Vergessene Stimmen – Ein Dokumentarfilm macht sie hörbar
Haben Sie von der am schnellsten wachsenden Vertreibungskrise der Welt gehört? Oder von einer der größten Hungersnöte von heute? Am 15. April 2023 begann der Krieg im Sudan, der das Leben von Millionen von Sudanes*innen zerstörte. Dieser Krieg erreicht kaum die internationalen Schlagzeilen, und noch weniger zeigt sich politischer Wille, effektive Maßnahmen zu ergreifen, um den Krieg einzudämmen oder zu beenden. Im Gegenteil – im Hunger nach Ressourcen und Macht haben sich viele internationale Akteure auf die eine oder andere Seite der beiden kriegführenden Generäle geschlagen - General Al-Burhan von den sudanesischen Streitkräften (Sudanese Armed Forces, SAF) und General Hamdan Dagalo (auch genannt „Hemedti“) von der Schnellen Eingreiftruppe (Rapid Support Forces, RSF).
Bana Group for Peace and Development ist ein feministisches sudanesisches Netzwerk mit dem Fokus, die Stimmen mehrfach Marginalisierter zu verstärken und sich für ihre Bedürfnisse und Forderungen einzusetzen. Mit dem Dokumentarfilm „Forgotten Voices“ möchte die Bana Group, in Kooperation mit der KURVE Wustrow e.V., diejenigen sichtbar machen, die auf der Verliererseite des Krieges stehen – die Zivilist*innen im Sudan. In über 50 Interviews, die an 10 Orten im Sudan und im Exil dokumentiert wurden, legen Sudanes*innen verschiedenster Herkünfte Zeugnis ab. Sie sprechen darüber, wie sie den Beginn des Krieges erlebt haben, wie sie die Flucht bewältigt haben, wie ihr Leben vor dem Krieg war, welchen Bezug sie heute zur Revolution von 2018/2019 haben, und wie sie jetzt im Kriegsgebiet und als Vertriebene überleben. Sie appellieren an ihre sudanesischen Mitbürger*innen und an die internationale Gemeinschaft für ein Ende des Krieges, für humanitäre Unterstützung, und unermüdlich für die Vision der Revolution: Echte Demokratie, und ein Leben in Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit.
Bana schreibt: „Es sind die Stimmen derjenigen, die die Welt nicht für wichtig genug hielt, um sie zu hören - und deren bloßes Überleben eine Form des Widerstands ist.“
Der etwa einstündige Film kommt mit nur wenigen dramatischen Bildern des Krieges aus. Das Kriegsgeschehen wird dadurch plastisch, dass Menschen verschiedenster Perspektiven darüber sprechen: Vom Kind bis zur Greisin, von der Aktivistin bis zum gehörlosen Mann, von Menschen aus der Stadt und Menschen aus ländlichen Regionen, Menschen die im Land vertrieben sind oder im Exil sind in Uganda, im Tschad, in Libyen ...
Die Menschen erscheinen nicht als „Opfer“, sondern als Personen, die ein normales Leben hatten, bis es durch die Kriegsgewalt zerstört wurde. Sie sind mehr als Überlebende - ihre Stärke, ihr Schmerz und ihre Nachdenklichkeit treten hervor.
Und immer wieder machen die Interviewten deutlich, dass sie sich nicht von der Propaganda der Kriegstreiber und Hassrede in Sozialen Medien instrumentalisieren lassen, sondern dass sie sich darüber klar sind, dass dies ein Krieg der Generäle und ihrer Schergen gegen die Zivilbevölkerung ist. So sagt beispielsweise die Aktivistin Amani Hasabo, ursprünglich aus ElFasher, Darfur: „In Wirklichkeit hat das Gewehr komplett darin versagt, irgendein Ergebnis zu erreichen.“
Und Myrna Saeed, Projektkoordinatorin aus Omdurman und inzwischen im Exil, sagt: „Ihr, die ihr um Macht oder Reichtum oder was auch immer kämpft, es wird euch nichts nützen (…). Unrecht wird keinen Bestand haben. (…) Und die Hassrede, der Rassismus: Das sind Verbrechen gegen uns selbst als Sudanes*innen. Warum tun wir uns das an? Entweder wir schaffen Sicherheit für alle, oder wir ertrinken alle. Es gibt keine dritte Möglichkeit.“
Der Film bietet keine vertiefte Analyse der Kriegsgründe und involvierten Interessen, aber das ist auch nicht sein Ziel. Er ermöglicht es, sich in die Perspektiven von Menschen im Kontext des Krieges im Sudan hineinzuversetzen, die in westlichen weißen Lebenswelten kaum vorkommen. Und damit ist nicht nur das Schweigen über die unfassbare Tragödie gebrochen, die heute im Sudan geschieht. Dies kann auch Anstoß sein, sich solidarisch für ein Ende des Krieges und der internationalen Komplizenschaft darin zu engagieren.
Wer eine Filmvorführung vor Ort organisieren möchte, oder mehr über andere Möglichkeiten herausfinden will, solidarisch aktiv zu werden, kann sich melden unter: banagroup [dot] ev [at] protonmail [dot] com (banagroup[dot]ev[at]protonmail[dot]com). Bana bietet auch an, dass ein Mitglied der Gruppe im Anschluss an eine Filmvorführen vor Ort oder digital zu einem Gespräch mit dem Publikum dabei ist.
Autorin
Julia Kramer ist Co-Geschäftsführerin im Bund für Soziale Verteidigung.
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- Friedensforschung