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Intransparenz und fehlende Ansätze für Rüstungskontrolle
Mittelstreckenwaffen in Europa
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Bald zwei Jahre ist es her, dass die deutsche und die US-Regierung die Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland für 2026 ankündigten. Die Waffen sollen Teil einer Multi Domain Task Force (MDTF) des US-amerikanischen Militärs werden, deren Hauptquartier 2021 in Wiesbaden aktiviert wurde. Stationiert werden sollen der Marschflugkörper Tomahawk, die ballistische Rakete Standard-Missile 6 und die Hyperschallwaffe Dark Eagle. Alle drei Waffen tragen konventionelle Sprengköpfe, die Dark Eagle entfaltet ihre Zerstörungskraft vor allem durch die kinetische Energie aus der Wucht des Aufpralls. In den aktuellen Versionen ist keine der landgestützten Mittelstreckenwaffen als Trägersystem für Atomsprengköpfe geeignet.
Aufgrund ihrer Hyperschallgeschwindigkeit (SM-6 und Dark Eagle) bzw. ihrer Fähigkeit, unter dem Radar zu fliegen (Tomahawk), haben die drei Waffen extrem kurze Vorwarnzeiten im Falle ihres Einsatzes. Sie treffen präzise weit entfernte Ziele und entfalten eine große Durchschlagskraft. Deshalb eignen sie sich besonders für Überraschungsangriffe auf sogenannte Hochwertziele, etwa Frühwarnsysteme oder Raketenstellungen. Die kurzen Vorwarnzeiten führen bei potenziellen Gegner*innen zu einem permanenten Alarmzustand und erhöhen die Gefahr von Fehlalarmen. Da mit dem Einsatz auch nukleare Infrastruktur zerstört werden kann, könnte der Angriff mit diesen konventionellen Waffen eine nukleare Reaktion auslösen – nämlich, wenn die Sorge besteht, dass der Angriff nukleare Kapazitäten minimieren soll. So wird das Risiko eines Atomkriegs erhöht, und sei es nur aufgrund einer Fehleinschätzung, was das Ziel des Angriffs ist. Der Blick nach Russland unterstreicht diese Gefahr, denn dort ist seit Ende 2024 eine neue Nukleardoktrin in Kraft, die die atomare Einsatzschwelle deutlich abgesenkt hat.
Kommen die amerikanischen Raketen überhaupt?
Die Stationierung wirkt destabilisierend und gefährdet die Menschen hierzulande – und zwar selbst, wenn kein Angriff damit geplant ist. Denn alle wichtigen Kommando- und Stationierungsorte – etwa in Stuttgart, Wiesbaden und Grafenwöhr – befinden sich in Deutschland und stehen vermutlich weit oben auf der Prioritätenliste potentieller Angriffsziele. Ein solcher Angriff könnte nicht nur als Gegenschlag im Kriegsfall erfolgen, sondern auch als sogenannter „präemptiver“, das heißt vorbeugender Angriff, wenn der Einsatz der amerikanischen Waffen für die Gegenseite denkbar wird.
Im Juli 2025 erklärte Verteidigungsminister Pistorius, dass die Entscheidung in den USA noch ausstehe, ob und wann die Stationierung erfolge. Er rechnete mit einer Entscheidung im Herbst. Tatsächlich wurde das für die Stationierung vorgesehene Regiment im Oktober aktiviert, der Befehl zur Entsendung erfolgte jedoch nicht. Entsprechend bleibt unklar, wann die Soldat*innen und die Waffensysteme in Deutschland eintreffen sollen. Denn obwohl Bundeskanzler Merz im Dezember bestätigte, dass auch er von einem Festhalten an den Plänen ausgehe, scheint es in den USA weiteren Gesprächsbedarf zu geben. Zuletzt wurde im US-Kriegsministerium Kritik an der Entscheidung des früheren Präsidenten Biden zur Stationierung laut, da diese die Sicherheit in Europa gegenüber der Sicherheit im pazifischen Raum priorisiere. Die neue Regierung unter Präsident Trump fordert von den europäischen Staaten mehr Eigenverantwortung, die US-amerikanischen Ressourcen sollten lieber mit Blick auf China und den Mittleren Osten eingesetzt werden. Europa und eine mögliche Bedrohung durch Russland seien zweitrangig. (1)
Deutsche und europäische Mittelstreckenwaffen
Parallel zu diesen Entwicklungen kündigte Pistorius die Beschaffung eigener Typhon-Abschusssysteme für die deutsche Bundeswehr an. Von diesem Startsystem können auch die Tomahawks und SM-6-Raketen abgeschossen werden, die die USA in Deutschland stationieren wollen. Im Gegenteil zu Systemen des US-Militärs stünden die Bundeswehr-Startrampen jedoch unter deutschem Befehl. Die Beschaffung begründete Pistorius mit der Notwendigkeit einer Übergangslösung bis zur Fertigstellung eigener Systeme. Ende Oktober 2025 wurde schließlich ein regierungsinternes Dokument mit Beschaffungswünschen der Bundeswehr veröffentlicht. (2) Darauf waren neben drei der angekündigten Typhon-Systeme auch 400 Tomahawk Block Vb Marschflugkörper aufgelistet – eine Antwort auf die Frage, welchen Nutzen ein Abschusssystem ohne Munition haben sollte. Allerdings gibt es bislang keine offizielle Bestätigung für diese Pläne.
Gleichzeitig will die Bundesregierung die Entwicklung europäischer Mittelstreckenwaffen voranbringen: den European Long-Range Strike Approach (ELSA). Über dieses Projekt von Deutschland, Frankreich, Polen, Italien, Großbritannien und Schweden ist nicht viel bekannt, außer dass Waffensysteme mit einer Reichweite von 1.000 bis 2.000 km entwickelt werden sollen. Für Herbst 2025 geplante Entscheidungen über das weitere Vorgehen wurden bislang nicht getroffen.
Die endgültige Entscheidung zur Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen steht weiterhin aus, die Gespräche darüber sowie über die Beschaffung und Entwicklung entsprechender Systeme für die Bundeswehr sind intransparent. Sicher ist jedoch, dass zu wenig über Rüstungskontrolle nachgedacht wird. Denn auch Russland besitzt Mittelstreckenwaffen, darunter die Hyperschallrakete Oreschnik, welche im November 2024 und Januar 2026 im Krieg in der Ukraine eingesetzt wurden. 2025 nahm Russland die Serienproduktion der Oreschnik auf, am Ende des Jahres verkündete das russische Verteidigungsministerium den Abschluss ihrer Stationierung in Belarus. Diese und weitere russische Mittelstreckenwaffen sind sowohl konventionell als auch nuklear bestückbar – ein wichtiger Unterschied, der im Falle eines Einsatzes von Anderen nicht erkannt werden kann.
Wettrüsten
Schon jetzt zeichnet sich also ein Wettrüsten mit Mittelstreckenwaffen ab, Verträge zur Rüstungskontrolle werden hingegen nicht diskutiert. Der INF-Vertrag, der die Abschaffung aller landgestützten Mittelstreckenwaffen vorsah, wurde 2019 von den USA gekündigt, nachdem sie Russland mehrfach Vertragsbruch vorgeworfen hatten. Selbst der damalige NATO-Generaldirektor Stoltenberg plädierte für das Aufrechterhalten des Vertrags und bezeichnete ihn als Eckpfeiler der europäischen Sicherheit. Heute rutschen wir in genau die Situation, die der Vertrag verhindern sollte. Es braucht deshalb ernsthafte Bemühungen um einen Nachfolgevertrag, der die weitere Destabilisierung durch landgestützte Mittelstreckenwaffen beendet. Die Aushandlung eines solchen Vertrags gestaltet sich bereits zwischen Russland und den USA schwierig, letztere bestehen zusätzlich darauf, dass China einbezogen wird. Die deutsche Beschaffung und europäische Pläne zur Entwicklung solcher Waffensysteme verkomplizieren die Situation nun zusätzlich. Das Angebot, sowohl auf die Anschaffung eigener Systeme als auch die Stationierung von US-Waffen zu verzichten, wenn auch Russland seine Mittelstreckenwaffen aus dem europäischen Raum abzieht, wäre ein erster Schritt für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen und könnte den Weg für einen neuen, multilateralen INF-Vertrag öffnen.
Anmerkungen
1 https://www.stripes.com/branches/army/2025-12-15/tomahawks-artillery-ger...
2 https://www.politico.eu/article/germany-military-wish-list-defense-polit...