„Wer nicht hören will, muss fühlen!“
„Wer nicht hören will, muss fühlen!“ – Diesen Spruch habe ich noch in Erinnerung aus meiner Kindheit in den 1950er und frühen 1960er Jahren, kurz bevor es Prügel gab. Heute hat dieser alte Spruch eine andere, höchstaktuelle Bedeutung erhalten.
Die Hitzewellen, die in den vergangenen Wochen über Frankreich nach Deutschland zogen, haben uns Temperatur fühlen und ahnen lassen, was uns mit den Folgen des Klimawandels schon in naher Zukunft und erst recht in einigen Jahrzehnten bevorsteht.
„In zwanzig Jahren könnten wir diesen Sommer als kühl in Erinnerung haben“, postete die Europäische Kommissionsvertretung in Deutschland, die nicht im Verdacht steht, Panikmache zu betreiben, am 15.7.2026 auf Facebook. (1)
Exakt am selben Tag beschloss die Bundesregierung einen Wirtschaftsplan, mit dem Förderprogramme im Klima- und Transformationsfonds (KTF) gekürzt werden sollen. Danach sollen im kommenden Jahr Einnahmen aus dem Emissionshandel, die bisher in den KTF geflossen sind, teilweise für den „Kernhaushalt“, konkret für die Finanzierung der massiven Hochrüstung genutzt werden. Es geht um eine Summe von 2,7 Milliarden Euro. Das wäre allerdings erst der Anfang der Kürzungen. Bei der Planung bis 2030 solle es im Grundsatz eine Kürzung um 30 Prozent geben. (2)
Wenn wir aktuell die Hitze fühlen, dann sollten wir uns bewusst sein, dass wir jetzt Szenarien erleben, die Klimaforscher*innen eher für 2050 prognostiziert haben. Da dürfte also in den nächsten Jahren noch einiges mehr auf uns zukommen. Da die Entwicklung nicht linear verläuft, mag es sein, dass es vorübergehend sogar etwas kühler wird, bevor die nächsten Hitzerekorde geknackt werden.
Dass diese Problematik auch der Bundeswehr bekannt ist, hat sie zuletzt 2023 in einer Studie veröffentlicht, nach der eine Zunahme von Extremereignissen wie Überflutungen, Hitzewellen und Dürren zu erwarten sei. Neu ist, dass Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst dies ausdrücklich als Sicherheitsrisiko einschätzen. (3)
Erinnern wir uns: „Klimaschutz darf nicht den Wohlstand gefährden“, sagte Kanzler Merz am 24.9.2025 im Bundestag. (4) Tags darauf konterten die wichtigsten deutschen Klimaforschungsinstitutionen in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e. V. und des ExtremWetterKongresses anlässlich eines Aufrufs der DPG und Deutschen Meteorologischen Gesellschaft e.V. mit dem Hinweis, die Drei-Grad-Grenze könnte schon um 2050 erreicht werden:
„In Deutschland könnten die Klimaschäden bis 2050 auf bis zu 900 Milliarden Euro steigen, weltweit sind bis Mitte der 2040er Jahre Einkommenseinbußen von rund 20 Prozent projiziert. Gleichzeitig erfordert die Klimaanpassung jährlich Milliardeninvestitionen. Klimaschutz dagegen ist ein ökonomischer Gewinn: Jeder investierte Euro bringt 1,8 bis 4,8 Euro zurück, vor allem, weil enorme Schäden verhindert werden.“ (5)
In einem Interview der Zeit wurde im Hinblick auf 2050 angesichts des zu erwartenden Anstiegs des Meeresspiegels hingewiesen: „Es braucht einen Plan, Hamburg kilometerweit landeinwärts zu ziehen.“ (6)
Auf den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Klimakrise wies unlängst u. a. Amnesty International hin. (7) Derzeit erleben wir im Ukraine-Krieg, dass gezielt Erdölraffinerien angegriffen und in Brand gesetzt werden. Die Folgen sind noch nicht abschätzbar. Gegenüber diesen Realitäten wirken ansonsten sinnvolle Maßnahmen wie ein Tempolimit auf Autobahnen zur Senkung des CO2-Ausstoßes eher lächerlich.
Dass Rüstungsproduktion einen erheblichen ökologischen Fußabdruck hat, wird nicht bestritten. Letztlich können wir uns unter dem Aspekt Klimawandel weder Hochrüstung noch Krieg leisten.
Hinzu kommt: Zu den schlimmsten durch den Klimawandel zu erwartenden Szenarien zählt das Auftauen des Permafrostbodens – ein Sechstel der gesamten Erdoberfläche. Dabei dürften Treibhausgase freigesetzt werden, die die Erderwärmung weiter beschleunigen. Da ein Großteil dieses Territoriums in Sibirien liegt, bleibt eine Verständigung mit Russland – wie auch immer möglich – unausweichlich.
Anmerkungen
1 https://www.facebook.com/photo/?fbid=1503718988449080&set=a.64125402469…
2 https://www.n-tv.de/politik/Klingbeil-kuerzt-Klimaprogramme-und-schicht…
3 https://metis.unibw.de/assets/pdf/metis-studie33-2023_03-auswirkungen_d…
4 https://www.welt.de/politik/deutschland/video68d3a1e8d038d71e52611e01/g…
5 https://www.dmg-ev.de/wp-content/uploads/2025/09/dpg-pm-xx_Klimaaufruf_…
6 https://www.zeit.de/2025/41/erderwaermung-forschung-weltklimarat-klaus-…
7 https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/militaer-globale-auf…
8 https://www.ardalpha.de/wissen/umwelt/klima/klimawandel/permafrostboden…
Autor
Otmar Steinbicker ist ehrenamtlicher Redakteur des Friedensforums.
Ausgabe
Rubrik
Thema
- Klimakrise, Krieg und Frieden
- Friedensbewegung