Wie kann Erinnerungsarbeit ohne Hibakusha aussehen?

Japan: Das Vermächtnis der Überlebenden

von Annegret Krüger
Hintergrund
Hintergrund

Im letzten Jahr konnte ich im August an der Gedenkfeier in der japanischen Stadt Hiroshima teilnehmen, die dem 80. Jahrestag der US-Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und deren vielen Toten gewidmet war. Eine ganz besondere Erfahrung, die ich nicht länger aufschieben wollte, denn es sind die letzten Jahre, in denen es noch möglich ist, die eindringlichen Geschichten der Überlebenden – Hibakusha genannt – persönlich erzählt zu bekommen. Ähnlich wie die Überlebenden und Zeitzeug*innnen der Shoa kommen die Hibakusha dem Ende ihrer Tage unaufhaltsam immer näher. Dies stellt die Erinnerungsarbeit vor viele Herausforderungen.

Die Geschichten der Personen, wie sie den 6. oder 9. August 1945 erlebt haben, sind so eindrücklich, dass sie mich immer wieder aufs Neue motivieren und dafür sorgen, dass ich die Hoffnung beim Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt nicht verliere. Wir alle tun das, damit niemand jemals wieder den Horror der Atomwaffen am eigenen Leib erleben muss. Die Hibakusha geben mir Mut, und ich bin sicher, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Die Zahl der Überlebenden ist mittlerweile auf unter 100.000 gesunken. Wie kann Erinnerungsarbeit also aussehen, wenn der Tag eintritt, an dem uns kein*e Überlebende*r mehr von den persönlichen Eindrücken erzählen kann? Dass dieser Tag kommen wird, sind sich alle bewusst, sodass es bereits eine Vielzahl an Ideen und Projekten gibt, wie das Erbe der Überlebenden nicht verloren geht und für nachkommende Generationen erfahrbar gemacht werden kann.

In Hiroshima und Nagasaki gibt es ein Programm der „Zweitzeug*innen“ bzw. Überliefer*innen (denshosha auf Japanisch) – dabei werden Freiwillige, oft jüngere Menschen, teils jahrelang geschult und ausgebildet, um die Geschichte einer spezifischen Person detailgetreu weiterzuerzählen. In Hiroshima startete das Programm bereits 2012. Dabei werden nicht nur die reinen Fakten der Person weitergegeben, sondern auch die Emotionen und die persönliche Botschaft der Überlebenden. Vorträge dieser sogenannten „Legacy Successors“, also Nachfolger*innen der Atomwaffen-Überlebenden, finden regelmäßig im Friedensmuseum in Hiroshima statt, können aber auch auf Anfrage für Gruppen angeboten werden. Auf Wunsch sind sie zudem in englischer oder deutscher Sprache verfügbar. Seit 2022 gibt es besondere Nachfolger*innen und zwar werden gezielt Familienangehörige der Hibakusha ausgebildet, um in deren Namen eine noch größere Vielfalt ihrer Geschichten und Wünsche weiterzugeben.

Neben diesen Überliefer*innen gibt es bereits seit längerer Zeit Videoarchive, auf die Menschen aus aller Welt online zugreifen können. Die Gedenkhallen für die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben die Überlebenden auf Video aufgenommen und stellen die Aufnahmen mit dem Einverständnis der Personen online zur Verfügung (1), sodass das das unmittelbare Erleben und das Wissen um die verheerenden Folgen der Atombombenabwürfe an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann. Diese Interviews stellen ein niedrigschwelliges Angebot an alle dar, die nicht vergessen wollen.

Technik spielt eine entscheidende Rolle bei der Erinnerungsarbeit, sei es durch Video-Zeugnisse oder neuerdings durch Hologramme. Ähnliche Programme gibt es bereits mit Überlebenden der Shoa, die in Interviews hunderte Fragen beantwortet haben. Durch künstliche Intelligenz und Hologramm-Technik werden die originalen Aufnahmen von Zeitzeug*innen als dreidimensionales Hologramm dargestellt, sodass die Stimmen dieser Überlebenden für die Ewigkeit festgehalten wurden und eine interaktive Begegnung ermöglichen. Zukünftige Generationen können diesem Hologramm Fragen stellen und erhalten passende Antworten aus dem gefilmten Material. In Japan werden solche Programme nun ebenfalls getestet.

Ein weiteres Beispiel, wie Technik in heutige Erinnerungsarbeit eingebunden ist, stellen die virtuellen Touren durch Hiroshima dar. Mit so genannten VR-Brillen (virtuelle Realität) können Tourist*innen Hiroshima vor dem 6. August 1945, am 6. August und den Wiederaufbau nach dem 6. August erleben. Erzählt wird dabei die Geschichte von Eizo Nomura, der sich zum Zeitpunkt des Abwurfs nur rund 170 Meter vom Epizentrum entfernt in einem Keller befand und überlebte. Diese virtuellen Touren sind ein weiteres Beispiel für die Strategie, historische Erinnerungen technologisch aufzubereiten und zugänglich zu machen, ohne dabei an Authentizität zu verlieren.

Die Archivierung der Hibakusha-Zeugnisse ist nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch gegen das kollektive Vergessen, das durch Jahrzehnte der Stigmatisierung und Scham befeuert wurde. Erst spät brachen viele Überlebende ihr Schweigen. Heute schlagen digitale Interviews die Brücke zwischen Fakten und Gefühl: KI kann Zeitzeug*innen niemals ersetzen, bietet aber Möglichkeiten der interaktiven Erinnerung. Wir sind es den Hibakusha schuldig, ihre Geschichte begreifbar zu machen, damit die katastrophalen Folgen der Atombombenabwürfe niemals in Vergessenheit geraten.

Anmerkung
1 https://www.global-peace.go.jp/en/picture/index.php

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Hintergrund
Annegret Krüger arbeitet beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn.