Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt

Buchbesprechung: Weltordnung im Umbruch

von Wilfried Drews
Hintergrund
Hintergrund

Das Buch „Weltordnung im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt“ wurde gemeinschaftlich von Peter Wahl, Erhard Crome, Frank Deppe und Michael Brie geschrieben. Es umfasst 171 Seiten und ist im Herbst 2025 im PapyRossa Verlag erschienen. 

Bereits im Vorwort weisen die vier Autoren darauf hin, dass es sich nicht um einen Sammelband handelt, sondern um einen kollektiven Text. Intention der Publikation ist es, der Friedensbewegung Denkanstöße zu geben. Gleich zu Anfang kann gesagt werden, dass die durchgeführten Untersuchungen anhand von konkreten Beispielen und Belegen durch empirisches Datenmaterial überzeugen. Das Buch umfasst sechs Kapitel, die jeweils in drei bis sechs Unterpunkten strukturiert sind. Gemäß dem Ansinnen der Autoren, einen Diskussionsbeitrag für die Weiterentwicklung der Friedensbewegung zu bieten, werden bereits in den Kapiteln Drei und Vier aktuelle Herausforderungen für die Friedensbewegung Bezug thematisiert. Die Kapitel Fünf und Sechs gehen vertiefend darauf ein.

Im ersten Kapitel „Die Umbrüche im Internationalen System verstehen“ werden Funktionsweisen von Völkerrecht und UNO-Institutionen wie die Problematik von Machtpolitik und -interessen sowie die Wechselwirkungen zwischen militärischen und ökonomischen Ressourcen untersucht. Für das Verständnis von internationalen Konflikten ist nach Auffassung der Autoren eine Analyse des Ist-Zustandes und der Weltordnung grundlegend. Exemplarisch zeigen sie auf, wie die den Großmächten nachgeordneten Staaten Handlungsspielräume und Einfluss nutzen, um sich selbst regionalen Einfluss und Vorherrschaft zu sichern. Die ethischen Bezugsgrößen ihrer Untersuchungen sind dabei das Völkerrecht, Arbeiten zur Internationalen politischen Ökonomie sowie Überlegungen zu einer kritischen Geopolitik. „Sie alle gehen davon aus, dass dauerhafter Frieden möglich ist, wenn bestimmte Voraussetzungen dazu geschaffen werden.“ (S. 21)

Das Kapitel Zwei „Der Globale Süden in einer weltgeschichtlichen neuen Rolle“ thematisiert die tektonischen Verschiebungen im internationalen System aufgrund wirtschaftlicher Prosperität Chinas, die Einordnung sowie Beurteilung neuer Institutionen wie BRICS und der Shanghai Cooperation Organisation (SCO), um dann auf Russland und den „Krieg vor dem Krieg – zur Eskalationsgeschichte des Ukrainekriegs“ zu sprechen zu kommen.

Das dritte Kapitel widmet sich unter dem Titel „Der geopolitische Niedergang des Westens“ den Kernelementen der US-amerikanischen Außenpolitik der zweiten Trump-Administration. Die anschließende Analyse wendet sich der EU mit ihren ökonomischen Strukturkrisen zu. Thematisiert werden die ökonomischen Verschiebungen in den Tiefenschichten der Weltordnung, die nicht erst seit dem Ukraine-Krieg von der EU als durchaus realistisch wahrgenommen werden. In Bezug auf die Absicht der EU, sich so weit wie möglich von der USA unabhängig zu machen und Weltmachtstatus zu erlangen, untersuchen die Autoren „Die Grenzen militärischer Großmachtambitionen“, um letztlich der EU und vor allem Deutschland ein „Boxen in einer zu hohen Gewichtsklasse“ zu attestieren.

Das vierte Kapitel geht auf „Die Multipolare Weltordnung und ihre Funktionsweise“ ein. Es beginnt mit historischen Bezügen. Vorläufer einer multipolaren Weltordnung werden bereits im 19. Jahrhundert ausgemacht. Manche Struktur und Dynamik der europäischen Pentarchie erinnert, so die Autoren, an aktuelle Entwicklungen. So liegen nach ihrer Darstellung in Veränderungen des internationalen Systems auch Chancen seiner Demokratisierung.

Das fünfte Kapitel „Kontroversen in der Friedensbewegung“ thematisiert divergierende Positionen von „progressivem“ Bellizismus über die Instrumentalisierung von Demokratie in der Außenpolitik  bis hin zum selektiven Umgang mit den Menschenrechten und Menschenrechtsverletzungen zwischen Fakt und Fakes, um schließlich in Kapitel Sechs „Für eine Friedensbewegung auf der Höhe der Zeit“ Vorschläge für einen produktiven Umgang mit Differenzen zu machen. An historischen Beispielen wird illustriert, wie staatliche Beziehungen ideologisch geprägt sind und daher die Erzeugung von Feindbildern als Antreiber von Konflikten eine Voraussetzung von Kriegstüchtigkeit ist. Im letzten Unterpunkt des abschließenden Kapitels „Aufgeklärter Realismus für eine friedliche Welt“ plädieren die vier Autoren für einen aufgeklärten Realismus als Voraussetzung für Eingriffsmöglichkeiten und Handlungsfähigkeit einer Friedensbewegung auf Höhe der Zeit. So schließen sie mit dem aufmunternden Satz, dass der Weg zu einer friedlicheren Welt zwar lang und steinig ist, jedoch kein Grund bestehe, in Pessimismus und Mutlosigkeit zu verfallen (vgl. Seite 160).

Resümee: Die Publikation stellt einen hilfreichen Impuls für antimilitaristische, friedensbewegte Diskurse dar, zumal sich konstatieren lässt, dass viel Wissen, welches in früheren Phasen der Friedensbewegung Allgemeingut war, verloren gegangen ist (vgl. S. 145). Argumentativ überzeugend wird jegliche Absage an das Dogma der Friedenssicherung durch Abschreckung vorgebracht, denn die Risiken im Atomzeitalter seien „ein Vabanquespiel mit dem Schicksal der Menschheit“ (S. 149). So geht es den Autoren schließlich darum, sich nicht emotional gefangen nehmen lassen, sondern sich durch rationalen Umgang mit der Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit von Interessen und Bedürfnissen, Entstehungsgeschichte und Tiefenstrukturen von Kriegsvorbereitung und Krieg auseinanderzusetzen. Das Buch kann als Plädoyer für den Aufbau einer diskursiven Gegenmacht zu Bellizismus und Militarismus gelesen werden. Es bietet einerseits differenzierte, überzeugende Argumente für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und trägt andererseits dazu bei, die eigene Urteilsfähigkeit zu schärfen. 

Peter Wahl, Erhard Crome, Frank Deppe und Michael Brie (2025): Welt im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt. Köln: PapyRossa Verlag, ISBN 978-3-89438-842-3, 171 S., 14,90 €.

Rubrik

Hintergrund
Wilfried Drews ist Bildungsreferent an der Evangelische Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V. und koordiniert das Netzwerk Peacemaker.