, das Evangelium wurde für die Staatsnähe geopfert („Vor diesem Hintergrund eines an Recht und Ethik gebundenen Dienstes in den Streitkräften ist der Einschätzung zu widersprechen, dass der Dienst ohne Waffe das deutlichere Zeichen des Christseins darstelle.“ Nr. 177). Zeigt sich hier die EKD auf dem Weg zur Militärkirche? Eine christliche Friedenstheologie ist aufgerufen aufzuzeigen, worin stattdessen die Möglichkeiten liegen, die einer Kirche und der christlichen Gemeinde gut zu Gesicht stehen.
Da dies gegenwärtig weder vom Rat der EKD noch von seinen Gliedkirchen zu erwarten ist, wird es wohl nötig sein, Christinnen und Christen und Gemeinden zu einem Konvent zusammenzurufen, der in einer Art Barmer Theologischen Bekenntnisses 2.0 die Überlegenheit des Friedens Gottes über alle Vernunft bezeugt und bereit ist, sich in die Spannung zwischen der Welt und Christus zu begeben.
Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Hrsg. Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Leipzig, 2. korr. Auflage 2025, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf - eingesehen am 05.12.2025
Anmerkung
1 Der Aufsatz von Ralph Knauf ist hier zu finden: https://versoehnungsbund.de/sites/default/files/2020-05/Knauf%20Ralph%20...
Matthias-W. Engelke, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, verheiratet, zwei Kinder, drei Enkel, promoviert in Bonn, während der Zeit als Militärseelsorger in Idar-Oberstein 1997-2001 zum Pazifist geworden, 2010-2016 Vorsitzender des Internationalen Versöhnungsbundes, Gründungsmitglied des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, publiziert, komponiert, tanzt - www.ausgotteskraeutergarten.de/ - und fastet bis zum Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland 2026 20 Tage - http://fastenkampagne.blogspot.com/