Gewaltfreiheit

Aber wann hat Protest eigentlich Erfolg?

von Christine Schweitzer

„Die Menschen protestieren auf der Straße gegen Donald Trump. Aber wann hat Protest eigentlich Erfolg?“ ist ein Artikel von Erica Chenoweth übertitelt, den sie im November 2016 für die Washington Post geschrieben hatte. Dort hat sie zehn Thesen aufgestellt, die den Vorteil gewaltfreier Massenproteste gegenüber militantem Widerstand belegen und Prinzipien für erfolgreichen friedlichen Protest begründen sollen.  Chenoweth ist eine renommierte Professorin an der Josef Korbel School of International Studies der University von Denver und forscht vor allem zu zivilen Widerstandsbewegungen und politischer Gewalt. Viel Erwähnung ihre Studie über zivilen Widerstand aus dem Jahr 2011, die sie zusammen mit Maria J. Stephan geschrieben hat und die belegte, dass gewaltfreier Widerstand in den letzten einhundert Jahren zweimal so erfolgreich wie gewaltsamer war.

Chenoweth schreibt: „Die Politik des Protests ist wieder zurück in den Vereinigten Staaten. Seit 2011 hat das Land die Wiederauferstehung von Volksbewegungen gesehen – von Occupy Wall Street, Flood Wall Street, Black Lives Matter bis hin zu Standing Rock. Seit dem 8. November 2016 haben viele AmerikanerInnen in praktisch jeder größeren Stadt der USA gegen die Wahl Donald Trumps protestiert – oder Gegenproteste für Trump abgehalten.
Jüngere Daten aus der ganzen Welt deuten an, dass BürgerInnenprotest uns weiter begleiten wird. Dies gilt besonders für zivilen Widerstand, der die gewöhnlichste Form des Kampfes heute ist – wenn unbewaffnete ZivilistInnen ihre GegnerInnen durch Proteste, Streiks, Boykotte, Fernbleibens und andere Formen gewaltfreien Widerspruchs konfrontieren.
Die Tumulte jüngeren Datums in den Vereinigten Staaten sind Teil dieser globalen Wiedererweckung von Zivilem Widerstand... Und doch wird diese Wiedererweckung gewöhnlich missverstanden oder falsch dargestellt.“

Die Thesen, die Chenoweth aufstellt und die durch die Bewegungsforschung gut belegt sind, sind folgende:

  1. Historisch gesehen, ist gewaltfreier Kampf eine effektivere Technik als bewaffneter Kampf.
  2. Die Anzahl der Beteiligten und die Diversität in Massenbewegungen sind von Bedeutung, in anderen Worten: Bewegungen müssen zahlenmäßig groß sein und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einbinden.
  3. Gewaltfreie Disziplin ist entscheidend – besonders, wenn die Protestierenden eine Minderheit darstellen.
  4. Gewalt mit gewaltfreier Aktion zu vermischen, führt nur selten zu Wandel – wo Bewegungen Erfolge hatten, obwohl es auch Gewalt gab, geschah dies eher trotz als wegen dieser Gewalt.
  5. Flexible und innovative Taktiken sind der Schlüssel.
  6. Das Ziel ist, Anreize zu verändern, nicht Herzen zu schmelzen: Chenoweth bezweifelt, dass moralische Appelle erfolgreich sind. Es gelte, den Regierenden ihre Unterstützung zu unterziehen. Überlaufen, Desertion oder Nichtzusammenarbeit von Seiten der Sicherheitskräfte können dabei besonders wichtig sein.
  7. Erfolg braucht Zeit: Eine durchschnittliche gewaltfreie Kampagne braucht ungefähr drei Jahre.
  8. Planung und in der Offensive bleiben ist effektiver, als in der Defensive zu improvisieren.
  9. Es ist noch nicht entschieden, was die effektivste Form von Bewegungsorganisation ist – zu große Zentralisierung macht für Repression anfällig, aber ohne Koordination geht es auch nicht.
  10. Menschen wandten gewaltfreien Widerstand gegen Hitler an –und retteten unzählige Leben.

Der Artikel erschien im Original im The Monkey Cage bei der The Washington Post unter dem Titel  “People are in the streets protesting Donald Trump. But when does protest actually work?" am 12. November 2016. Auf Deutsch wurde er herausgeben vom Bund für Soziale Verteidigung, www.soziale-verteidigung.de

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Christine Schweitzer ist Co-Geschäftsführerin beim Bund für Soziale Verteidigung und Redakteurin des Friedensforums.