Warum Friedensgruppen aus den Kommunen des Riga-Komitees diese Reise machen
„Erde, decke mein Blut nicht zu. Mein Schreien finde keine Ruhestätte.“
Wer diese Worte auf dem schwarzen Granitstein in der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga liest, spürt sofort: Hier geht es nicht um ferne Geschichte. Hier geht es um Menschen. Um Nachbarn. Um Familien. Um Bürgerinnen und Bürger aus unseren Städten und Gemeinden. Um Menschen, die einst in Münster, Osnabrück, Dortmund, Köln, Kassel, Hannover oder vielen anderen deutschen Kommunen lebten – und deren Lebensweg in Riga gewaltsam endete.
Viele Städte und Gemeinden (ca. 80) sind Mitglied im Deutschen Riga-Komitee. Sie haben damit ein wichtiges Zeichen gesetzt: Erinnerung darf nicht verblassen. Doch Mitgliedschaft allein genügt nicht. Die Erfahrung einer Reise nach Riga verändert den Blick auf Geschichte, sie bedeutet Verantwortung und Friedensarbeit auf eine Weise, die keine Broschüre, kein Vortrag und kein Schulbuch vermitteln kann.
Die Friedensinitiative Nottuln (FI) hat im Mai 2026 eine solche Reise unternommen. Elf Teilnehmer*innen machten sich auf den Weg nach Lettland. Was sie dort erlebten, war weit mehr als eine Gedenkstättenfahrt. Es war eine Begegnung mit europäischer Geschichte, mit den Folgen von Krieg und Gewalt – und mit den Herausforderungen des Friedens in unserer Gegenwart.
Geschichte bekommt Gesichter
Wer einmal durch den Wald von Bikernieki gegangen ist, wird diesen Ort nicht vergessen. Heute ist er ruhig. Die hohen Kiefern rauschen im Wind. Vögel singen. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hier Zehntausende Menschen ermordet wurden. Gerade dieser Kontrast macht den Ort so erschütternd. Zwischen den Bäumen liegen die Massengräber. Die Gedenkstätte erinnert an jüdische Menschen aus Lettland, an Deportierte aus Deutschland, Österreich und Tschechien sowie an politische Gefangene und sowjetische Kriegsgefangene.
Im Wald von Bikernieki stehen die Stelen und Gedenksteine der Städte des Riga-Komitees. Zwischen ihnen finden Besucher*innen die Namen ihrer eigenen Kommunen. Die Mitglieder der FI fanden dort die Gedenkplatte ihrer Gemeinde. Plötzlich wird sichtbar, dass die Opfer nicht nur Zahlen in historischen Statistiken sind. Sie kamen aus den Straßen und Orten, die wir heute kennen.
Ähnlich wirkt die Gedenkstätte Rumbula. Dort wurden Ende 1941 innerhalb weniger Tage rund 25.000 Menschen ermordet. Wer den Weg von den ehemaligen Bahngleisen zu den Erschießungsstätten geht, ahnt etwas von dem Grauen, das sich hier abgespielt hat. Die Stille des Waldes steht in scharfem Gegensatz zur Gewalt der Geschichte.
Solche Orte machen deutlich, wohin Hass, Nationalismus, Antisemitismus und die Entmenschlichung anderer Menschen führen können. Sie sind deshalb keine Orte der Vergangenheit allein. Sie sind Mahnungen für die Gegenwart.
Noch eindringlicher wird dies im Rigaer Ghetto-Museum. Dort begegnet man Namen, Fotos und Lebensgeschichten. Menschen aus dem Münsterland, aus Nordrhein-Westfalen und aus vielen anderen Regionen Deutschlands. Sie erhalten ihr Gesicht zurück. Teilnehmende dieser Fahrt berichten später, dass gerade diese persönliche Nähe sie besonders bewegt hat. Die Frage lautet nicht mehr: „Was ist damals passiert?“ Sondern: „Wer waren diese Menschen? Wie lebten sie? Und was hätte ich getan? Und wann beginnt der Weg in die Katastrophe?“
Begegnungen, die herausfordern
Eine Reise nach Riga ist jedoch nicht nur eine Reise in die Vergangenheit.
Wer nach Lettland fährt, begegnet auch den Sorgen und Erfahrungen eines Landes, das bis heute von seiner Geschichte geprägt ist. Die deutsche Reisegruppe traf Vertreter*innen der Stadt Riga, Mitarbeitende des Goethe-Instituts und viele Menschen vor Ort. Dabei wurde deutlich: Die Wahrnehmung von Frieden und Sicherheit unterscheidet sich erheblich von unseren deutschen Debatten.
Viele Lett*innen sehen die Bedrohung durch Russland als unmittelbare Realität. Der russische Angriff auf die Ukraine hat Ängste verstärkt, die tief in den Erfahrungen von Besatzung und Unterdrückung verwurzelt sind. Für viele Menschen in Lettland ist Frieden nicht selbstverständlich. Freiheit wird als etwas erlebt, das jederzeit verloren gehen kann. Und immer wieder der Satz: „Es wird Krieg geben. Die Frage ist nicht ob, sondern wann! Und wir sind bereit!“
Für Friedensgruppen auch unbequeme Begegnungen. Sie fordern eigene Gewissheiten heraus. Sie machen deutlich, dass Friedensarbeit immer auch Zuhören bedeutet. Gerade deshalb sind sie wertvoll.
Die Teilnehmer*innen nahmen sich vor, mit einem „offenen Kopf“ nach Riga zu fahren. Sie wollten verstehen, wie Menschen in Lettland denken und fühlen. Diese Haltung machte die Reise zu einer echten Lernerfahrung.
Friedensarbeit braucht internationale Beziehungen
Ein weiterer Gewinn solcher Fahrten liegt im persönlichen Austausch.
Die Reisegruppe erlebte Riga nicht nur als Gedenkort, sondern auch als lebendige europäische Hauptstadt. Begegnungen mit Stadtvertreter*innen, Gespräche über die Arbeit der „Mayors for Peace“ und Kontakte zu Menschen vor Ort eröffneten neue Perspektiven auf gemeinsame Verantwortung in Europa.
Gerade in einer Zeit, in der Nationalismus und Abschottung wieder zunehmen, gewinnen solche Verbindungen an Bedeutung. Friedensarbeit geschieht nicht nur auf Demonstrationen oder in Resolutionen. Sie entsteht auch dort, wo Menschen einander begegnen, einander zuhören und voneinander lernen.
Eine Reise, die nachwirkt
Die Teilnehmer*innen aus Nottuln kehrten nicht mit fertigen Antworten zurück. Sie kamen mit neuen Fragen. Wie kann Erinnerung lebendig gehalten werden? Wie gelingt Friedensarbeit in einer Zeit neuer Kriege? Was bedeutet Solidarität mit Ländern, die sich bedroht fühlen? Wie kann die Geschichte der Deportierten aus unseren Städten stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden?
Genau darin liegt vielleicht der größte Wert einer Reise nach Riga. Sie liefert keine einfachen Botschaften. Sie eröffnet Denk- und Gesprächsräume. Sie verbindet lokale Geschichte mit europäischen Fragen. Sie zeigt, dass Erinnerung und Friedensarbeit untrennbar zusammengehören.
Deshalb richtet sich dieser Appell an die Friedensgruppen, Kirchengemeinden, Geschichtskreise und zivilgesellschaftlichen Initiativen in den Kommunen des Riga-Komitees: Fahrt nach Riga!
Besucht Bikernieki und Rumbula. Sucht die Gedenksteine eurer Stadt. Lernt die Geschichten der Deportierten kennen. Sprecht mit den Menschen vor Ort. Lasst euch irritieren, berühren und herausfordern.
Denn erst wenn wir die Orte sehen, an denen die Opfer ihre letzte Ruhestätte fanden, verstehen wir wirklich, warum Erinnerung keine Pflichtübung ist, sondern Friedensarbeit. Und vielleicht nehmt ihr von dort dieselbe Botschaft mit, die auf dem Stein in Bikernieki eingraviert ist:
„Erde, decke mein Blut nicht zu. Mein Schreien finde keine Ruhestätte.“
Es ist die Bitte der Ermordeten an uns. Und sie bleibt aktuell – gerade heute.
Autor
Robert Hülsbusch ist Mitglied in der Friedensinitiative Nottuln und in der DFG-VK.
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- Friedensbewegung