Friedrich Laker, Dortmund

Redebeitrag für den Ostermarsch Rhein-Ruhr in Dortmund am 21. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Friedens- und Ostermarschbewegung,

in der Sprache geschieht die Veränderung. „Sprache schafft Wirklichkeit“. „Kriegstüchtig“ ist gerade von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zu einem der Wörter des Jahres 2024 gekürt worden. Ein Wort, das der deutsche
Verteidigungsminister nicht müde wird, in den Mund zu nehmen. Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat jüngst darauf hingewiesen, wie Begriffe wie „Helden“, „Blutzoll“, „Ehre“, „Tapferkeit“ inzwischen Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs in den Medien geworden sind und wie so Veränderung von Zivilgesellschaft beginnt.

Noch vor einigen Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, dass in der Öffentlichkeit Deutschland quasi tagtäglich und unverblümt neue Waffensysteme, neue Panzer, Kampfflugzeuge bis hin zu einem großen Raketenarsenal angepriesen werden. Es wäre kaum denkbar gewesen, dass die Bundeswehr in den Schulen für die Kriegstüchtigkeit und den Wehrdienst wirbt.

Auch Bilder schaffen Wirklichkeit. In Bayern steht die Werbung für die Bundeswehr mittlerweile auf den Brötchentüten beim Bäcker drauf. In den Zeitungen und Online-Medien werden Tipps für die Lebensmittelversorgung im Ernstfall gegeben. Die Militarisierung des Alltags geschieht längst. Und diese ist Teil einer Strategie. Was hier psychologisch geschieht, ist meines Erachtens höchst bedenklich. Es wird suggeriert, dass massive Aufrüstung mit dem gesamten denkbaren Waffenarsenal, einschließlich von Atom bestückten Mittelstreckenraketen die einzige Chance ist, vor Tod und Vernichtung davon zu kommen.

Es wird offen davon gesprochen, dass nur ein militärischer Sieg der Ukraine gegenüber Russland ein Unheil über Europa verhindern könne. Es wird von einem gerechten Krieg gesprochen, als wenn ein Krieg jemals Gerechtigkeit schaffen kann. Selbst ein Großteil der Kirchen hat die Friedensethik der letzten Jahrzehnte aufgegeben und führt den Begriff vom gerechten Krieg im Mund – auf beiden Seiten der Kriegsfront, so wie es leider fast immer schon war. Auch Netanjahu und die israelische Regierung spricht übrigens von einem gerechten Krieg, der gegen die Hamas mit aller Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen geführt werden müsse bis zur kompletten Zerstörung des Landes. Das alles ist Kriegslogik. Sie kennt nur eine Strategie: Abschreckung und Kriegsbereitschaft durch massive Aufrüstung, Frieden schaffen mit immer mehr Waffen.

Es wird verschwiegen, dass die NATO auch ohne die USA gegenüber Russland längst ein Mehrfaches an einsatzbereiten militärischen Großwaffensystemen besitzt und dass sie ihren Anteil an der Konfrontation vor dem völkerrechtswidrigen Überfall Russlands in der Ukraine hatte.

Es gibt nur Kriegsbilder in den Köpfen, keine Friedensvision mehr. Sobald Verhandlungen gefordert werden, wird landauf, landein betont, diese seien sinnlos, da Putin keine Verhandlungen wolle. Auch das ist Kriegslogik. So werden Menschen in eine Haltung von Angst und Hilflosigkeit gebracht, in der sie scheinbar nur einer Lösung zustimmen können.

Selbstverständlich ist es nicht einfach, mit jemanden, der Völkerrecht bricht, zu verhandeln. Wir wissen mittlerweile, welche eurasischen Großmachtinteressen den Möchtegern-Zaren Putin leiten. Politik ist immer´interessensgeleitet. Aber sie ist es eben auf allen Seiten. Das auf der einen Seite das reine Böse regiere und auf der anderen, der eigenen, nur reine „westliche Werte“ des Friedens, die in der Ukraine verteidigt werden müssten, ist allerdings eine gefährliche und verräterische Sprache. Ende der 70er- und Anfang der 80er Jahre sprach Ronald Reagan vom Reich des Bösen und meinte damit die Sowjetunion. Das diente zur Begründung einer bis dahin beispiellosen Aufrüstung mitten in Europa und Deutschland mit Marschflugkörpern und Mittelstreckenraketen. Was jetzt erst aktuell nach und nach bekannt wird, ist, wie die Welt damals haarscharf am Rand eines Atomkriegs stand. Mehrfache Fehlalarme in der Sowjetunion konnten gerade noch rechtzeitig gestoppt werden. Die Angst war in Russland damals riesengroß. Und Angst ist kein guter Ratgeber in der Politik, Angst zu schaffen, erst recht nicht.

Politik ist durch Interessen geleitet und die Putins passen auch mir ganz und gar nicht. Aber auch nicht die des Donald Trump. Und auch nicht die, die hier in Deutschland im Hintergrund eine Rolle spielen. Der Rheinmetall-Konzern hat sein Geschäftsjahr 2024 mit einem Allzeit-Rekordgewinn abgeschlossen, der um 61 Prozent auf rund 1,48 Milliarden Euro gestiegen ist. Das Düsseldorfer Unternehmen kann damit rechnen, dass es weiter so geht. Immerhin macht die Bundesregierung den Weg für ungebremste Ausgaben und Investitionen in Waffen möglich. Wird in Deutschland mittlerweile mit Aufrüstung alles gerechtfertigt? Wir wissen doch, welches Unheil Waffen aus dieser deutschen Rüstungsschmiede überall in der Welt angerichtet haben.

Was mich am meisten, liebe Freundinnen und Freunde, entsetzt ist, dass mit der stetigen Betonung, es gäbe nur eine Lösung, die weitere Unterstützung und damit Anheizung des Krieges gerechtfertigt wird. Wie viele Menschen mussten bereits auf beiden Seiten, auf Seiten der Ukraine und Russland sterben, wie viele im Gaza-Streifen mit der Begründung, anders könne das Böse nicht ausgemerzt oder verhindert werden? Wie viele Kinder sind darunter? Wie viele sind für ein Leben lang gezeichnet, traumatisiert?

Haben wir denn gar nichts gelernt? Wir schauen mit Entsetzen auf Länder wie Somalia, in der die größte humanitäre Katastrophe der Welt geschieht, weil die verfeindeten Parteien nicht zu Verhandlungen kommen, machen aber nichts besser. Im Gegenteil: uns interessieren andere Krisengebiete nicht mehr so richtig und in den eigenen in Europa nehmen wir weiter in Kauf, dass auch hier Kinder sterben, dass ein großes Land wie die Ukraine zerstört und vergiftet wird, dass Millionen Menschen traumatisiert werden über Generationen hinweg, dass massenhaft Ressourcen verbraucht werden, die wir dringend für den Klimaschutz, für Demokratie, Friedensbildung und die Schaffung gerechter Strukturen brauchen. Wir gefährden sehenden Auges die Zukunft unserer Gesellschaften in Europa mit dem Argument, Verhandlungen für einen längst überfälligen Waffenstillstand und einen Frieden seien leider mit Putin nicht möglich.

Es fehlt jegliche Friedensvision und Kreativität und die Bereitschaft dazu, um zu einer realistischen Friedenspolitik zu kommen, die eine Friedenslogik entwickelt und fördert. Warum sprechen wir denn nicht davon, wie wir friedenstüchtig statt kriegstüchtig werden können?!

Dabei stimmt es doch einfach nicht, wenn ich das richtig sehe, dass gar nichts  möglich ist, um in einem ersten Schritt schon einmal zum Waffenstillstand zu kommen und in einem zweiten Schritt zu einem Abgleich der Interessen, der die Grundlage zu einem Frieden wäre. Wir haben mittlerweile genügend psychologisches Handwerkszeug, um zu wissen, wie der Gegner bedient werden kann, um zu möglichst erträglichen Kompromissen
zu kommen. Neutrale Länder können ins Boot genommen werden, die das Vertrauen beider Seiten haben.

Mit dem Beitritt zu den Vereinten Nationen haben sich zudem alle Mitgliedsstaaten auf ein allgemeines Gewaltverbot durch Nationalstaaten oder regionale Bündnisse festgelegt. Sollte es dennoch zu Gewalttaten kommen, weist die UN-Charta dem Sicherheitsrat die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der Sicherheit zu. Artikel 39 und 42 definieren und regeln das Gewaltanwendungsmonopol des UN-Sicherheitsrates.

Die Vorschläge für Friedenstruppen liegen längst auf dem Tisch, einschl. möglicher Neuwahlen in der Ukraine.

Es wären realistische Ansätze, um an den Verhandlungstisch zu kommen. Doch in der öffentlichen Diskussion sind dies meist nur Randnotizen. Die Bilder, die uns bestimmen, sind nicht die Bilder, an denen Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen und um Kompromisse ringen, um das Sterben und die grausamen Folgen eines brutalen Krieges möglichst schnell zu beenden. Die Bilder, die uns bestimmen, sind Panzer und Raketen, das Böse auf der einen, das Gute auf der anderen Seite. Ich wünsche mir auf den Brötchentüten der Bäcker in Deutschland Bilder von Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen, die an einem Tisch sitzen, anstelle von Bundeswehrsoldaten mit Waffen in der Hand.

Ich bin evangelischer Pfarrer und fühle mich der bedingungslosen Gewaltfreiheit Jesu verpflichtet. Ich bin geprägt durch Dietrich Bonhoeffer, der den Krieg und den Völkerrechtsbruch, den die Nazis anzetteln, erlebt, in den Widerstand geht, mit seinem Gewissen ringt und schließlich den Tyrannenmord rechtfertigen kann. Er beteiligt sich am Attentat gegen Hitler und wird deshalb später hingerichtet. Im Laufe der Kriegsjahre lehnt er die Vorstellung eines gerechten Kriegs aus friedensethischen Gründen immer mehr ab, auch eines gerechten Kriegs gegen das Nazi-Deutschland. In seiner Zeit - und damit möchte ich enden - dichtet der Jude Schalom Ben Chorin mitten auf dem Höhepunkt des Krieges und der Schoah, 1942, einen Liedtext, der ein Gegenbild erzeugt zur scheinbaren Aussichtslosigkeit von Gewalt und Krieg. Mit diesem Gegenbild macht er Mut auch zum Widerstand, Mut aus einer Haltung und Hoffnung zu leben, dass es ganz andere Kräfte des Lebens gibt, die stärker sind als das Erstarren vor Waffen und Kriegslösungen. Ich zitiere diesen Text mit einem Dank an das Friedensforum und die vielen Menschen, die nicht aufgeben, zu widersprechen, wenn es um die Kriegslogik geht und an den realen Wegen zum Frieden festhalten, mit einem Dank an euch alle, die ihr mit der Beteiligung am
Ostermarsch wieder ein deutliches Zeichen des Friedens setzt. Das ist so unendlich wertvoll in diesen Zeiten des Kriegsgeschreis.

„Das Zeichen“ nennt Schalom Ben Chorin seinen Text. Es passt zu Ostern, der Auferstehung des Lebens. Es soll uns Mut machen, uns nicht verhärten und entmutigen zu lassen. Der Text ist ein Lied im Gesangbuch meiner Kirche: Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

Vielen Dank.

 

Pfarrer Friedrich Laker ist Gemeindepfarrer der Ev. Lydia-Kirchengemeinde Dortmund. Sein Schwerpunkt dort: "Pauluskirche und Kultur"