Vergessene Konflikte: Zypern

von Eckehart Ehrenberg

Sei es im Süden oder auch im Norden der geteilten Insel: An der Küste ist von einer offenen „Zypern-Frage“ oder gar einem „Zypern-Konflikt“ nichts zu spüren. Auch die einheimische Bevölkerung scheinen hier diese Themen kaum zu interessieren.

Wer allerdings von der Südküste, etwa vom Flughafen Larnaca kommend, ins Landesinnere führt, und aufmerksam über das Land blickt, dem werden auf baumlosen Hügeln immer wieder Flaggen auffallen. Wer näher hinsieht, der wird von Zeit zu Zeit ein Schild an einem rostigen Stacheldraht bemerken, das auf Minen hinweist, die sich hier nun schon seit Jahrzehnten tückisch unter der Grasnarbe verstecken. Die Flaggen sind die griechisch-zypriotische der Republik Zypern, immer gepaart mit der griechischen einerseits und die türkisch-zypriotische, stets gemeinsam mit der türkischen Flagge andererseits. Die Flaggen markieren jeweils einen bewaffneten Beobachtungsposten. Eine Kette von beiderseits über 400 dieser Positionen deutet die Waffenstillstandslinien von 1974 an, die sich auf einer Länge von etwa 180km über die ganze Insel erstrecken. Dazwischen hat die Friedenstruppe der Vereinten Nationen, UNFICYP, eine entmilitarisierte „Pufferzone“ mit Beobachtungsplattformen eingerichtet, von denen die hell­blaue UN-Flagge weht.

Wer schließlich in die Inselhauptstadt Nikosia und dort in den Kern, die von venezianischen Wöllen umfaßte Altstadt vordringt, der kann die Relikte der Kämpfe und die fortdauernde Realität der Teilung und Abschottung nicht mehr übersehen: Zerschossene Häuser, roh gebrochene Schießscharten, hinter Sandsäcken verborgene Militärposten, Barrikaden und Sichtblenden. Die „Green Line“ von Nikosia mit ihren Blenden und Sperren hat - fast ebenso alt wie die Berliner Mauer - diese inzwischen überdauert.

Ungeliebte Republik - blutiger Bürgerkrieg
1963 brachen hier in Nikosia die berüchtigten „Weihnachtsunruhen“ aus. Bewaffnete Kräfte der griechisch-zypriotischen Bevölkerungsmehrheit waren über die türkisch-zypriotische Minderheit hergefallen, um endlich den lange ersehnten Anschluß der Insel an das griechische „Mutterland“, die „Enosis“, mit Gewalt zu erreichen. Türkisch-zypriotische Widerstandsgruppen schlugen zurück. Binnen Stunden standen Stadt und Land in Flammen. Alle Kriege sind mörderisch, aber Bürgerkriege sind gnadenlos. Innerhalb weniger Tage wurden über 500 Menschen getötet und Tausende verletzt. Auf der ganzen Insel wurden über 100 türkisch-zypriotische Dörfer ganz oder teilweise zerstört, und rund ein Viertel der türkisch-zypriotischen Bevölkerungsgruppe befand sich auf der Flucht.

Damals war Zypern erst seit wenigen Jahren eine unabhängige Republik. Et­wa drei Fünftel der Zyprer waren griechischer Abstammung und christlich, ein Fünftel war türkischer Abstammung und muslimisch. Seit 1570 war die Insel von den türkischen Osmanen beherrscht worden, im 19. Jahrhundert unter britischen Einfluß geraten, dann seit dem 1. Weltkrieg - förmlich seit 1925 - briti­sche Kronkolo­nie gewesen. Schon in türkischer und britischer Zeit hatte es Spannungen zwischen den Volksgruppen gegeben. In den letzten Jahren der britischen Herrschaft hatte jedoch erst einmal die Befreiung vom britischen Kolonialjoch Priorität, und dies vor allem für die griechisch-zypriotischen Untergrundkämpfer. Schließlich entstand 1959 die Republik Zypern als bewußt bikulturelles Gebilde mit ausdrücklich verfassungsmäßig verbrieften Rechten für die Minderheit. Großbritannien, Griechenland und die Türkei fungierten als „Garantiemöchte“ für den neuen Staat. Großbritannien hatte handfeste Militärinteressen auf der Insel und behielt das Gelände von zwei weiträumigen Militärbasen als „souveränes“ Gebiet in seiner Alleinverfügung. Griechenland und die Türkei waren, obwohl beide NATO-Mitglieder, eher miteinander verfeindet, konspirierten mit den jeweiligen Volksgruppen auf Zypern und beäugten aufmerksam deren Heil.

Für viele Griechisch-Zyprer war die neue Republik eine ungeliebte. Sie wurde als notwendiges übel und Durchgangsstadium zur ersehnten Vereinigung mit Griechenland betrachtet. Ganz anders dachten die Türkisch-Zyprer. Wegen der griechischen Mehrheit konnten sie keine Vereinigung der Insel mit der im Übrigen geographisch viel näher gelegenen Türkei erhoffen, fühlten sich auch mehrheitlich mit den Festlandstürken gar nicht so sehr verbunden. Also war für sie die Republik eine durchaus akzeptable politische Heimat, vorausgesetzt die verfassungsmäßig garantierten Minderheitenrechte wurden respektiert und in die Praxis umgesetzt. Eben dies aber wollten viele Griechisch-Zyprer, darunter auch der Präsident der Republik, Erzbischof Makarios, verhindern.

UN-Friedenstruppe als Alibi
Als Konsequenz des Bürgerkriegs wur­de bereits im Frühjahr 1964 die UN-Friedenstruppe UNFICYP aufgestellt, nachdem eine vorwiegend britische Friedenstruppe aus politischen Gründen gescheitert war. UNFICYP ist also in­zwischen über 27 Jahre auf der Insel. Da die Türkei bereits damals mit einer militärischen Intervention gedroht hatte, um als Garantiemacht die verfassungsmäßigen Zustände wiederherzustellen, vor allem aber, um „ihrer“ Volksgruppe beizustehen, war auch die „internationale“ Sicherheit gefährdet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Natio­nen hatte damit nach der UN-Charta eine Möglichkeit einzugreifen. Die NATO-Staaten im Sicherheitsrat waren an der Friedenstruppe sehr interessiert, um die als gefährlich angesehene Wunde im „Unterleib“ der NATO zu versorgen. Die Sowjetunion widersetzte sich nicht, da auch Erzbischof Makarios einverstanden war, der als „Blockfreier“ mit dem Ostblock sympathisierte.

UNFICYP hatte in der noch ungeteilten Republik die sehr schwierige Aufgabe, an unzähligen kleinen Fronten auf der ganzen Insel Übergriffe zu verhindern und Frieden zu stiften. Es zeigte sich auch bald, daß die Griechisch-Zyprer ihre Absichten nicht aufgegeben hatten und UNFICYP als Schirm gegenüber der Weltöffentlichkeit benutzten, um darunter ihre alten Ziele auch gewaltsam weiterzuverfolgen. Die in ihren Siedlungen eingeschlossene türkisch-zypriotische Minderheit wurde regelrecht belagert und in jeder Hinsicht schikaniert. Es wurden auch Tausende von Soldaten aus Griechenland herangebracht und große Mengen von Waffen importiert. Nach einer weiteren schweren internationalen Krise, Ende 1967, änderte Erzbischof Makarios seinen Kurs allmählich, wurde nun aber selbst von Scharfmachern bedroht. Die Situation wurde dadurch verschlimmert, daß zu jener Zeit in Athen die  Militärregierung der „griechischen Obristen“ diktatorisch herrschte. Im Juli 1974 wurde Makarios schließlich durch einen Militärputsch gestürzt, woraufhin die Vollendung der „Enosis“ erwartet wurde. Aber fünf Ta­ge später, am 20. Juli 1974, landeten türkische Truppen auf der Insel.

Feindseligkeit und Abschottung - politische Eiszeit unter der Mittelmeersonne
Nachdem die Schwelle der militärischen Invasion einmal überschritten war, machte die Türkei vollen Gebrauch von ihrer militärischen Überlegenheit, der das weit entfernte Griechenland nichts entgegenzusetzen hatte. In zwei Phasen eroberte die türkische Festlandsarmee von Norden her gegen den erbitterten Widerstand der griechisch-zypriotischen „Nationalgarde“ über ein Drittel der Insel. Danach verloren in einem groß angelegten Bevölkerungsaustausch über 65000 Menschen ihre Heimat. Erst jetzt war die Insel richtig geteilt. UNFICYP, die weder militärisch noch diplomatisch in der Lage gewesen war, die Invasion zu verhindern, rückte 1975 in die Zone zwischen den Waffenstillstandslinien ein.

Auch die türkische Invasion liegt nun schon 17ÿJahre zurück. Seither sind zahlreiche Pläne entwickelt worden, und es haben auf allen denkbaren Ebenen unzählige Gespräche stattgefunden. Oftmals schien eine Lösung greifbar nahe; in Wirklichkeit hatte sich aber kaum etwas bewegt. Stets besonders rührig bei seinen Vermittlungsbemühungen war zusammen mit seinem „Speziellen poli­tischen Repräsentanten“ auf Zypern der UN-Generalsekretär. Aber auch ihm war kein Erfolg beschie­den. Ende 1983 wurde im türkisch besetzten Norden die „Türkische Republik Nordzypern“ (TRNC) proklamiert, die allerdings - ein Unikum - bis heute nur von der Türkei diplomatisch anerkannt ist. Die griechische „Hallstein-Doktrin“ war insoweit erfolgreicher als die deutsche, hat aber in der Sache letztlich nichts bewirkt.

Von normaler Kommunikation zwischen den beiden Teilen der Insel kann keine Rede sein. Telefonieren kann man mit der anderen Seite auch heute noch nur über das Ausland. Nachdem der schmerzliche Bevölkerungsaustausch nicht verhindert werden konnte, wäre wenigstens ein Staatenbund, wenn schon kein Bundesstaat angesagt. Die Griechisch-Zyprer verlangen den Abzug der immer noch gut 30000 türkischen Invasionssoldaten. Für die meisten Türkisch-Zyprer kommt ein Abzug des türkischen Militärs, das sich auch „Friedenstruppe“ nennt, aber nicht infrage, da sie weiterhin Angst vor dem Chauvinismus ihrer vormaligen griechisch-zypriotischen Landsleute haben. Die Führung Nordzyperns ist ohnehin auch politisch eng an die Türkei gebunden. Zur Stabilisierung ihrer politischen Basis hat die nordzypriotische Regierung sogar einige zehntausend Zivilisten aus der Zentraltürkei ins Land geholt.

So sind die Aussichten für politische und menschliche Fortschritte weiterhin düster. Im Zuge der „Neuen Weltordnung“ nach dem Golfkrieg wollte die US-Diplomatie auch dieses kleinere Dauerproblem vom Tisch wischen. Neue Signale waren auch aus Ankara zu vernehmen. Nun bekommt jedoch Griechenland neue US-Waffen, und da die Türkei während des Golfkrieges so großen wirtschaftlichen Schaden erlitten hat und ein so treuer Verbündeter war, hat Präsident Bush ihr noch mehr Waffen versprochen. Ob dadurch das allseits mangelnde Vertrauen gestärkt wird, ist zu bezweifeln. Dennoch mag, das wissen wir aus unserer jüngsten Geschichte, eines Tages ganz unerwartet Unmögliches möglich werden.

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Hintergrund
Dr. Eckehart Ehrenberg, Dipl.-Phys., leitet das private Forschungsinstitut für Sicherheitspolitik und internationale Entwicklung e.V. (FISE) in Bonn und ist Lehrbeauftragteram Seminar für politische Wissenschaft der Universität Bonn.