Hintergründe

Der Islam, Islamismus und seine unterschiedlichen Lesarten

von Renate Wanie

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf dem IS, dem sogenannten Islamischen Staat, der dasZiel verfolgt, ein Kalifat, ein islamisch-fundamentalistisches Regime, zu errichten. Der sogenannte IS gibt Anlass, exemplarisch verschiedene Lesarten des Islamismus anzuschauen.

Offenkundig ist, dass bei allen Auffassungen von Islamismus und seinen missionarischen und extremistischen Bewegungen das Eindringen der europäischen Mächte in das zusammenfallende Osmanische Reich als historischer Wendepunkt gesehen wird. Zunächst wurden in dieser Phase die eigenen Wurzeln des Islam beschnitten, und man hat sich an der europäischen Moderne orientiert. Doch die europäischen Modelle führten nicht zum Wohlstand, sondern zu Kolonialismus, Diktaturen und neuen Abhängigkeiten. Die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, die traditionelle islamische Religionsauffassung als politisches Konzept, führte schließlich zur Entstehung des islamischen Fundamentalismus - ein ideologisches identitätsstiftendes Modell mit Religion als klassischer Legitimationsfunktion. Doch zunächst zum Islam als Religion.

Der Islam
Der Islam verkündet eine reine Form des Monotheismus. „Gott ist der Eine Gott; er ist unteilbar und hat niemanden neben sich. Er ist unvergleichlich und nichts ist ihm auch nur ähnlich. (…) Alle diese und noch andere im Koran erwähnten Eigenschaften Gottes müssen in ausgewogener Weise betrachtet werden, ohne dass die eine Eigenschaft zugunsten einer anderen vernachlässigt wird oder zum Nachteil einer anderen überbetont wird.“ (www.islam.de)

Nach John L. Esposito, Professor für Religion und Internationale Beziehungen an der Georgetown University Washington DC, bedeutet Islam die „‚vollständige Unterwerfung unter den Willen Gottes‘. Darum hat bei Muslimen der Gehorsam gegenüber Gott, wie er im islamischen Recht (aus Koran und Hadith, den Überlieferungen) vorgeschrieben ist, oberste Priorität.“ (Esposito, S. 171) „Die Ausarbeitung dieses Rechts liegt in den Händen der Religionsgelehrten (ulama‘), die aus unterschiedlichen, z.B. geografischen oder kulturellen Kontexten kommen. Es regelt umfassend alle Lebensbereiche für die Gläubigen und gibt Antworten auf ihre Frage: Was soll ich tun? Das islamische Recht greift mit entsprechenden Richtlinien und Anforderungen in zwei Richtungen: Es bezieht sich auf die Interaktionen zwischen Menschen und Gott, also den Bereich des Gottesdienstes, und die Beziehungen der Menschen untereinander, also die sozialen Transaktionen.“ (ebd.)

Islamismus – Lesarten eines islamischen Fundamentalismus
Eine Facette des Islam ist der Islamismus. Die Verwendung dieses Terminus und die Auslegung unterliegen vorwiegend unterschiedlichen Interessen. Oft entscheidet die Weltanschauung darüber, was aus welchen Gründen als Islamismus bezeichnet wird. Das Phänomen ist inzwischen etwa hundert Jahre alt; in dieser Zeit hat es sich jedoch beträchtlich verändert und differenziert. Nachfolgend zwei Auffassungen:

Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffes Islamismus gibt es nicht. Als einesachliche Definition erscheint die Begriffsbildung von Tilman Seidensticker, Professor für Islamwissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er sagt: „Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“ (Seidensticker S. 9) Seidensticker wählte den Begriff „Bestrebungen“, „weil unter ihn verschiedenste Aktivitäten gefasst werden können, angefangen bei missionarischer oder erzieherischer Tätigkeit über das Engagement in politischen Parteien bis hin zu revolutionären Plänen.“

In allen vier gesellschaftlichen Bereichen werden Veränderungen angestrebt, jedoch mit ganz unterschiedlichen Präferenzen, die auch die Wahl der Mittel zur Erreichung der Ziele bestimmten. Die legitimierten „islamischen Werte und Normen“ sind schließlich immer „eine subjektive Auswahl und Interpretation aus der breiten religiösen, kulturellen und politischen islamischen Tradition. Hinzu kommen fast zwangsläufig neue oder ganz moderne Elemente“. (ebd., S. 9) Weitere Merkmale sind z.B.: „Eine Verabsolutierung des Islams für die Gestaltung des individuellen, gesellschaftlichen und staatlichen Lebens, kombiniert mit dem Ziel einer weitgehenden Durchdringung der Gesellschaft. (…) Und die Forderung, statt der westlichen Volkssouveränität die ‚Souveränität Gottes‘ ins Werk zu setzen. Das führt zu starker Ablehnung von ‚menschengemachten Gesetzen‘, als die alle von  Parlamenten beschlossenen Gesetze angesehen werden.“ (ebd., S. 10)

Nach dem Verständnis des Islam- und Politikwissenschaftlers Thorsten Gerald Schneiders ist Islamismus ein politisches und kein religiöses Phänomen. Man müsse unterscheiden zwischen Theologie und Fundamentalismus. Letzterer ist für Schneiders eine religiöse Auffassung, Islamismus hingegen sei ein politischer Begriff, der auf religiösen Überlegungen fuße, meist auf fundamentalistischen. „Islamismus ist (…) nichts als eine politische Strömung, eine  politische Ideologie.“ (Schneiders, S. 89) Der Fundamentalismus im Islam sei nichts Neues, sondern eine ganz alte und traditionelle Lesart des Korans. Früher habe man das nicht so bezeichnet, der Begriff sei geprägt von einem christlichen Kontext (von konservativen protestantischen Kreisen in den USA nach dem Ersten Weltkrieg). Im Islam lasse sich die Idee, die dahinter stecke, bis ins 8./9. Jahrhundert zurückführen. Die islamische theologische Geschichte beginne erst im 8. Jahrhundert, also etwa 150 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammeds. In dieser Zeit begann sich ein festes Religionsgefüge zu entwickeln. Es teilte sich in zwei Grundtypen: diejenigen, die für eine Orientierung an der menschlichen Vernunft eintraten. Und andere, die behaupteten, „nur die eine Orientierung am Wortlaut der Schriften sei der richtige Weg zum wahren Islam. Letztere kann man theologisch als Vorläufer des heutigen Fundamentalismus ausmachen.“ (ebd., S. 88)

Wenn heute über Islamismus gesprochen werde, dann über fundamentalistische Strömungen wie die Muslimbrüderschaft, die Hamas, die Taliban oder der IS. Der IS, so Schneiders, habe keine wirkliche theologische Begründung, sondern müsse politisch analysiert werden als primär militärische Strategie.

Im Folgenden sollen zwei ganz unterschiedliche Debattenbeiträge exemplarisch skizziert werden:

Islamischer Faschismus
Ein radikaler Kritiker des Islamismus ist Hamed Abdel-Samad, Mitglied der Islam-Konferenz und einer der profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Sein Verständnis des Islamismus beruht u.a. auf eigenen Erfahrungen: Ein Vortrag in Kairo zum Thema „Religiöser Faschismus in Ägypten“ brachte ihm im Jahr 2013 einen Mordaufruf in Facebook ein, seine Analysen und Thesen in seinem Buch „Der islamische Faschismus“ die Todes-Fatwa.

Abdel-Samad vergleicht die totalitären Elemente des Islamismus mit denen des Faschismus.

Er weist darauf hin, dass z.B. der geschlossene ideologische Kreis der Gelehrten, die ihn zum Tode verurteilten, seine Argumente nur bekräftigten: „Sie vergöttern ihren ‚Führer‘ Mohammed so sehr, dass sie jeden töten wollen, der ihn angreift, und sei es nur verbal. Sie glauben jemanden töten zu können, nur weil er anders über das denkt, was ihnen heilig ist.“ (Abdel-Samad, S. 13) Abdel-Samad spricht vom faschistischen Islam oder Islamofaschismus. Bei seinem Vergleich schickt er voraus, dass die Gegenüberstellung zweier Phänomene oder Systeme nicht bedeute, sie automatisch gleichzusetzen. Er übertrage dabei auch nicht die Strukturen des vergleichsweise jungen Faschismus der 1920er Jahre mit der 1400 Jahre alten Religion, sondern stelle die Bewegungen des politischen Islam in den Mittelpunkt, die fast zeitgleich mit dem europäischen Faschismus in den 1920er Jahren entstanden seien.

Wie eines der Merkmale des ‚Ur-Faschismus‘ sei ein zentraler Aspekt islamischen Denkens der ‚Kult der Überlieferung‘:Es gilt die Unantastbarkeit des Koran, in dem alles Wissen enthalten ist. Der politische Islam fühlt sich mit einem Auftrag Gottes versehen, der, losgelöst von Zeit, Raum und Realität, erfüllt werden muss. Salafisten und Jihadisten verteufeln eine zeitgemäße Interpretation der Texte, denn die Gebote Gottes dürfe der Mensch nicht umdeuten.“ (ebd., S. 21) Es könne keinen Fortschritt des Wissens geben, da die Wahrheit bereits offenbart wurde. „Nicht um eigenständiges Wissen geht es also, schon gar nicht um eine kritische Analyse, sondern um das strikte Befolgen der offenbarten Botschaft.“ (ebd., S. 20) Und weiter: „Andersdenkende werden als Verräter und Netzbeschmutzer abgestempelt und im schlimmsten Fall liquidiert.“ (ebd., S. 25)

Glauben und Verstand
Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin, unterscheidet den liberalen Ansatz vom fundamentalistischen Ansatz. Fundamentalisten nehmen für sich in Anspruch, so Kaddor, die absolute Wahrheit zu kennen. Sie bezweifelt, dass sich das, was Gott im Koran sagt, eins zu eins in die heutige Zeit übertragen lässt, und fragt sich, ob Gott in Kontexten spreche, die wir gar nicht mehr haben. Als klassisches Beispiel nennt sie „die Tatsache, dass Gott im Koran von Sklaven und Sklavenhaltergesellschaft spricht.“ Und kommentiert, „dass diese Verse für den heutigen, hiesigen Kontext nicht mehr anwendbar und somit obsolet sind“. (Kaddor, S, 94) Sie stellt damit nicht den Wortlaut des Textes in Frage, jedoch die Anwendbarkeit auf die heutige Zeit. Die Menschheitsgeschichte unterliege ja schließlich historischen Entwicklungen. Während ein konservativer Theologe bei der Bewertung vermutlich der Tradition einen höheren Wert beimessen würde, sei für sie als liberale Muslimin das erste Kriterium der Bewertung und des Zugangs zum Glauben der Verstand. Ihrer Einschätzung nach würde ein Fundamentalist das Kontextuelle beinahe völlig ausblenden und würde sagen: Das stehe so im Text und müsse so bleiben.

Literaturhinweise
John L. Esposito (2009) Von Kopftuch bis Scharia. Was man über den Islam wissen sollte. Reclam

Tilman Seidensticker (2014) Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen. CH. Beck

Thorsten Gerald Schneiders (2015) Interview in: Philomagazin-Verlag (Hrsg.): Philosophie-Magazin: Der Koran. Sonderausgabe, Juni 2015, Berlin

Hamed Abdel-Samad (2014): Der islamische Faschismus. Eine Analyse. Droemer Verlag

Lamya Kaddor (2015) Interview in: Philomagazin-Verlag (Hrsg.): Philosophie-Magazin: Der Koran. Sonderausgabe, Juni 2015, Berlin, S. 94 f

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