Armut in der DR Kongo

Alt sein in Afrika wird schwerer

von Reinhard J. Voß

Der Eindruck verfestigt sich, dass alte Menschen hier in der 10-Millionen-Stadt Kinshasa wenig vorkommen, mehr vielleicht in Vorstädten oder Umland. Und manchmal als Anbieter von Kleinigkeiten am Straßenrand. Die Sorge über Armut im Alter ist spürbar: Ich hörte bei einer Verabschiedung von zwei Mitarbeitern den Satz: "La retraite, c`est une punition! (Die Rente ist eine Bestrafung!)"

Ich habe mich bei den Arbeiter-Kollegen im Kirchenbereich erkundigt: Ein einfacher, aber seit Jahrzehnten dort tätiger älterer Mann (über 60) verdient nach eigenen Angaben monatlich umgerechnet 130 US-Dollar brutto. Darin enthalten sind die Anteile für Grundlohn, Wohnungszuschuss, Transport über den Dienst-Bus hinaus, der die erste Strecke aus der Stadtmitte für alle übernimmt, sowie eine kleine Alters- und eine noch kleinere Familienprämie. Abgezogen werden vom Brutto die geringen Sozial-Anteile von knapp 1 $, der Steueranteil von 3 $ und der Gewerkschaftsanteil von knapp 1 $. Er hatte im April 2011 eine Erhöhung um 30 US-Dollar und kürzlich (2013) eine weitere dieses Umfangs, was er fast schon als Extrageschenk erlebte. So bleiben ihm netto im Monat zum Leben im Jahr 2011 etwa 110 $ und heute 140 $ (täglich 3 - 5 Dollar)! Als staatliche Rente kann er nach 33 Dienstjahren monatlich etwa 40 $ Rente erwarten.

Wer bei der noch nicht so verbreiteten Industrie, besser noch bei den wenigen internationalen Firmen hier arbeitet, hat mehr Glück: Die Verwandte eines Kollegen kann auf relativ gutes Altersgeld hoffen, bevor evtl. danach noch der Staat einspringt. Wer beim Staatsapparat gearbeitet hat, bekommt auch eine sichere, aber meist nicht üppige Rente. Das gilt weniger für die Angestellten in den Schulen, wo manchmal die Löhne sich verschleppen; oder bei den Polizisten, die so niedrig bezahlt werden, dass Verkehrspolizisten beispielsweise im Dienst auf der Straße betteln bzw. "Bürgerzuschüsse" erwarten. Kein Wunder, dass viele ihr Glück im selbstständigen Klein-Handel mit Getreide, Lebensmitteln auf den Märkten (Frauendomäne) oder Kleintransporten mit Handkarren mitten im Straßenverkehr suchen! Oder - in den Rohstoffgebieten - gar beim Schürfen von Bodenschätzen.

Die Frauen müssen es bis ins höchste Alter richten, sagt mein Arbeitskollege und erzählt mir etwas von Genossenschaften im Kleinen, das mich an die Anfänge bei Raiffeisen erinnert: 50 Frauen tun sich zusammen und jede zahlt pro Monat einen Dollar in die Gemeinschaftskasse ein. So können ständig 50-Dollar-Kredite an je eine Familie gezahlt werden, und jede kommt im Rahmen eines Jahres einmal dran. Bei deutlich kleineren Gruppen scheint dies besser zu klappen, höre ich anderswo. Die Reihenfolge scheint je nach Situation und Bedarf nicht streng geregelt zu sein.

Wo sind sie denn überhaupt, frage ich mich oft: die 3,5 Prozent Alten, wie sie eine Studie von 1999 anlässlich des Internationalen Jahres der alten Menschen für dieses Land statistisch festhielt? Dieser letzte mir bekannte "Altenbericht" des Landes, erstellt von der Organisation "Voix des sans voix" (Stimme der Stimmlosen), definiert: Eine alte Person ist diejenige, die das Rentenalter erreicht. . In der DRC gehen die Angestellten im Öffentlichen Dienst mit 55 oder 60 in Rente; bzw. mit 60 oder 65 im halbstaatlichen und privaten Sektor (M / F). Im ländlichen Milieu bleiben die 60- bis 70-jährigen noch produktiv, wenn sie nicht krank oder schwach werden. Der Bericht stellt für die Städte schonungslos eine Verarmung und schlechte medizinische Versorgung fest. Ist in den Städten die Marginalisierung der Alten das Problem, so ist Hauptproblem auf dem Lande, dass für die Alten schon deshalb kein Platz ist, weil sie sich mit den Enkelkindern einen Raum teilen müssten, was als ungehörig gilt. Oft reicht das Familieneinkommen auch nicht zusätzlich aus für die Alten. Fast am Rande hält der Bericht auch fest, dass im guten Falle auf dem Lande eine alte Person "allgemein sehr respektiert wird: sie ist eine lebende Bibliothek bzw. eine Ansprechadresse für die Jungen".

Ein kirchliches Hoffnungszeichen am Schluss: In der Diözese Bukavu im Osten Kongos (Süd-Kivu) ist Anfang 2011 aus Anlass des 100. Geburtstages der Kirche dort eine Initiative für die "Menschen der dritten Lebensphase" gestartet worden; sie heißt WAWE = Wir Alten (Swahili: Wazee Wetu). Mit Unterstützung einer Brüsseler Gruppe werden Wohnungsverbesserungen und ein Gemeinschaftszentrum sowie Mikrokredite für Saatgut und Handarbeiten geplant. Fast 15.000 Mitglieder hat die Initiative schon.

Der vorliegende Artikel erschien zuvor in erweiterter Form in "initiativ", dem Rundbrief der Ökumenischen Initiative Eine Welt.

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Dr. Reinhard J. Voß, von 2001 bis 2008 Generalsekretär der dt. Sektion von pax christi, ist von 2010 bis 2014 als Berater der kongolesischen Bischofskonferenz in der Kommission Justitia et Pax tätig und lebt derzeit mit seiner Frau in Kinshasa. Er ist Mitglied der pc-Kommission Solidarität mit Zentralafrika.