Unterstützung von Frauen für Frauen

von Angela König

Seit Mai 1993 arbeite ich für die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland (EFD) und in Kooperation mit dem Beirat der Spendenaktion "Hilfe für vergewaltigte Frauen im ehemaligen Jugoslawien" in Zagreb. Meine Hauptaufgaben bestehen darin, Frauenorganisationen aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina in Ihrer Arbeit mit traumatisierten Flüchtlings- und Vertriebenenfrauen durch Beratung, Fortbildung und Strukturierungshilfen zu unterstützen, Verbindungsglied zur EFD, zum Beirat·und anderen deutschen Frauengruppen und -organisationen zu sein,·die Vernetzung der Gruppen untereinander und mit ausländischen Frauenorganisationen zu fördern, die Gruppen bei der Antragstellung und Abwicklung der Spendengelder zu beraten und neue Frauenprojekte zur Unterstützung traumatisierter Frauen zu finden.

Im Augenblick arbeite ich·mit Projekten und Frauengruppen in Sarajevo, Bihac, Zenica, Tuzla, Zagreb, Rijeka, Dubrovnik, Ivanic Grad und Pakcrac zusammen. Am meisten Spaß bei meiner Arbeit machen mir die Fortbildungen mit den unterschiedlichen Frauengruppen über Projektplanung und -aufbau oder die Gründung von Selbsthilfegruppen für traumatisierte Kriegsopfer. Sie sind für mich die beste Möglichkeit, die Frauen hier kennen und verstehen zu lernen.

Der Schreibtisch für meine Arbeit befindet sich im Büro der Deutschen Humanitären Hilfe, einer Außenstelle des Auswärtigen Amtes zur Koordinierung der humanitären Arbeit im ehemaligen Jugoslawien. Von hier aus arbeiten auch das Diakonische Werk, die Caritas, der Malteser Hilfsdienst und einige andere kleinere NROs. Der größte Teil der hier geleisteten humanitären Hilfe ist Überlebenshilfe im wahrsten Sinne des Wortes. Vor allem in den Kriegsgebieten Bosniens muß inzwischen der größte Teil der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Bekleidung, teilweise auch mit Brennstoffen versorgt werden. Ein weiteres großes Problem ist das Aufrechterhalten einer rudimentären Infrastruktur mit Wasser und Elektrizität. Die Lösung logistischer Probleme ist die wichtigste Arbeit der meisten Nichtregierungsorganisationen. Die Förderung und Stärkung der Frauengruppen durch Beratung, Fortbildung und die wenigen Gelder, die EFD und Beirat zur Verfügung stehen, erscheint mir in dieser Kriegssituation manchmal selber paradox und erweckt bei lokalen und internationalen KollegInnen oft Erstaunen. Nur langsam wächst ein Bewußtsein über die Notwendigkeit psychosozialer Projekte auch und gerade in dieser Kriegssituation.

Bei meiner Arbeit in Bosnien bin auch ich auf die Nutzung der von UNPRO-FOR zur Verfügung gestellten militärischen Logistik angewiesen. Schon oft war ich die einzige Frau und Zivilperson im mit Soldaten vollgepackten Flugzeug nach Sarajevo. Die Militarisierung der humanitären Hilfe hier in Bosnien und die Abhängigkeit der NROs von den UN-Organisationen ist wohl nur noch mit der Situation in Somalia vergleichbar. Die Situation in Bosnien zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß der Gewalt der Kriegsparteien weder ein konsequentes ziviles Eingreifen entgegengesetzt wird, noch die Soldaten die Lebensmittel und anderen Konvois wirksam schützen und als Militär militärisch agieren. Erst recht nicht ist daran gedacht, die Angreifer zu verfolgen. Die "Neutralität" der UN-Organisationen wirkt sich immer wieder zugunsten der militärisch stärkeren Seite, d. h. des Aggressors aus. Für die Opfer dieses Krieges, seien es Flüchtlinge oder die notleidende, vor allem muslimische Bevölkerung Bosniens, bedeutet diese "Neutralität" immer wieder eine erneute Viktimisierung und die Erfahrung, absolut allein gelassen zu werden. In meiner Arbeit mit den Flüchtlingsfrauen ist mir sehr deutlich geworden, wie wichtig ein Kriegstribunal wäre, daß die Täter zur Verantwortung zieht. Im Augenblick sieht jedoch alles danach aus, daß die Täter die Sieger bleiben werden und die Opfer humanitäre Hilfe erhalten.

Die Nichtregierungsorganisationen, die in Bosnien humanitäre Hilfe leisten wollen, sind auf die Zusammenarbeit mit UNPROFOR .und UNHCR angewiesen. Ihre Parteilichkeit für die Opfer - und das sind meistens muslimische BosnierInnen - steht des öfteren im Widerspruch zur "Neutralität" der UN-Organisationen, deren Gleichbehandlung aller drei Konfliktparteien sich immer wieder zugunsten der stärkeren Seite, d.h. des Aggressors auswirkt. In dieser Situation der Abhängigkeit der NROs von den UN-Organisationen reduziert sich gleichzeitig die Möglichkeit, an deren Politik Kritik zu üben. Zu groß ist die Gefahr, daß dann die humanitäre Arbeit der eigenen Organisation behindert wird.

In dieser schwierigen und kräftezehrenden Arbeitssituation, in der auch die professionellen HelferInnen immer wieder selber traumatisiert werden und neben der Lebensgefahr ihre Machtlosigkeit zu spüren bekommen, setzt auch bei ihnen das aus der Arbeit mit Gewaltopfern, vor allem Vergewaltigungsopfern bekannte "Blame the Victim-Symptom" ein, das sich im politischen Verhandlungsprozeß schon lange durchgesetzt hatte. Die moralischen Maßstäbe, die an das Verhalten der Opfer angelegt werden, sind unvergleichlich höher als die Maßstäbe, nach denen die Täter beurteilt werden. Individuell fühlen sich die HelferInnen betrogen, wenn auch die Opfer, denen sie doch helfen wollen, korrupt sind, politisch wird Izetbegovic und die muslimische Seite, die sich entgegen aller Realpolitik noch immer weigert zu unterschreiben, für die Fortdauer des Krieges und das Leiden der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht. Wenn sich am Völkermord durch Karadzic und Boban nichts ändert, wenn sich auf die Politik der UN oder der EU letztendlich kein Einfluß ausüben läßt, wird die muslimische Seite zum Täter gemacht, wenn sie nicht bedingungslos kapituliert. Diese Aussage soll noch nichts über die Politik der Muslime sagen.

Viele professionelle HelferInnen, die angesichts der eigenen traumatisierenden Erfahrungen von Lebensgefahr und Machtlosigkeit selber Unterstützung bräuchten, verhalten sich den Opfern gegenüber ambivalent. Die völlige Identifizierung mit der Situation der Opfer auf der einen Seite, produziert auf der anderen Seite auch schnell Enttäuschung und Ablehnung, wenn sich herausstellt, daß die Opfer nicht die besseren Menschen sind. Die hinter einer solchen Haltung stehende Moral erscheint mir äußerst zweifelhaft, (moralische Maßstäbe, die an Opfer angelegt werden, erscheinen höher). Persönliche Erfahrung und Enttäuschung in der Arbeit mit Flüchtlingen und Vertriebenen oder der bosnischen Bevölkerung insgesamt dominieren dann die po1itische Analyse über die Verursacher dieses Krieges und werden durch die Einstellung "alle sind gleich schlecht" ersetzt.

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Initiativen
Angela König war für die verschiede Organisation vor Ort u.a. für die Ev. Frauenarbeit. Zuletzt hat sie an der OSZE Missionin BiH teilgenommen.