Mosambik: Solidarität mit den Opfern des Krieges
"... In der Woche, als Du Mosambik verlassen hast, töteten die bewaffneten Banditen 25 Menschen ungefähr 15 km von Maputo entfernt, wo ihr gewesen seid. Viele Menschen kommen, um am Rande der Stadt zu leben, weil die bewaffneten Banditen jeden umbringen, ob Kinder, alte Männer oder Frauen, Mädchen oder Jungen. Sobald sie dich sehen, töten sie dich. Was ist los? Wer ist verantwortlich für all die Menschen, die wir verlieren? Wer verursacht den Tod?
Simone, Du hast das Glück, in einem ruhigen Land zu leben. Du weißt, was "leben" wirklich heißt. In Deiner Freizeit kannst Du picknicken oder Musik hören, aber wir kennen nur den Lärm der Gewehre.
Liebe Simone, mein Ohr ist müde, den Lärm der Gewehre hören zu müssen. Ich möchte Musik hören wie andere Jungen. Meine Augen sind müde, Menschen, die am Strand liegen, zu sehen, die in Wirklichkeit tot sind. Ich will Blumen sehen und fahrende Autos und nicht Autos, die Menschen wie Hühner abschlachten. Ich bin müde, ich hab' genug davon, ich möchte endlich leben ..."
schreibt der 17-jährige Benjamin aus Maputo in Mosamik an Simone in Lennestadt, eine ehemalige Schülerin der Anne-Frank-Hauptschule, die 1987 zusammen mit anderen SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen ihre Partnerschule in Laulane, am Rande der Hauptstadt Maputo, besuchte.
Die traumatische Angst vor den "bewaffneten Banditen" wie die Menschen in Mosambik die durch Südafrika finanzierte und gesteuerte Guerillaorganisation "Renamo" nannte, prägte die Menschen nicht nur in der mit Flüchtlingen total übervölkerten Hauptstadt Maputo. Und doch sollte es noch mehr als fünf Jahre dauern, bis der im Oktober 1992 unterzeichnete Waffenstillstand zumindest den aktuellen Terror stoppte. Die blutige Bilanz dieser jahrelangen Massaker und systematischen Zerstörungsaktionen: Mehr als 1 Millionen Tote, 4 Millionen Flüchtlinge, ein zerstörtes Land.
Krieg und seine Folgen waren auch 1975 der Anlass für den Beginn der ungewöhnlichen Partnerschaft zwischen der Anne-Frank-Hauptschule in Lennestadt und Menschen in Mosambik:
"Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen: Tote, Hunger, unbestellte Felder. Die Arbeit ist unüberschaubar. Ich fand so viel Elend vor, daß ich keine Ruhe finde. Können Sie nicht von Deutschland aus ein bisschen helfen? ..."
Dieser Aufruf des spanischen Burgospriesters Vicente Berenguer aus Mosambik, das nach einem langen Befreiungskrieg seine Unabhängigkeit erkämpft hatte, löste in der Anne-Frank Schule in Lennestadt eine spontane Initiative aus, die mit kleinen Aktionen begann un d zum Aufbau der Schulfarm M`Kondedzi, einem Zentrum für elternlose Kinder der Provinz Tete, führte.
1982 reiste eine Schüler-Eltern-Lehrer-Gruppe aus Lennestadt nach M'Kondedzi, um Land und Leute näher kennenzulernen, und der Gegenbesuch 1984 vertiefte die engen Beziehungen zwischen den beiden ungleichen und weit entfernten Partnerschulen.
Doch in den folgenden Jahren wird die wechselvolle Entwicklung M'Kondedzis zum Miniaturspiegelbild der leidvollen Geschichte des ganzen Landes.
Zunehmende Überfälle der Renamo gefährden das Leben von SchülerInnen und LehrerInnen. Schließlich bleibt keine andere Möglichkeit als die gemeinsame Flucht.
"Im August 1985 mußten wir die schöne Schule in M'Kondedzi verlassen, und hier im Militärlager gibt es kein schönes Erlebnis. Es scheint uns, als lebten wir in einem Gefängnis. Es ist traurig hier, und es ist ein Unglück, das ich gar nicht schildern kann ..." schrieb der Schulleiter in seinem Brief nach Lennestadt.
Was als kurzfristiges Ausweichen vor dem Krieg gedacht war, entwickelte sich zum 10-jährigen Zwangsaufenthalt in der grenznahen Stadt Zobue unter schwierigsten Umständen. Aber auch die Bevölkerung dieser Region floh zu Hunderttausenden in das nahe Malawi und fand dort Schutz bei Verwandten oder in Flüchtlingslagern. Das verweste Schulzentrum M'Kondedzi diente in der Zwischenzeit den Soldaten der Rename als Unterkunft, und nach ihrem Abzug wurde dieses Zentrum, ebenso wie ca. 2.000 Schulen in Mosambik weitgehend zerstört. In den Trümmern des Zentrum lesen wir später den makabren Satz eines Renamo-Killers: "Ich bin hier und ermorde Menschen, und ich weiß nicht warum ..."
Mach dem Waffenstillstand im Oktober 1992 wird zwar nicht mehr geschossen, aber die Spuren des Krieges sind überall zu sehen: niedergebrannte Dörfer, zerstörte Schulen und Gesundheitszentren, gesprengte Straßen und Brücken, die tödlichen Minen zerfetzen weiterhin täglich zahlreiche Menschen. Aber trotz der Angst, der Krieg könnte erneut aufflammen, regt sich neues Leben und die Hoffnung auf einen schwierigen Neubeginn im Frieden: die ersten Flüchtlinge kehren zurück, neue Hütten werden errichtet, auf den Feldern beginnt man mit der Aussat.
Auch wir in Lennestadt wollen mit unseren bescheidenen Möglichkeiten diese Aufbauphase unterstützen. Wir beschließen, auf den Trümmern des alten M'Kondedzi das neue Schulzentrum wieder aufzubauen. Inzwischen sind die dreiklassige Schule und das Wohngebäude für die Kinder vollständig renoviert, der Speiseraum und die Küche sowie die Lehrerhäuschen sind im Rohbau fertig. Ein Container mit Schulmaterialien, Bettzeug, Sportgeräten, Werkzeug, Gartengeräten und eine Wasserpumpe, durch einen kleinen Generator angetrieben, wurde im Oktober 1995 von Schülern und Lehrern in Lennestadt gepackt und nach M'Kondedzi geschickt. Im Sommer 1996 wird eine Gruppe von Lehrer der Anne-Frank-Schule zusammen mit einem Techniker nach M'Kondedzi reisen, um diese Pumpe für die Wasserversorgung zu installieren und den Kontakt zu den SchülerInnen und LehrerInnen durch gemeinsame Arbeit und Spiel herzustellen.
Die entscheidende Wende für den Neubeginn in M'Kondedzi ist aber die Rückkehr von 150 Kindern im April 1996. Es sind elternlose und Kriegstraumatisierte Kinder, die im Zentrum M'Kondedzi eine neue Heimat finden und zusammen mit den 5 LehrerInnen diese Schulfarm zu neuem Leben erwecken sollen. Die äußeren Schwierigkeiten zu überwinden, dürfte dabei das kleinere Problem sein, die weitaus größeren Schwierigkeiten liegen darin, mit den tiefsitzenden traumatischen Erfahrungen des Krieges fertig zu werden. Viele dieser Kinder haben miterlebt, wie ihre Dörfer überfallen und teilweise mitansehen müssen, wie ihre Eltern bestialisch umgebracht wurden, andere Kindere Kinder wurden dabei verschleppt und als Kindersoldaten militärisch ausgebildet. als Opfer und Täter haben sie aktiv an Überfällen und Massakern der Renamo mitgewirkt. Diese Erfahrungen haben ihre Persönlichkeit geprägt und teilweise zerstört.
Unter diesem Trauma und daraus resultierenden psychischen Störungen leiden nicht nur zahlreiche Kinder Im Schulzentrum M'Kondedzi, sondern tausende andere in allen Teilen Mosambiks. Ein kleiner Teil von ihnen wird in speziellen Zentren von ausgebildeten Fachleuten behandelt, im Allgemeinen müssen sie aber selbst allein mit dieser Kriegslast fertig werden. Diesen Heilungsprozess durch in- und ausländische Fachkräfte zu unterstützen, wäre durchaus auch eine notwendige und sinnvolle Aufgabe für engagierte Friedensgruppen in Deutschland.
Die Bevölkerung in Mosambik ist mit den konkreten Nachkriegsaufgaben wie der täglichen Existenzsicherung, der Minenbeseitigung, der Eingliederung entlassener Soldaten, dem Wiederaufbau zerstörter Hütten und Häuser so beschäftigt, daß für diese wichtige Spezialaufgabe Rehabilitation traumatisierter Kinder die notwendige materiellen und personellen Ressourcen weitgehend fehlen.