Zurschaustellung der Macht
Für viele aus unserer Gruppe - auch für mich - kann die unbefristete Verlängerung keineswegs überraschend. Rückblickend auf die vier Konferenzwoche ist das jedoch nicht die ganze Wahrheit.
Zur Schilderung der Ereignisse gehört die klare Erkenntnis: es gab keinen "Konsens" in der Verlängerungsentscheidung. Einigkeit bestand darüber, daß eine Mehrheit für unbefristete Verlängerung vorhanden war, was auch auch nie bestritten wurde. Der Präsident der Konferenz, Jayantha Dhanapala, der das Amt des Generalsekretärs anstrebt, mußte den Anschein von Konsens zustandebringen. Einmal ging er sogar so weit, die Formulierung "Es besteht Konsens darüber, daß eine Mehrheit zugunsten unbefristeter Verlängerung beseht" vorzuschlagen. Man verwarf dies aber, denn die Konferenz hätte sich damit lächerlich gemacht. Allerdings lief die schließlich angewandte Methode der Beschlußfassung auf das gleiche hinaus.
Überprüfung
Eine Reihe von Delegierten brachte in Reden vor dem Plenum nach der Entscheidung ihre heftigen Einwände zum Ausdruck. Das Schlimmste stand aber noch bevor. Während sie bezüglich der Verlängerung dem Druck der Atomwaffenstaaten nicht mehr standgehalten hatten, hegten viele Delegierte atomwaffenfreier Staaten die Erwartung, sie könnten in den Überprüfungsabschlußbericht eine Formulierung einbauen, der ihre Besorgnis darüber zeigte, daß nicht genug getan worden war, um Artikel VI des Vertrageszu erfüllen. D.h. die Maßnahmen zur Abrüstung reichten nicht so weit, als das mann sagen könnte, der Rüstungswettlauf sei zu Ende. Besonders Indonesien und Malaysia drängten darauf, die bindende Verpflichtung zu weiterer Abrüstung im Dokument festzuschreiben. "Bedauerlicherweise trafen unsere Bemühungen auf starken und entschlossenen Widerstand durch Atomwaffenstaaten und ihre Unterstützer", sagte Malaysia vor dem Plenum.
Zwar waren die NGOs bei den Sitzungen, in denen zur Überprüfung formuliert wurde, nicht zugelassen, jedoch wurden einige Entwürfe nach außen gereicht, denen die strittigen Punkte zu entnehmen waren. Einige Beispiele: Großbritannien erhob Einspruch gegen den Satz "Die Konferenz bestätigt nach einmal, daß im Geiste der Präambel des Vertrages alle Atomwaffen von Angesicht der Erde beseitigt werden müssen". Die Atomwaffenstaaten protestierten gegen die Feststellungen, es würden "immer noch qualitative Verbesserungen an Atomwaffen vorgenommen", und "die Konferenz bedauert, daß seit Inkrafttreten des Vertrags bezüglich Artikel VI und der Paragraphen 8 bis 12 der Präambel nicht mehr erreicht werden konnte". Weitere solcher Kritikpunkte am Verhaltung der Atomwaffenstaaten in der Vergangenheit wurden von diesen als inakzeptabel bewertet, ebenso wie jeglicher Vorschlag, man möge weitere Schritte zur Abrüstung unternehmen, unter anderem "der Aufruf an die GUS-Staaten und die Vereinigten, START II inkrafttreten zu lassen und, sobald durchführbar, weiteren erheblichen Abbau anzugehen".
Das endlose Gerangel um den Abschlußbericht endete einmal mehr damit, daß es nicht gelang, den Überprüfungsprozess zu vollenden. Das heißt, seit, seit zehn Jahren ist kein Überprüfungsdokument zustandegekommen. Vor diesem Hintergrund von einen Konsens oder gar von Einstimmigkeit zu sprechen, kommt einer Lüge sehr nah - die amerikanische und die deutsche Presse taten es dennoch. Der Ausgang der Konferenz bedeutete lediglich eine obszöne Zurschaustellung der Macht des Nordens über den Süden.
"The Abolition Cauce" - Das NRO-Gremium für Abschaffung
Das Positive an der Arbeit in New York war der Zusammenschluss zu einem Netzwerk gleichgesinnter Nichtregierungsorganisationen (NRO) für die Abschaffung von Atomwaffen unter dem "NGO Nuclear Abolition Caucus". Der Zusammenschluss wurde auch veranlasst durch die Position einer Gruppe von 16 amerikanischen NROs, die sich "Kampagne für den Nichtverbreitungsvertrag" nannte und nicht nur die unbefristete Verlängerung unterstützte, sondern auch noch im Großen und ganzen auf der Linie der amerikanischen Regierung lag. Diese Gruppe war gut organisiert, wurde ausgiebig von der Presse erwähnt, besaß guten Zugang zu Dokumenten und Delegierten-Räumen und hatte sogar ihre eigenen Leute als Berater in ein paar Delegationen. Während der Konferenz erstellten Mitglieder dieser Gruppe eine NRO-Stellungnahme, in der empfohlen wurde, die Zahl der Atomwaffen auf 200 zu reduzieren. In der darauffolgenden hitzigen Debatte erklärten sie sich bereit, im letzten Abschnitt auf die Notwendigkeit einer Konvention zur Abschaffung von Atomwaffen hinzuweisen, um so die Haltung aller NROs besser zu repräsentieren. Diese Einstellung veranlasste den Abolition Caucus, seine eigene Stellungnahme an die NVV-Delegierten darüber zu verfassen, wie in elf Schritten Abschaffung zu erreichen sei, wobei im ersten gefordert wird, sich zum Beginn von Verhandlungen über eine Konvention zur Beseitigung aller Atomwaffen zu verpflichten. Die Stellungnahme des Abolition Caucus wurde weltweit verbreitet, und am Ende der Konferenz hatten über 200 Organisationen sie unterschrieben. Dieses überwältigende internationale Echo ermutigte den Caucus, das Argument anzuführen, daß er für eine ungeheure Zahl von Menschen spreche - allein mit den größten Unterzeichnern (Grrenpeace, Pax Christi, IPPNW konnten wir behaupten, mehr als 10 Mio. Menschen zu repräsentieren.
Die Mitglieder des Abolition Caucus machten sich daran, ihre Lobbyarbeit um den einzigen Punkt der Konvention zu organisieren. Wir äußerten zwar unseren Protest gegen eine unbefristete Verlängerung, fanden aber, man solle auf eine Verpflichtungserklärung drängen. Wir teilten die Länder, die in ihren Stellungsnahmen zu einem Zeitrahmen für Abrüstung aufgerufen hatten, unter uns auf und machten bei ihnen Lobbyarbeit dahingehend, sie mögen der Konferenz vorschlagen, sich in ihrem Abschlußbericht zu verpflichten, noch 1995 Verhandlungen über eine Konvention zu beginnen. Durch diese Arbeit fanden wir heraus, welche Länder hinter der Idee einer Konvention stehen, auch wenn es uns nicht gelungen ist, sie in den gegenwärtig nichtexistenten Abschlußbericht einzubringen. Die Information ist nützlich für die Lobbyarbeit bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen und besonders 1997 bei der UN-Sondersitzung über Abrüstung, wo der Antrag auf eine Konvention wieder ansteht. Jedenfalls ist das Konzept bei der NVV-Konferenz zur Sprache gebracht und so vielen Staaten begrüßt worden, daß es sich lohnt, sich noch einmal dafür ins Zeug zu legen.