Alejandro Gómez Laverde, Frankfurt
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2025 in Frankfurt
- Sperrfrist: 9.8., Redebeginn: 12 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensfreunde,
80 Jahre sind vergangen seit der sinnlosen Ermordung von bis zu 200.000 Menschen durch die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Mit diesen Einsätzen hat sich die Frage von Krieg und Frieden grundlegend gewandelt. Zum ersten Mal hatte die Menschheit die Fähigkeit erlangt, sich im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung in ihrer Gesamtheit selbst zu vernichten.
80 Jahre ist es her, dass als Konsequenz aus der Barbarei des Zweiten Weltkrieges die Vereinten Nationen gegründet wurden. Dies stand unter dem Vorzeichen des neu angebrochenen Atomzeitalters: Die allererste Resolution der UNO-Vollversammlung sah die Gründung einer Kommission vor, welche als Hauptaufgabe die nukleare Abrüstung voranbringen sollte. In der Diskussion zur Resolution wurde deutlich: Die Wissenschaft hatte die Kernenergie hervorgebracht, nun sollte sie diese in friedliche Bahnen lenken. Dies entsprach ihrer Zielsetzung in der frisch verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die Bildung muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen beitragen und für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
Dieses oberste Prinzip sollte nach ‘45 auch für die deutschen Hochschulen gelten, denn diese hatten den Faschismus mit Rüstungsforschung und pseudowissenschaftlicher Legitimierung von Massenmord entscheidend unterstützt. Auch im Uranprojekt, dem deutschen Vorhaben zur Entwicklung einer Atombombe, waren sie zum Teil eng eingebunden. Mit dieser historischen Erfahrung erließen die Alliierten die erste Zivilklausel, eine Verpflichtung zur zivilen Forschung und Lehre, an der TU Berlin. Heute gibt es mehr als 70 öffentliche Hochschulen, die sich dem zivilen und friedlichen Betrieb verschrieben haben. Dabei handelt es sich um Selbstverpflichtungen, die aus dem Lehrkörper und der Studierendenschaft heraus entwickelt wurden und den Friedenswillen der Hochschulangehörigen als Lehre aus dem deutschen Faschismus und zwei Weltkriegen zum Ausdruck bringen.
Dieser Friedenswille ist den Herrschenden, dem militärisch-industriellen Komplex, ein Dorn im Auge. Sie bemühen sich um einen strikt antidemokratischen top-down Ansatz - “wir sagen wo es langgeht und ihr, gesichts- und willenloser Pöbel, habt stramm zu stehen und zu folgen”.
In der veröffentlichen Diskussion über die Zivilklauseln herrscht ein spannender Widerspruch: Einerseits könnten Zivilklauseln abgeschafft werden, weil sie ja nur Papiertiger seien und nichts bewirken würden. Andererseits müssten sie abgeschafft werden, weil sie real Rüstungs- und Kriegsforschung behindern! Es wird deutlich: Die Menschen sollen davon überzeugt werden, dass ihr Friedenswille wirkungslos sei, eben weil die Herrschenden diesen Willen als klare Gefahr für ihre Kriegsvorbereitung sehen. Diese reaktionäre Politik wird auf allen Ebenen bemüht: das vermeintliche Friedensprojekt EU stellt ihr größtes Forschungsförderprogramm auf die Förderung von Dual-Use Forschung um, also für Projekte deren Ergebnisse explizit sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Auf Bundesebene in Deutschland wird Forschung und Raumfahrt in ein Ministerium gepfercht. Erinnerungen werden wach an das “Star-Wars-Programm” unter Reagan zur Militarisierung des Weltalls. Israel und die USA werden als Positivbeispiele für Forschungspolitik genannt.
Auch in Hessen wird seit einiger Zeit im Landtag offen über die Militarisierung der Wissenschaft diskutiert, vor allem mit Hinblick auf die Bewältigung der ökonomischen Krise. Laut Wissenschaftsminister Timon Gremmels von der SPD sei Militärforschung ein willkommener Beitrag zur Entwicklung Hessens als Rüstungsstandort. Konkret möchte die Landesregierung die Hochschulen bei der Überprüfung ihrer Zivilklauseln unterstützen. Interessant ist aber: Diese Formulierung ist seit anderthalb Jahren gleich geblieben, trotz stetig zunehmender Kriegshetze. Warum eigentlich? FDP-Abgeordneter Büger gibt die Antwort: die Hochschulen wollen ihre Zivilklauseln gar
nicht antasten, weil dafür die politischen Mehrheiten nicht da sind, das heißt die Menschen diese Änderungen gar nicht wollen!
Unsere Pflicht ist es, das Erbe der Friedensbewegung zu vertiefen. Wir nehmen die Lehren unserer Vorgänger an. Die Proteste der „Campaign for Nuclear Disarmament” in Großbritannien im Jahr 1959 und das Russell-Einstein-Manifest von 1955 haben uns zwei Dinge gelehrt: dass die Friedensbewegung international sein muss und dass die Wissenschaft nicht nur das Potenzial, sondern auch die Pflicht hat, eine bessere Welt zu schaffen. Eine gerechtere Gesellschaft, in der Frieden, Solidarität und Wohlstand Krieg, Konkurrenz und Hunger ersetzen.
Deshalb müssen wir an diesem Tag nicht nur an die Schrecken erinnern, die Atomwaffen über die Menschheit gebracht haben, sondern vor allem unser Bewusstsein dafür schärfen, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es reicht nicht aus, den Krieg abzulehnen. Wir müssen klar sagen, welche Gesellschaft wir wollen.
Als Studierendenverband kämpfen wir für eine demokratische Wissenschaft. Eine Wissenschaft im Dienste der Verwirklichung der Menschenrechte. Eine Wissenschaft, die zur Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beiträgt. Wir sind uns bewusst, dass es an uns liegt, dies zu erreichen. Nicht an der Wohltätigkeit oder dem guten Willen unserer Herrschenden. Deshalb nutzen wir diesen Tag nicht nur zum Gedenken, sondern auch zum Nachdenken: Was können wir in unserem Alltag, in unseren Arbeits- und Wissensbereichen tun, um eine gerechte und friedliche Gesellschaft zu schaffen? Das ist keine Aufgabe für die Zukunft, sondern für die Gegenwart. Denn eines ist klar: Die Herrschenden wollen uns davon überzeugen, dass es keine Alternative gibt und dass wir nichts tun können. Und das könnte nicht mehr an der Realität vorbei sein.
Krieg und Krise sind nicht alternativlos. Alternativlos ist vielmehr die Anerkennung, dass wir als Menschheit auf das friedliche Zusammenleben und die gemeinsame Kooperation zur Bewältigung der großen ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen angewiesen sind. Die Notwendigkeit der umfassenden und tiefgreifenden Humanisierung der Verhältnisse ist unbestreitbar. Und die Ressourcen sind da: Kein Mensch müsste heute mehr in Hunger, Durst, Armut und Krankheit leben. Genauso wenig müsste heute irgendjemand unter der permanenten Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen leben. Es kommt auf uns an, diese Tatsachen zur Realität zu machen! Auf uns kommt es an, die Errungenschaften von ‘45 zur Geltung zu bringen: Das Gewaltverbot der UN-Charta, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die unantastbare Würde des Menschen, das Recht auf Bildung für alle!
Alejandro Gómez Laverde ist beim SDS in Frankfurt aktiv.