Redebeitrag für den Ostermarsch in Weimar am 19. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Hagenow, westlich von Schwerin, November 1984. Der erste Politunterricht im 29. und der Systemgrenze nächsten Mot-Schützenregiment  der Nationalen Volksarmee der DDR. „Der Bundeswehrsoldat ist dein größter Feind“ dröhnt es aus einem fetten Offizierskörper heraus in meine Ohren. Ich habe versagt. Hab den schwersten Fehler meines Lebens begangen. Weil ich zu feige war, nicht den Arsch in der Hose hatte, aus Schiss vor Nachteilen den Waffendienst zu verweigern. Nun musste ich sie erdulden, 18 Monate voller Lügen, Phrasen und Demagogie, etwa, wonach der Friede bewaffnet sein müsse.

Danach: ganz viel Hoffnung. Und ganz viel Enttäuschung.

Heute, reichlich vierzig Jahre später, auch in Europa: Tod. Zerstörtes Leben. Unersetzlich. Unwiderbringlich. Verbrecherisch. Menschenunwürdig.

Auf den Schlachtfeldern unter den Kugeln aus Gewehren und Haubitzen.

Im Bombenhagel auf Wohnhäuser, Kraftwerke, Kliniken.

In Flüchtlingslagern und Notunterkünften. In bewusst toleriert untergehenden Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer.

Und an hochgerüsteten Grenzen, in widerrechtlich besetzten Gebieten und blutig geführten Bürgerkriegen: es wird geschossen und bombardiert. Und es wird gestorben.

Glieder werden zerfetzt, Körper durchlöchert, Frauen und Kinder verlieren ihre Männer und Väter, oft genug auch Eltern ihre Kinder. Immer noch, immer wieder. Angst, Tränen, Trauer, Schreien, Verzweiflung allenthalben. Zerstörte Häuser, zerstörte Hoffnung, zerstörte Zukunft.

Und eine ächzende Erde, mit kontaminierten Böden, trümmerübersäten Feldern und vergifteten Gewässern.

Krieg. Meist angezettelt von machtbesessenen Despoten und Faschisten. Ob im Kreml, im Pentagon, in den Hauptquartieren der Militärblöcke, in Machtzentren und Präsidentschaftssuiten des Nahen und Mittleren Ostens, in den Schaltzentralen von Terrororganisationen, Milizen, Untergrundkommandos. Und oft auch mit langer, häufig ausgeblendeter Vor- und Ursachengeschichte. Begleitet von Propaganda, Fehl- und Falschinformationen, Manipulationen und über die ach so modernen digitalen Kanäle unserer Zeit.

Und: es funktioniert! Fatalerweise. Professionell koordinierte Diplomatie und das echte, beharrliche Bemühen um Verhandlungslösungen? -  Weitgehend Fehlanzeige. Stattdessen werden die Menschen auf eine vermeintliche „Zeitenwende“ eingeschworen, welche „Kriegstüchtigkeit“ erfordere. Für die Unfähigkeit und den Unwillen der Machteliten, die Waffen zum Schweigen zu bringen, also Krieg und Gewalt auf diplomatischem Wege und durch Verhandlungslösungen zu beenden, bezahlt die gesamte Menschheit einen gigantisch hohen Preis.

Unvorstellbare Milliardensummen sollen allein in Deutschland in Militär und Rüstung fließen. Obwohl bereits seit vielen Jahren über die klammen öffentlichen Haushalte geklagt wird. Was im Klartext bedeutet: es wird nicht nur im sozialen Bereich weiter ungemütlich, sondern es fehlen die Mittel für viele eigentlich notwendige Dinge jenseits der Infrastruktur. Und mit dem Streben nach Kriegstüchtigkeit wird gleichzeitig auch der soziale Frieden torpediert.

Unverhohlen ist im Schatten der Kriegstaumelei die Propagandamaschine der Neoliberalen längst angelaufen.

„Kanonen und Butter – das wäre schön, wenn das ginge“, sagt Clemens Fuest, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstitutes ifo, und fährt fort: „Aber das ist Schlaraffenland. Das geht nicht. Sondern Kanonen ohne Butter.“

Dasselbe Bild verwendet Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft IfW. Er sagt: „Mittelfristig wird kein Weg daran vorbeiführen, harte Budgetentscheidungen zwischen Kanonen und Butter zu treffen.“ Und malt schonmal ein konkretes Zukunftsbild an die Wand.

Zitat: „Wenn wir uns an anderen Ländern orientieren, scheint eine Erhöhung der Militärausgaben bis zum Ende des Jahrzehnts auf 150 Milliarden Euro jährlich realistisch.“ Und im Interview mit dem SPIEGEL macht er auch gleich Finanzierungsvorschläge. Zitat: „Länger arbeiten, Kapitaldeckung hochfahren und den Lebensstandard der Ruheständler einfrieren. Man wird auch an den Rentenzuschusses des Bundes herangehen müssen.“

Und jetzt wird es geradezu unfassbar: „Es war die ältere Generation, die es versäumt hat, in unsere Sicherheit zu investieren.“

So sieht also der heutige Elitenblick auf die Abrüstungs- und Entspannungsbemühungen der vergangenen Jahrzehnte aus!

Gleichzeitig steigt der Aktienkurs und Börsenwert des Rüstungskonzerns Rheinmetall ins Unvorstellbare, und entlarvt die ganze Perversität der Kriegswirtschaft.

„Kanonen statt Butter“ bedeutet den frech und unverschämt eingeräumten Mangel an, und die zunehmende  Unerschwinglichkeit von grundsätzlichen Bedarfsgütern für sozial Schwache, während gleichzeitig der, wohlgemerkt durch Waffen- und Rüstungsproduktion, also Tötungsinstrumente entstehende Reichtum der Bosse und Kapitalbesitzer und Fondseigner zur Freude der Börsen neue Rekordmarken erreicht.

ABER: WIR sind weiterhin da und aktiv. Als MENSCHEN, für die Waffengewalt kein Mittel für die Lösung von Konflikten ist. Für die jahrelanges Gemetzel, Zerstörung und Sterben ein unakzeptabel hoher Preis sind, um politische Ziele durchzusetzen, und sogar solche Kriege über eine lange Zeit unter Inkaufnahme menschlichen Elends am Kochen zu halten, die als militärisch nicht gewinnbar gelten, und also zwangsläufig nur auf dem Verhandlungswege zu beenden sind.

Ihr Diktatoren und Kriegstreiber, es sei euch gesagt: wir sind weiter aktiv!

Ihr Despoten, Faschisten, Warlords und Milizkommandeure: wir stellen uns euch weiter entgegen: gewaltfrei, kreativ, phantasievoll.

Ihr Rüstungslobbyisten, Krisenanheizer und sogar wieder atomare Aufrüstungsbefürworter: wir schauen euch nicht nur weiter auf eure Finger, sondern werden unsere in die klaffenden Wunden legen, nämlich die der Zukunfts- und Lebensgrundlagenzerstörung, für die IHR verantwortlich seid!

Und: ihr Spalter, Abschieber, Rassisten, Ausgrenzer und Abschotter, die ihr den Wert menschlichen Lebens mit mehrerlei Maß messt, Flüchtende auf dem Mittelmeer ertrinken lasst, Seenotrettung behindert und kriminalisiert; ihr, die ihr den Familiennachzug zu unterbinden trachtet, die psychosoziale Flüchtlingsbetreuung zusammenspart, und dann, wenn sich verzweifelte Notlagen in Gewaltausbrüchen entladen, pauschal gegen Migrant:innen hetzt: wir werden weiterhin auch gegen diese Art von Gewalt aufbegehren und dagegen ankämpfen, dass Minderheiten zu Sündenböcken gemacht, und dass die Schwachen unserer Gesellschaft gegen die noch Schwächeren ausgespielt werden, welchen verwehrt wird, überhaupt erst einmal deren Teil  zu werden.

Es wird Ostern. Lasst uns ein Fest der Gewaltfreiheit, ein Fest des Aufbruchs für ein neues Leben feiern! Trotz alledem! Zugewandt, im Vertrauen zueinander, mit tiefer inniger Freude über unsere Vielfalt, die unsere Herzen und Seelen Wärme ausstrahlen, die Frieden wachsen lässt. Mit dem Blick, und dem Platz in unseren Herzen für alle Opfer von Krieg, Gewalt, Ausgrenzung und Vertreibung. Vielleicht gebt ihr jetzt einfach einander die Hand, oder lasst uns zumindest gegenseitig mal richtig ins Gesicht schauen. Menschlichkeit wahrnehmen, Wärme spüren, uns Verbundenheit zusprechen, fühlen lassen.

Und wir nehmen sie, die unter Gewalt Leidenden, mindestens gedanklich alle in uns und bei uns auf: die Soldaten auf den Schlachtfeldern dieser Erde, die weinenden Frauen und Mütter in der Ukraine und in Russland, die verzweifelten Seelen in Sumi, im Südsudan, in Jerusalem, die unter dem Terror der Siedler leidenden Palästinenser:innen in Gaza, die Schluchzenden in den kenternden Booten und die in Heime gesteckten Geflüchteten, die, sich christlich nennender Regierungspolitik beugen müssend, wohl bald vergeblich darauf hoffen, dass ihre Frauen und Kinder ihnen nachfolgen.

Wir nehmen sie in unseren Herzen auf, die jungen Männer, welche aus Putins Armee desertiert sind, aber an der Verlogenheit der bundesdeutschen Politik und engstirnigen Behörden scheitern, um hier Asyl gewährt zu bekommen.

Wir nehmen sie auf, die hungernden Kinder in Afrika, die für die Billigklamotten unserer Discounter schuften, und die klimanotstandsbetroffenen Südseeinselbewohner:innen, die als erste die Zeche zahlen für die durch uns begangenen Umweltsünden, aber keine Zuflucht mehr bei uns finden sollen, weil neben der durch Populisten erzeugten Massenhysterie die herzustellende Kriegstüchtigkeit angeblich alle Ressourcen und Hinwendungskapazitäten unseres Staates bindet.

Und wir nehmen sie auf, die Opfer des sozialen Unfriedens in unserem Land, die es nicht mehr schaffen, sich um Anderes als um ihr eigenes Überleben zu kümmern, weil die Sozialkassen herhalten müssen, um den Rüstungsaktionären die Grundlagen ihres überschwänglichen Luxus zu finanzieren.

Ja, wir könnten mutlos werden ob der allgemeinen Situation. Aber erstens ist Aufgeben keine Option, und zweitens haben wir UNS! Wir gehören zusammen, die Friedens- und die sozial wie auch klimagerechtigkeitsbewegten, die Kämpfer:innen gegen Nazis und Faschisten und die gegen die Klimakrise und deren Leugner, die Gewerkschafter:innen, die interreligiös Bewegten und die vielen kleinen unermüdlichen Aktiven für all das, was das Leben zum Leben macht.

Lasst uns also weiter den Aufbruch wagen und unsere Visionen erhalten für eine Welt ohne Gewalt, ohne Atomabschreckung (denn Abschreckung ist nur gut für gekochte Eier!), ohne Rüstungsexporte und Waffengewalt. Lasst uns unser Menschenbild verteidigen, gewaltlos, aber entschlossen! Für eine Welt ohne Unterdrückung und in gemeinsamer Verantwortungswahrnahme zum Erhalt dessen, was unser gemeinsames, unser aller Menschsein ausmacht. Was uns trägt und verbindet. Hier und überall auf der Welt.

Frieden! MIR! Peace! Shalom! Salam aleikum!

 

Matthias Altmann ist friedensbewegter Gewerkschaftschrist.