Das Wendland und die Energiewende

Buchbesprechung: „Das Wunder von Gorleben“

von Martin Singe
Schwerpunkt
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2023 ist Wolfgang Ehmkes Buch von 2022, „Das Wunder von Gorleben. Der Beitrag des Wendlands zur Energiewende“, in 2. Auflage erschienen: Ein überaus spannend zu lesendes Werk über die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung nicht nur im Wendland, sondern in der ganzen Republik von den Anfängen bis zum Atomausstieg. Reiches Wissen um die Gefahren der Atomwirtschaft vom Uranabbau bis zur nicht geklärten Endlagerung bildet den Hintergrund der Berichte über die kreativen Proteste im Kampf der Bürgerinitiativen gegen die Atomlobby und deren politische Steigbügelhalter.

Drei Generationen hatten Strom, und 30.000 Generationen müssen mit dem ungelösten Atommüll-Problem fertig werden. Oder: Atomenergie – mit einem Flugzeug starten im Wissen darum, dass keine Landebahn vorhanden ist. So vielleicht ein kurzes Resümee zum Wahnwitz der besonders in den 1970er Jahren, aber auch danach noch hoch gepriesenen Atomenergie. Ehmke beschreibt kenntnisreich die Geschichte der Atomenergiewirtschaft und den Widerstand der verschiedenen Bürger*innenbewegungen, die sich vor allem an den Standorten von AKWs oder geplanten WAAs entzündeten. Dabei schlägt er den Bogen von der frühen Friedensbewegung gegen die atomare Aufrüstung in den 1950er Jahren über die lange Geschichte der Anti-AKW-Bewegung bis hin zu den jüngeren Bewegungen wie Fridays for Future.

Der Autor Wolfgang Ehmke engagiert sich seit der Benennung von Gorleben als „Nukleares Entsorgungszentrum“ durch den damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht im Jahre 1977 in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg gegen die Nutzung der Atomenergie und für die Energiewende zu den Erneuerbaren. Für viele Jahre war er Sprecher der BI. Das Buch umfasst 168 Seiten und beschreibt vor allem die sich über Jahrzehnte erstreckenden Proteste gegen den atomaren Wahnsinn. Die Historie des Widerstands nicht nur im Wendland wird parallel zur Geschichte der Entwicklung der Atomenergiewirtschaft und deren Faktensetzungen und Planungen erzählt. Auch die vielen Tricks der Atomlobby, z.B. Endlager-Erkundungen schon als Entsorgungsnachweise zu verkaufen, werden entlarvt. Die erschütternden Geschichten von der Asse, von Schacht Konrad, Morsleben und schließlich der Salzstockerkundung in Gorleben – inzwischen und sehr spät als ungeeignet erkannt – werden dargestellt.

Die Berichte über die Proteste der Bewegung aus eigener Anschauung bzw. aus eigenem Mittun des Autors bilden zugleich ein Stück Demokratiegeschichte. Die Proteste von Wyhl über Brokdorf, Kalkar, Grohnde und Wackersdorf bleiben in Erinnerung. Vor allem die Castor-Transporte durch die ganze Republik und schließlich durchs Wendland in das dortige Zwischenlager waren von ständigen Auseinandersetzungen um Protestformen, Polizeigewalt und Auseinandersetzungen um das Versammlungsrecht geprägt. Demokratie wird den Bürger*innen nicht geschenkt, sie muss immer wieder erstritten werden: „Die Anti-AKW-Bewegung hatte einen bedeutsamen Beitrag zu dieser Demokratieentwicklung geleistet, und im Wendland hatte sich in den Jahrzehnten politischer Reibung mit der Obrigkeit um den Ausstieg aus der Atomkraft und Gorleben als Atommüllplatz gleich einem Biotop die Spezies Widerstandsgeist entwickelt.“ (S. 83)

Die Atom-Geschichte mit ihren Katastrophen von Tschernobyl bis Fukushima ist trotz des Ausstiegs aus der Atomenergie in Deutschland noch lange nicht zu Ende. Hier und weltweit werden Endlagerstätten gesucht, die für eine Million Jahre (nötige Abschirmung von der Biosphäre) sicher sein sollen. Und die Milliarden Euro von Kosten aller Entsorgungsaktivitäten – u.a. vom dringlich nötigen Bergen der Fässer aus der Asse

bis hin zur weiteren Endlagersuche – werden den Bürger*innen als Steuerzahlenden aufgelastet, während die Konzerne sich die Gewinne eingestrichen haben.

Ein unbedingt lesenswertes Buch nicht nur über die Geschichte der Atomenergie, sondern vor allem auch über Soziale Protest- und Widerstandsbewegungen!

 

Ehmke, Wolfgang (2023): Das Wunder von Gorleben. Der Beitrag des Wendlands zur Energiewende. Lüchow 2023, 168 S., ISBN978-3-926322-80-7, 9,80 Euro.

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und aktiv im Sprecher*innenteam der Kampagne "Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt".