Der Schwerpunkt des FriedensForums.
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Zerstörte Hoffnungen im Sudan

Sudan: Von der Revolution zum Krieg

Seit nahezu drei Jahren liefern sich im Sudan die Armee (Sudan Armed Forces, SAF) und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) einen erbitterten Kampf, der sich landesweit ausgebreitet hat. Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen sind ihm zum Opfer gefallen, Millionen wurden vertrieben. Der Krieg zerstörte nicht nur die Lebensgrundlagen vieler Menschen, sondern auch ihre Hoffnung auf Demokratie und Frieden.

Diese Hoffnung war real: Im April 2019 stürzten die Menschen im Sudan durch friedliche Proteste den Langzeitdiktator Omar al-Bashir, der das Land seit seinem Militärputsch 1989 über 30 Jahre lang mit eiserner Hand regiert hatte. Er verfolgte eine Politik der islamistischen und arabischen Vorherrschaft, die zahlreiche Kriege zur Folge hatte, darunter den Genozid an als nicht-arabisch identifizierten Gemeinschaften in Darfur sowie die Abspaltung des heutigen Südsudan.

Der Aufstand gegen die Regierung

Widerstand gegen das Regime existierte fast von Beginn an, wurde jedoch immer wieder brutal niedergeschlagen. Den Wendepunkt brachten Proteste, die im Dezember 2018 in marginalisierten, ländlichen Regionen begannen und sich rasch bis nach Khartum ausbreiteten. Schnell übernahmen nachbarschaftliche Basisorganisationen, die Widerstandskomitees, die Organisation der Proteste. Als die Protestierenden am 6. April 2019 eine Sitzblockade vor dem Militärhauptquartier in der Hauptstadt Khartum errichteten, wurde der Druck zu groß: Al-Bashir wurde von seinem eigenen Sicherheitsapparat abgesetzt, darunter die SAF unter Abdelfattah al-Burhan und die RSF unter Mohamed Hamdan Dagalo. Einen neuen General als Staatsoberhaupt lehnten die Protestierenden ab und forderten unter dem Slogan „Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit" eine zivil geführte Regierung ohne militärische Einmischung.

Die Sitzblockade wuchs zu einem Großereignis mit eigener Infrastruktur heran. Menschen aus dem ganzen Land reisten an und es entstand ein offener Austausch über Grenzen von Klasse, Geschlecht und Ethnizität hinweg. Nach über zwei Monaten wurde sie am 3. Juni 2019 von RSF und Geheimdienst gewaltsam aufgelöst, wobei vermutlich mehrere hundert Menschen ihr Leben verloren. Doch bereits am 30. Juni formierten sich erneut Massenproteste, die das Militär zu Verhandlungen zwangen. Diese führten zu einem Machtteilungsabkommen zwischen dem Militär und dem zivilen Bündnis der Forces of Freedom and Change (FFC). Eine von der FFC gestellte, zivile Übergangsregierung sollte das Land auf demokratische Wahlen vorbereiten, bevor das Militär seine Macht vollständig abgeben würde. Skeptiker*innen sahen darin jedoch einen elitären Deal, der der Forderung nach dem Ende der Militärherrschaft nicht gerecht wurde. Sie sollten recht behalten.

Die Übergangsphase war von multiplen Krisen geprägt: COVID-19-Pandemie, rasende Inflation und neoliberale Reformen unter Druck des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank ließen Armut und Unzufriedenheit in der Bevölkerung wachsen. Eine umfassende Reform des Sicherheitsapparats blieb aus, was angesichts der Machtteilhabe des Militärs kaum verwundert: RSF und SAF kontrollieren weite Teile der sudanesischen Wirtschaft, darunter Teile des Bankensektors und Goldminen. Ein Rückzug aus der Politik hätte für beide eine Aufgabe ihrer Immunität und wirtschaftlichen Anteile bedeutet.

Der Putsch

Am 25. Oktober 2021 putschten SAF und RSF gemeinsam gegen die zivile Übergangsregierung. Sie gaben an, die Revolution „zurück auf den richtigen Weg" zu bringen. Sudans Zivilgesellschaft ließ sich von dieser Rhetorik nicht blenden und leistete sofort Widerstand. Die Widerstandskomitees, die während der Übergangsperiode nachbarschaftliche Arbeit geleistet hatten, organisierten nun wieder regelmäßige Streiks und Proteste. Sie grenzten sich dabei zunehmend von den politischen Eliten der FFC ab, die sie für deren exkludierende Politik kritisierten.

Ein Jahr nach dem Putsch befand sich das Land in einer politischen Sackgasse: Den Putschisten war es nicht gelungen, den Widerstand zu unterdrücken, den Revolutionär*innen nicht, die Putschisten zu entheben. Erneut begannen Verhandlungen zwischen FFC und Militär. Die Straßenbewegung lehnte sie ab, da das drohende Abkommen dem von 2019 zu ähnlich schien, das ihrer Meinung nach zum Putsch geführt hatte. Im Dezember 2022 unterzeichneten Militär und FFC unter westlicher Leitung des UN-Sondereinsatzkommandos UNITAMS ein neues Abkommen.  Der Plan: eine zweijährige Übergangszeit unter ziviler Führung, die vollständige Integration der RSF in die SAF sowie der Rückzug des Militärs aus Wirtschaft und Politik. Doch das Abkommen legte weder einen konkreten Weg zur Transition fest noch bot es einen Zeitrahmen für die Regierungsbildung. Heikle Fragen der Sicherheitssektorreform und Gerechtigkeit wurden auf spätere Verhandlungen verschoben.

Der Bürgerkrieg

Im Frühjahr 2023 häuften sich militärische Streitigkeiten über die geplante Reform des Sicherheitsapparats sowie verbale Angriffe zwischen Dagalo und al-Burhan (die beiden führenden Generäle, Anm. der Red.). Im März berichtete das sudanesische Nachrichtennetzwerk Ayin von einem „Rekrutierungswettlauf“ beider Seiten imwestlichen Teil Darfur,s heute ein Hauptkriegsschauplatz. Zivilgesellschaftliche Gruppen und politische Analyst*innen warnten öffentlich vor einer Eskalation zum Krieg, während westliche Vermittler*innen und FFC-Vertreter*innen einen bevorstehenden Durchbruch versprachen.

Eine Unterzeichnungszeremonie für das finale Abkommen fand nie statt. In den frühen Morgenstunden des 15. April 2023 brach in Khartum Krieg aus. Wer ihn begonnen hat, ist bis heute umstritten, aber für das Verständnis der Entwicklungen, die zu ihm führten, ist das zweitrangig. Festzuhalten ist, dass keine der Kriegsparteien ein ernsthaftes Interesse an einem demokratischen Wandel oder an einer Militärreform hatte, die für beide Machteinbußen bedeutet hätte. Auch wenn sich im Nachhinein nicht sagen lässt, ob der Krieg ohne das Abkommen nicht zustande gekommen wäre, so ist er dennoch das Ergebnis einer an Realpolitik orientierten Verhandlungsstrategie, die sich statt auf die Breite der Zivilgesellschaft auf militärische und politische Eliten verließ.


Autorin

Saskia Jaschek hat zwei Jahre in Sudan gewohnt und promoviert an der Universität Bayreuth mit einem Projekt zur sudanesischen Widerstandsbewegung und dem Militärputsch von 2022. Als freie Journalistin beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Frieden und Konflikt, Migration und humanitäre Hilfe.

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  • Friedensforschung