Krieg im Sudan: Rufe in die Stille

Das Massaker von El Fasher, Sudan

von Julia Kramer
Krisen und Kriege
Krisen und Kriege

Von einem Massaker, was es mit uns zu tun hat, und der Notwendigkeit solidarischen Handelns.

Am 27. Oktober 2026 schrieb mir eine sudanesische Freundin und Menschenrechtsaktivistin im Exil:
„Ich bin Mai Shatta. Meine Familie ist im Sudan. Bitte hört uns! Während ich diese Worte schreibe, werden dutzende unschuldige Zivilist*innen getötet – durch Bombardierungen, Exekutionen oder Hunger infolge der Belagerung. In El Fasher sterben Menschen auf grausamste Weise. (…) Der Tod liegt über jedem Winkel der Stadt. Alles, was ich tun kann, ist, Zeugnis abzulegen und zu beten.“

Wenige Tage später schrieb sie:
„Es ist kein Platz mehr in meinem Herzen für noch mehr Schmerz. Ich habe viele meiner Familie in El Fasher verloren; Die Stadt, einst voller Leben, ist Asche und Trauer. Jedes Haus, das ich kannte, ist eine Erinnerung geworden, jede Straße trägt den Namen derer, die ohne Abschied gegangen sind. Doch du, Stadt der Geduld, wirst nicht sterben, auch wenn du tausendmal brennst. Meine Familie sind keine Zahlen, sondern Opfer blinder Ungerechtigkeit. Ich werde weiter schreiben, rufen, damit die Welt sieht, hört und nicht länger still bleibt.“

Das Massaker von El Fasher
Trotz der rassistisch verzerrten Aufmerksamkeit westlicher Medien, in denen Kriege und Katastrophen in Afrika kaum Beachtung finden, war El Fasher nach dem 27. Oktober 2025 kurz in den Medien präsent. Nach über zweieinhalb Jahren Krieg zwischen der Rapid Support Forces-Miliz (RSF) und der Armee (Sudanese Armed Forces, SAF) fiel die von der RSF über 500 Tage belagerte Hauptstadt von Norddarfur, El Fasher. Was dann geschah, dokumentierten die Täter selbst: Videos in den Sozialen Medien zeigten Folter, Erschießungen und enthemmte Brutalität. Berichterstatter*innen verglichen diese – wie auch den Mangel an internationaler Reaktion - mit dem Völkermord in Ruanda. (1) Während Forscher*innen der Universität Yale die Killing Fields in El Fasher mit körpergroßen „Objekten“ und „rötlichen Färbungen auf dem Boden daneben“ auf Satellitenaufnahmen nachwiesen (2), suchten Vertriebene und Darfuris in der Diaspora auf den brutalen RSF-Videos nach Gesichtern ihrer Angehörigen. Ein kollektiver traumatischer Schock.

In scharfem Kontrast dazu die jubelnden Gesichter der jungen Kämpfer der RSF auf den Videos. Viele von ihnen sind über ihre Zugehörigkeit arabisch identifizierter Ethnien in Darfur, manche auch zwangsrekrutiert und unter Drogen gesetzt, in diesem Krieg zu Tätern geworden. Der Krieg ist auch ein Fortsatz des Darfur-Konflikts von 2003–2007, als arabisch identifizierte Janjaweed-Milizen Dörfer afrikanischer Ethnien zerstörten. Heute wiederholt sich dieses genozidale Muster: Menschen afrikanischer Abstammung sind wieder Hauptziel der Gewalt.

Die RSF ging aus diesen Janjaweed hervor, wurde später durch Diktator Bashir und zumindest indirekt durch die europäischer Grenzschutzpolitik gestärkt. Ihr Anführer, General Mohamed Hamdan Dagalo („Hemedti“) finanzierte sich über Goldminen in Darfur und den Export von Söldnern u.a. nach Saudi-Arabien und Libyen.

Der Unterschied zum Darfur-Krieg 2003-2007: General Burhan, heutiger SAF-Chef, kämpfte damals noch an Hemedtis Seite in Darfur. Heute sind sie erbitterte Gegner, die das Land in den Abgrund reißen.

Bei Redaktionsschluss Anfang November war bereits klar: Mit der Eroberung der letzten SAF-Bastion im Westsudan festigte die RSF ihre strategische Position für künftige Verhandlungen. Ihre Einheiten können nun neue Offensiven starten in Richtung Nordkordofan und Khartum.

Aber auch wenn jetzt die RSF im Fokus ist: Auch die SAF unter Burhan hat eine lange Geschichte von Unterdrückung und Kriegsverbrechen.

Internationale Verflechtungen
Auch wenn El Fasher kurz in den Schlagzeilen war – das vermittelte Gefühl blieb: Eine tragische Geschichte am Rand der Welt – die nichts mit uns zu tun hat.

Aber – oh Überraschung: Hat sie doch!

Einer der zentralen Kriegstreiber sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Sie beliefern die RSF mit Waffen und sichern sich zugleich Land und Gold im Sudan – während sie enge Wirtschaftspartner Europas bleiben.

Zunehmend fordern Aktivist*innen Sanktionen gegen die VAE. Aber auch andere Unterstützer einer oder beider Konfliktparteien sollten nicht aus dem Blickfeld geraten, darunter Ägypten, Saudi-Arabien, Russland, oder gar Kolumbien.

Darüber hinaus wirkt die transnationale Repression der Konfliktparteien bis in die Diaspora – auch nach Deutschland. Hassrede-Kampagnen gegen die jeweils andere Konfliktpartei heizen den Konflikt auf, und Aktive für den Frieden werden im Sudan und im Ausland von beiden Seiten als „Feinde“ diffamiert und mit Angriffen auf sie selbst oder ihre Familien bedroht. Viele aus dem Sudan Flüchtende fanden Zuflucht in Ländern, die selbst Teil des Konflikts sind – etwa den Emiraten oder Ägypten. Das macht politischen Aktivismus von Sudanes*innen gegen deren Einmischung auch hier in der Diaspora extrem riskant.

Und schließlich, immer wieder und immer mehr, betrifft der – vor allem im Globalen Norden - menschengemachte Klimawandel den weitgehend im Sahel gelegenen Sudan überproportional, und verstärkt die Destabilisierung landwirtschaftlicher Systeme und somit auch der Gesellschaft – ein Brandbeschleuniger des Krieges.

Was gilt es also zu tun?

  • Sprecht über den Sudan! Brecht das Schweigen!
  • Unterstützt die Zivilbevölkerung!
  • Fordert Aufklärung und Strafverfolgung der Kriegsverbrechen!
  • Boykottiert und fordert Sanktionen gegen die VAE und andere Verbündete der Kriegsparteien!

An dieser Stelle könnte der Artikel eigentlich zu Ende sein. Aber es gibt noch eine weitere, bedrückende Ebene. Ich hatte sie bereits in meinem letzten Artikel zum Sudan (Friedensforum 5/23) angedeutet: Was im Sudan – und ähnlich auch im Kongo - passiert, ist symptomatisch für eine neue „Weltunordnung“: Alte Hegemonien – etwa der USA – verlieren an Einfluss, doch menschenrechtsbasierte Institutionen wie UN oder Internationaler Strafgerichtshof sind zu schwach, um effektiv gegen Straflosigkeit einzuschreiten und Menschenrechte durchzusetzen. Druck – auch der internationalen Zivilgesellschaft - auf skrupellose Akteure ist immer weniger zu erwarten. Nicht einmal genügend humanitäre Hilfe wird zur Verfügung gestellt, um die laut UN aktuell größte humanitäre Krise der Welt im Sudan zu bekämpfen. In diesem Machtvakuum blühen neokoloniale Strukturen, und Söldner, Goldhändler und private Militärfirmen machen den Sudan zum Labor einer globalisierten Kriegsökonomie. Ein instabiler Sudan ist für Viele profitabler als ein friedliches Land.

Und so ist das, was im Sudan geschieht, auch eine Vorschau für andere Teile der Welt, wenn die Antwort unserer Gesellschaften auf Polykrisen ist, uns Autoritarismus und Militarisierung zuzuwenden.

Die Alternative ist: Wir organisieren uns solidarisch. Die sudanesische Zivilgesellschaft – etwa die „Emergency Response Rooms“, Träger des Alternativen Friedensnobelpreises 2025 – zeigt, was kollektive Selbsthilfe inmitten des Grauens bedeuten kann, aber auch welche Risiken und Schwierigkeiten dies mit sich bringt.

Mit dem solidarischen Organisieren können wir heute beginnen, indem wir diejenigen, z.B. im Sudan, unterstützen, die am meisten betroffen sind, und die sich weiterhin für Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und eine zivile Regierung im Sudan einsetzen – die Ziele der Revolution.

Anmerkungen
1 www.theguardian.com/world/2025/nov/01/sudan-massacre-rsf-rampage-el-fasher
2 https://files-profile.medicine.yale.edu/documents/b9c14991-6b22-492e-9e1...

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