Hintergrund-Beiträge im FriedensForum.
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Das Scheitern als Chance für die Rüstungsindustrie

Marschflugkörper und FCAS

Es ist ja nicht so, als hätte bei den Großprojekten der Bundeswehr nicht ohnehin seit Jahr und Tag eine Panne die nächste gejagt. Allerdings sorgt die Kombination aus einer auf hohes Tempo setzenden Beschaffung („Pistorius-Doktrin“) und einem Abbau nahezu sämtlicher Kontrollen (Bundeswehrbeschleunigungsgesetz) dafür, dass sich die Beschaffungsmisere in letzter Zeit potenziert hat. Aus der Vielzahl gescheiterter oder problembehafteter Rüstungsprojekte der jüngeren Vergangenheit ragen zwei besonders prägnant hervor: Die Beschaffung und Stationierung von US-Tomahawk-Marschflugkörpern und die Beendigung des gemeinsamen Baus eines Kampfjets mit Frankreich. 

Obwohl beide Vorhaben aus sehr unterschiedlichen Gründen in Schwierigkeiten gerieten, haben sie eines gemeinsam: Angesichts des Ausscheidens ausländischer Konkurrenz wittern deutsche Unternehmen die Chance, in die entstandene Lücke zu springen.

Wie weiter mit den Marschflugkörpern?

Obwohl es lange dementiert worden war, kündigten die USA und Deutschland am 10. Juli 2024 die Stationierung mehrerer landgestützter Mittelstreckensysteme, u. a. Tomahawk-Marschflugkörper, hierzulande an. Mit kurzen Vorwarnzeiten und hohem Tempo sind sie „ideal“ für Angriffe tief im russischen Raum geeignet. US-Präsident Donald Trump kündigte an, die unter seinem Vorgänger getroffene Entscheidung noch einmal grundsätzlich zu prüfen. Dies dürfte ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, dass Deutschland bei den USA daraufhin die Lieferung von 400 Tomahawk Block Vb für rund 1,5 Mrd. Euro anfragte, um damit unter anderem drei Typhon-Batterien für 220 Mio. Euro zu bestücken.

Allerdings handelte man sich sowohl bei der Verlegung als auch beim Kauf von US-Mittelstreckenwaffen von Washington im Mai 2026 zunächst einmal eine Absage ein. Weil aber die Fähigkeiten für derlei Angriffsoptionen unbedingt beschafft werden soll, wurde daraufhin verstärkt auf Eigenentwicklungen gesetzt. Nico Lange etwa, der ehemalige Chef des Leitungsstabs im Verteidigungsministerium, wurde mit folgenden Worten zitiert: „Die Abschreckungslücke endlich zu schließen und Erpressbarkeit durch russische Raketen zu vermeiden – das geht jetzt nur mit Schnellspur-Einführung von eigenen, in Deutschland produzierten und von den USA unabhängigen bodengebundenen Marschflugkörpern.“ (1)

Neben MBDA France will nun auch Rheinmetall in die entstandene Lücke preschen: Im April 2026 informierte der Konzern in einer Pressemitteilung, man werde mit dem niederländischen Unternehmen Destinus ein Joint Venture namens Rheinmetall Destinus Strike Systems gründen. Dementsprechend wurde kurz darauf die Entwicklung von RUTA Block 3 beschleunigt. 

Im Juli sagten die USA die Lieferung der Tomahawks dann doch zu, am Aufbau eigener Produktionskapazitäten dürfte dies aber wenig ändern. Während sich diese Chance ausschließlich durch Entscheidungen in Übersee ergab, wurde der gemeinsame Bau eines Kampfjets mit Frankreich durch tatkräftige Hilfe von Industrie und Gewerkschaft zum Absturz gebracht.

Wie weiter mit dem FCAS?

Im Zentrum eines neuen Luftkampfsystems („Future Combat Air System“, FCAS) hätte die Entwicklung eines Kampfjets unter französische Führung stehen sollen – dafür sollte Deutschland beim Bau eines gemeinsamen Kampfpanzers den Hut aufhaben. Während aufgrund mangelnden Know-hows in früheren Jahren eine Eigenentwicklung viel zu teuer gewesen wäre, kann man sich dies heute aber leisten – und, salopp gesagt, auf die Franzosen pfeifen. Vor diesem Hintergrund wurden ab 2025 die Forderungen aus den Reihen von Politik, Gewerkschaften und Rüstungslobby immer lauter, das Projekt faktisch einzustampfen. Stattdessen solle auf einen nationalen Alleingang („German Combat Air System“, GCAS) oder zumindest auf eine Lösung unter deutscher Führung gesetzt werden. 

Als Frankreich zum Beispiel kritisierte, man solle bei der vereinbarten Arbeitsteilung bleiben, brachte dies den CDU-Abgeordneten Volker Mayer-Lay, Luftwaffen-Berichterstatter der Unionsfraktion, so richtig auf die Palme. Er polterte im Februar 2026 umgehend, „als stärkste Industrienation Europas – mit wiedererstarktem sicherheitspolitischem Führungsanspruch“ dürfe man sich von Frankreich nicht auf der Nase herumtrampeln lassen, um dann zum Kern der Auseinandersetzung zu kommen: „Damit wird deutlich, dass es längst nicht mehr nur um industrielle Arbeitsteilung geht, sondern um politische Machtbalance und industriepolitische Führungsansprüche.“ (4)

Zur selben Zeit taten sich auch Marie-Christine von Hahn, die Chefin der wichtigsten Lobbyorganisation in diesem Bereich, dem Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), sowie Jürgen Kerner, zweiter Vorsitzender der IG Metall, für einen Handelsblatt-Artikel zusammen: „Seit fast einem Jahr beansprucht das französische Unternehmen Dassault de facto die Alleinherrschaft über das Projekt. Diese rigorose Haltung ist nicht mehr als Führungsanspruch unter gleichberechtigten Partnern zu verstehen – sie ist vielmehr eine Aufforderung an uns zur industriellen Selbstaufgabe. Pardon, aber das geht gar nicht. […] Die konsequente Antwort lautet: zwei Flugzeuge in einem gemeinsamen europäischen FCAS. Ein ZweiFlugzeugeAnsatz ist kein Scheitern, sondern das Erwachsenwerden dieses Projekts. […] In der Kombination mit einem robust ausgestatteten Bundeshaushalt sind wir in der Lage, selbstbewusst zu investieren und damit industriepolitisch mutige Wege zu beschreiten: Wir schließen uns nicht länger einem multinationalen Vorhaben an, sondern setzen ein eigenes Programm auf und suchen anschließend nach Partnern, die sich beteiligen möchten. Verantwortung für die Sicherheit Europas zu übernehmen, heißt auch, aus einer Position industrieller Stärke heraus zu führen.“ (5)

Am Ende trugen jedenfalls die ganzen Bemühungen Früchte: Im Juni 2026 wurde bekannt gegeben, Deutschland und Frankreich würden die gemeinsame Entwicklung eines Kampfjets beenden. Kurz darauf wurde unter dem Titel „Team Gen 6“ die Bildung eines Interessenskonsortiums bekannt gegeben, in dem sich Airbus Defence & Space, Autoflug, Diehl Defence, Hensoldt, Liebherr Aerospace Lindenberg, MBDA Deutschland, MTU Aero Engines und Rohde & Schwarz zusammengeschlossen haben. In einem Brief an Verteidigungsminister Pistorius schrieben sie: „Als ‚Team Gen 6‘ stehen wir bereit, um die Fähigkeiten, Überzeugungen und Interessen der nationalen Unternehmen und Kompetenzträger bei der Entwicklung eines Kampfflugzeuges der 6. Generation gemeinsam einzubringen. […] Mit einem Kampfflugzeug der 6. Generation und den zugehörigen Systemen in der Domäne Luft erhalten unsere Streitkräfte die notwendigen Werkzeuge an die Hand, um einen Konflikt im Sinne der Abschreckung zu vermeiden und im schlimmsten Fall zu gewinnen.“ ‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬(6)

Blick in die Kristallkugel

Insbesondere beim Scheitern des FCAS dürfte es sich um einen Blick in die Kristallkugel handeln, der offenbart, dass eine zunehmend selbstbewusste deutsche Rüstungslobby nicht nur bereit ist, in entstehende Lücken zu preschen, sondern mittlerweile auch in bislang ungekanntem Ausmaß aktiv Projekte zum Abschuss zu bringen. Mit den immer üppiger sprudelnden Geldern der Zeitenwende dürften die Bestrebungen und Fähigkeiten der Rüstungslobby, sich ihre (Beschaffungs-)Politik selber zu machen, ebenfalls zunehmen.  

Anmerkungen

1 https://www.welt.de/politik/plus69f84f9523e6b3dbf3c98359/trump-plan-die…;
2 https://www.rheinmetall.com/de/media/news-watch/news/2026/04/2026-04-13…;
3 https://www.hartpunkt.de/ruta-block-3-destinus-beschleunigt-die-entwick…;
4 https://www.hartpunkt.de/fcas-mayer-lay-warnt-vor-nachgeben-gegenueber-…;
5 https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-streit…;
6 https://augengeradeaus.net/2026/06/nach-dem-scheitern-von-fcas-deutsche-industrie-will-kampfjet-der-6-generation-selbst-entwickeln/comment-page-1/

Autor

Jürgen Wagner ist geschäftsführender Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. in Tübingen.
 

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  • Aufrüstung