Interview

Parteiisch für Frieden

von Martin Singe
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Martin Singe (MS) interviewte den ZDF-Journalisten Klaus Prömpers (KP) zu seinen Erfahrungen bei der Berichterstattung aus Krisen- und Kriegsgebieten.

MS: Herr Prömpers, Sie waren für das ZDF als Fernsehjournalist u.a. in Bonn, Wien, Brüssel und New York tätig. Sie haben über Krisen-, Kriegs- und Konfliktgebiete berichtet. Was hat Sie selbst dabei besonders beeindruckt?

KP: Man begreift bei Einsätzen wie in Bosnien Herzegowina, welch tiefe Spuren des Hasses Kriege hinterlassen. Das gilt auch für meine Erfahrungen im Kosovo. Ohne Zweifel wird es noch einige Jahrzehnte dauern, bis die so tief verfeindeten bosnischen Muslime, Serben und Kroaten einander wieder über den Weg trauen. Zu viele Familien haben Tote aus den Kriegen zu beklagen, als dass sie so ohne weiteres vergessen könnten, was ihnen geschah.

MS: Sie haben auch die internationale Diplomatie in Konflikten verfolgt. Wie haben Sie die wichtigsten Organisationen OSZE, UN usw. wahrgenommen? Wie würden Sie das Verhältnis zwischen ernsthaften Friedensbemühungen und eigeninteressierter Interessendurchsetzung einzelner Staaten beschreiben?

KP: Die internationalen Organisationen sind immer die Summe ihrer Einzelteile, ob EU, OSZE oder UN. Man kann am Verhalten der Russen gegenüber Syrien sehr genau in jüngster Zeit studieren, wie das funktioniert. Den Russen wäre ohne Engagement in Syrien ihr einziger Mittelmeerhafen Taurus abhanden gekommen. Das war für sie ein wesentlicher Grund, sich mit Soldaten und Waffensystemen zu beteiligen, neben der Tatsache, dass sie nach dem arabischen Frühling und den ihm folgenden Umwälzungen in Nahost einen neuen Anlauf machen wollten, um in dieser Region weiter präsent zu sein. Erleichtert wurde der Plan durch die Abwesenheit der USA (bis auf wenige Hilfsmaßnahmen für oppositionelle Gruppen).
Die internationalen Organisationen konnten quasi protokollarisch bestenfalls abnicken, was beteiligte Kriegsparteien als Waffenstillstand oder Friedensvereinbarung ausgehandelt hatten. Ich glaube nicht, dass man von „internationaler Diplomatie“ sprechen kann, ebenso wenig wie von "internationaler Gemeinschaft". Auch hier gilt, jeder Staat, und sei er noch so klein, versucht zunächst mal, seine eigenen Interessen durchzusetzen.

MS: Kann es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen so etwas wie Friedensjournalismus geben oder bedeutet Objektivität, alle Seiten als gleichberechtigt darzustellen? Kann man parteiisch für den Frieden und objektiv sein?

KP: Parteiisch für den Frieden zu sein schließt nicht gänzlich aus, für gelegentlichen Einsatz auch von bewaffneten Kräften zu sein, wenn diese durch UN-Resolutionen beschlossen und gedeckt sind.
Eine Objektivität, die alle Seiten bemüht, als gleichberechtigte Interessen dar zustellen, kann immer nur angenähert werden. Nicht zuletzt hängt das von der Solidität der verfügbaren Informationen ab.

MS: Was würde für Sie persönlich Friedensjournalismus bedeuten?
Friedensjournalismus müsste bedeuten, Konflikte frühzeitig zu erkennen und durch die frühzeitige Behandlung in diplomatischen Kanälen möglichst gewaltfrei zu lösen. Aber schon die in den letzten Jahren wichtiger werdende Maxime „Responsibility to protect“ führt dazu, dass das nicht in allen Konfliktfällen so wird gelingen können.

MS: Sie selbst haben ein Buch herausgebracht: „So geht Frieden, Von Menschen, die um ihn ringen“, Bonifatius-Verlag 2015. Sie berichten dort auch über Personen, die in der Friedensbewegung als "grenzwertig" gelten. Allerdings haben Sie auch ein Kapitel über Donald Rumsfeld darin "So geht Frieden nicht". Was war die Intention für das Buch?

KP: Das Buch versucht, den Wandel (west)deutscher Außenpolitik vor und nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nachvollziehbar zu machen, und zwar an handelnden Personen, denen ich über die 40 Jahre meiner Tätigkeit als Außen- und sicherheitspolitischer Korrespondent begegnete.

MS: JournalistInnen sind der Wahrheit verpflichtet. Nun beginnen die meisten Kriege mit Lügen - vgl. Biowaffen im Irak (Powell) oder der Hufeisenplan von Scharping. Oder auch die Lüge, in Libyen einen Luftkorridor einrichten zu wollen, aber in Wirklichkeit einen Regimechange zu planen. Wissen JournalistInnen früher über solche Sachen Bescheid als die Öffentlichkeit? Wenn die Lügen öffentlich werden, wird oft nur knapp berichtet.

KP: JournalistInnen wissen im optimalen Fall als Zweite, nach den handelnden und gegebenenfalls lügenden Personen, dass da gelogen worden ist. So pauschal lässt sich meines Erachtens nicht sagen, dass bei Offenkundigwerden der Lügen nur knapp berichtet wird. Powells Aussagen vor dem UN Sicherheitsrat, oder Rudolf Scharpings „Hufeisenplan“ im Kosovo-rieg waren schnell und dann ausgiebig als Lügen entlarvt. Beide Beispiele werden bis heute immer wieder als Referenzgrößen für verfälschende Beeinflussung der Öffentlichkeit wahrgenommen und dargestellt.

MS: Hatten Sie schon mal Konflikte mit der ZDF-Leitung wegen Ihrer Berichterstattung?

KP: Nein, nicht wegen Fällen, die mit der Berichterstattung aus Kriegs- oder Krisengebieten zusammenhing.

MS: Wenn Kriegsparteien nur noch "embedded" Journalismus zulassen, ist es dann besser, gar nicht mitzumachen - oder gibt es auch dann noch Chancen zu objektiver Berichterstattung?

KP: Es gibt immer Möglichkeiten, abseits der embedded journalists zu arbeiten, allerdings gelten dann erschwerte Bedingungen, für Transport, Sicherheit und Kommunikation.
Aber die Freiheit sich zu nehmen, sollte es einem wert sein.

MS: Was wünschen Sie der Friedensbewegung?

KP: Mut und Ausdauer, weiter zu versuchen, Friedensinitiativen zu entwickeln, zu unterstützen und auch erfolgreich dabei zu sein.

Klaus Prömpers, Jahrgang 1949, studierte Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft in Köln und spezialisierte sich dann als Journalist für Radio und Fernsehen auf Außen- und Sicherheitspolitik. Seit Beginn der Vereinigung begleitete er die Bundeswehr von Kambodscha bis Afghanistan bei ihrer Veränderung von der Landesverteidigungsarmee zu einer, die auch out of area Einsätze wahrnehmen kann.

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.