Linus Pauling, ein Naturwissenschaftler für Frieden und Abrüstung
Am 28. Februar 1901 wurde Pauling in Portland/Oregon geboren. Er studierte Mathematik, Physik und Chemie. Mit einer Arbeit über die Röntgenstrukturanalyse wurde Pauling 1925 promoviert. Ein Studienaufenthalt in Europa vermittelte ihm wichtige Kenntnisse der Atomphysik. Von 1929 bis 1979 wirkte der Chemiker an verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Seine naturwissenschaftliche Arbeit umfasste u. a. die Anwendung der Quantenmechanik auf die Chemie, die magnetischen Eigenschaften des Hämoglobins, die Strukturanalyse von Proteinen sowie die Krebsvorsorge durch Vitamin C. Linus Pauling wurde 1954 der Nobelpreis für Chemie verliehen. Er erhielt 13 Ehrenpromotionen und gehörte 15 ausländischen Akademien an.
Maßgeblich beeinflusst durch seine Frau Ava Helen Miller, die er 1923 heiratete, schloss sich Pauling 1946 dem Friedensengagement Albert Einsteins an.
„Ich habe mir geschworen, niemals über wissenschaftliche Probleme zu sprechen, ohne die Frage des Friedens zu berühren“.
Mit einer Rede am 15. Mai 1957 startete der Nobelpreisträger eine zunehmend breiter werdende Kampagne gegen Experimente mit Atomwaffen. Wenige Wochen später tagte erstmals eine Konferenz führender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ost und West im kanadischen Pugwash, initiiert durch das Manifest gegen Atomwaffen, das Bertrand Russell und Albert Einstein am 9. Juli 1955 veröffentlicht hatten. Das Russell-Einstein-Manifest sowie die Pugwash-Bewegung wurden von Pauling tatkräftig mitgetragen – und setzten damit ein deutliches Zeichen gegen die politischen Fröste des Kalten Krieges.
Im Jahre 1958 überreichte Pauling dem damaligen UN-Generalsekretär Dag Hammerskjöld eine „Petition an die Vereinten Nationen betreffend dringenden und sofortigen Abschluss eines internationalen Abkommens zur Einstellung der Atomwaffenversuche“, die insgesamt ca. 11.000 Unterschriften aus 44 Ländern fand. Im gleichen Jahr veröffentlichte Pauling sein wichtiges Friedensbuch „No war“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde (deutsch: Leben oder Tod im Atomzeitalter). Mit seiner ausgezeichneten Fachkompetenz versuchte der renommierte Chemiker in zehn Kapiteln die katastrophalen Auswirkungen von Atomexplosionen darzustellen. Pauling beschreibt die Folgen von Hiroshima und Nagasaki sowie die Funktionsweise von Atom- und Wasserstoffbomben. Ein Schwerpunkt des Buches, das er seiner Frau widmete, behandelt den radioaktiven Niederschlag auf die Erde und die genetischen Wirkungen von Radioaktivität. Mit einer Fülle von Daten und detaillierten Fakten widerlegt Pauling die unverantwortlichen Verharmlosungen der Atomlobby und der rüstungsfanatischen Politiktreibenden. Im letzten Kapitel seines Buches plädiert der Friedensaktivist für die Schaffung einer Organisation für weltweite Friedensforschung, kritisiert die Forschungsarbeit von Naturwissenschaftler*innen für die militärische Aufrüstung und den hohen Rüstungsetat. Durch die Reduzierung des Militärbudgets solle die Friedensforschung finanziert werden.
Erfolge und Probleme im Kalten Krieg
Die Aktionen von Pauling und anderen Friedensbewegten blieben nicht erfolglos. Die Genfer Verhandlungen über die Einstellung der Atomwaffenversuche führten 1963 zum Moskauer Vertrag, der ein Verbot von Atomwaffentests in der Atmosphäre, in den Meeren und im Weltall beinhaltete. Es war sicherlich kein Zufall, dass just am Tage des Inkrafttretens dieses wichtigen Vertrages, am 10. Oktober 1963, Linus Pauling der Friedensnobelpreis für 1962 zugesprochen wurde.
Paulings Friedensengagement in der Ära des Kalten Krieges führte zu Auseinandersetzungen mit der US-Administration. Bereits 1950 beschuldigte ihn Senator Mc Carthy des Kommunismus‘, da Pauling die Wahl zum Vizepräsidenten der Weltföderation der Wissenschaftler*innen (Leitung: F. Joliot-Curie) angenommen hatte. Die genannte Petition an den UN-Generalsekretär brachte dem zweifachen Nobelpreisträger am 27. Juni 1960 eine Ladung vor den Senatsausschuss für Innere Sicherheit ein. Der Naturwissenschaftler wurde aufgefordert, die Namen derjenigen, die die Unterschriften sammelten, bekanntzugeben – doch Pauling schwieg. Mit Bertrand Russell, Martin Niemöller und anderen verklagte Pauling den US-Verteidigungsminister Mc Elroy wegen Verstoßes gegen die US-Verfassung und das Völkerrecht.
Im August 1965 publizierte Pauling einen Aufruf von acht Menschen, die den Friedensnobelpreis erhielten, in dem der militärische Einsatz der USA in Vietnam kritisiert und ein sofortiger Waffenstillstand sowie eine politische Verständigung gefordert wurden. Im Jahre 1970 erhielt Pauling eine weitere Auszeichnung für sein Friedensengagement, den Lenin-Friedenspreis.
Neue Waffen – bekannte Friedensforderungen
Wegen der waffentechnischen Entwicklung, an der die naturwissenschaftliche Forschung einen maßgeblichen Anteil hatte, musste der Friedensaktivist und Naturwissenschaftler Pauling seine Kritik an neuen Waffen stets aktualisieren – und er tat es. Waren es in den 1950er und 1960er Jahren die ABC-Waffen, so verurteilte der Friedensnobelpreisträger im März 1978 die Neutronenbombe als die „barbarischste Waffe, die jemals hergestellt wurde“.
Paulings Warnung aus dem Jahre 1963 vor der Führbarkeit „kleiner“ Kriege wurde durch die US-Regierungen der 1980er Jahre völlig ignoriert. Militaristische Hardliner wie Colin S. Gray, Keith Payne, Eugene Rostow und andere US-Atomkriegsstrategen der Regierung Reagan mit ihrem Plan eines begrenzten und für die USA siegreichen Atomkrieges (Motto: „Victory is possible“) läuteten das gigantischste Rüstungsprogramm eines Landes in sogenannten Friedenszeiten ein. Zum 25. Jahrestag der Pugwash-Konferenz 1982 unterstützte Pauling die Freeze-Kampagne der US-amerikanischen Friedensbewegung, die sich für ein sofortiges Einfrieren aller Atomwaffen, gegen den atomaren Erstschlag und für die Rüstungskonversion einsetzte. Ca. 3.300 Naturwissenschaftler*innen protestierten Anfang Juli 1983 auf dem Mainzer Kongress „Verantwortung für den Frieden“ gegen die Aufrüstung im Zusammenhang mit der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen. Pauling, der an dem Mainzer Kongress teilnahm, befürwortete einseitige Abrüstungsschritte der USA. Das Rüstungsprojekt eines Krieges der Sterne der Reagan- und Bush-Administration lehnte Pauling als eine unsinnige und riesige Verschwendung von Steuergeldern strikt ab. Nach dem Beginn des Golfkrieges forderte der zweifache Nobelpreisträger den US-Präsidenten Bush in einem Offenen Brief zu Verhandlungen auf.
Über mehrere Jahrzehnte wirkte Pauling als ein international anerkannter Naturwissenschaftler und zugleich als engagierter Friedensaktivist. Er starb am 19. August 1994 im Alter von 93 Jahren.
Quellen und Literatur
Linus Pauling: Leben oder Tod im Atomzeitalter. Wien 1960 u. ö.
Ders.: Neue Moral und internationales Recht. Berlin 1965.
Ders.: Wissenschaft und Frieden. Nobelvortrag, Oslo 11. Dezember 1963, 19 Uhr. In: Wissenschaft und Fortschritt 14 (1964), 290-296.
Verantwortung für den Frieden. Naturwissenschaftler gegen Atomrüstung. Hg. von Hans-Peter Dürr, Hans-Peter Harjes, Matthias Kreck und Peter Starlinger. Reinbek 1983.
Wilhelm Quitzow: Naturwissenschaftler zwischen Krieg und Frieden. Düsseldorf 1985.
Naturwissenschaftler im Friedenskampf. Eine Dokumentation. Hg. von Karl-Friedrich Wessel und Hans-Dieter Urbig. Berlin 1987.
Horst Remane: Linus Pauling. In: Bekenntnisse zum Frieden. Naturwissenschaftler und Mediziner des 20, Jahrhunderts im Kampf um Frieden und Abrüstung. Hg. von Irene Strube, Ingrid Kästner und Sonja Brentjes. Berlin 1989, 371-380.
Autor
Dr. Karlheinz Lipp ist Historiker mit dem Schwerpunkt Historische Friedensforschung.
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- Friedensforschung