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Armenien und Aserbaidschan öffnen Grenzen – armenische und aserbaidschanische Zivilgesellschaften begegnen sich
Tauwetter im Kaukasus
vonDas, was am 21. und 22. Oktober in der armenischen Hauptstadt Eriwan passiert ist, hatte es in dem jahrzehntelangen, blutigen Konflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern seit 35 Jahren nicht mehr gegeben. Vertreter*innen von armenischer und aserbaidschanischer Zivilgesellschaft trafen sich, um miteinander zu reden. Mitten in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Zwar hatte es auch schon früher direkte Kontakte zwischen zivilgesellschaftlichen Vertretern von Armeniern und Aserbaidschanern gegeben. Doch die hatten immer in einem Drittland stattgefunden. Und nun war am 21. Oktober ein aserbaidschanisches Flugzeug auf dem armenischen Flughafen von Eriwan gelandet.
Einfach werden diese armenisch-aserbaidschanischen Gespräche in Eriwan nicht gewesen sein. Aber nach 35-jähriger Funkstille konnte man auch keine Umarmungen und Liebesbekundungen erwarten. Zuviel stand einfach zwischen den Gesprächspartnern. Kritisiert worden war in Armenien auch mehrfach die Teilnahme der aserbaidschanischen Aktivistin Dilara Efendiewa, hatte diese sich doch 2023 an der Blockade von Berg-Karabach beteiligt, in deren Folge es zu einer aserbaidschanischen Offensive kam.
Gleichwohl: Ein erster und auch sensationeller Schritt ist getan. Nun gibt es wieder direkte Kontakte zwischen Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen, die von beiden Regierungen ausdrücklich gebilligt werden.
Nach Jahrzehnten der Blockade und Feindseligkeit scheint sich im Südkaukasus ein neues Kapitel aufzuschlagen. Und nun fließt wieder, zum ersten Mal seit 35 Jahren, armenischer Handel über aserbaidschanisches Territorium.
Ein historischer Schritt: Transit wieder offen
Aserbaidschan hat seine Transportwege für armenische Waren geöffnet. Ein symbolträchtiger erster Gütertransport – Getreide aus Kasachstan – wird künftig über aserbaidschanisches Territorium nach Armenien gelangen.
Der armenische Premierminister Nikol Paschinjan dankte Präsident Ilham Alijew für diesen Schritt und erklärte im Gegenzug die Bereitschaft Jerewans, den Transit türkischer Lastwagen durch Armenien nach Aserbaidschan zu erlauben und Infrastrukturprojekte – darunter Energie- und Pipelinesysteme – in Richtung der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan zu unterstützen.
Nach Jahrzehnten geschlossener Grenzen und gegenseitiger Isolation markiert diese Geste einen Wendepunkt in den Beziehungen der beiden ehemaligen Kriegsgegner.
Erstes zivilgesellschaftliches Treffen in Jerewan
Fast zeitgleich fand in der armenischen Hauptstadt Jerewan ein „Runder Tisch“ statt – das erste direkte Treffen von Vertreter*innen der Zivilgesellschaft Armeniens und Aserbaidschans in diesem Format.
An dem Treffen nahmen u. a. der aserbaidschanische Politologe Farchad Mamedov, der Direktor des Topchubaschow-Zentrums Rusif Guseinov, die Frauenrechtlerin Dilara Efendiewa sowie armenische Experten, unter ihnen Areg Kotschinjan, Boris Nawasardjan und Narek Minasjan teil. Unterstützt wurde die Initiative ausdrücklich von den Regierungen beider Länder – ein Novum nach Jahrzehnten des Misstrauens.
Das Treffen stand im Zeichen der in Washington am 8. August 2025 verabschiedeten Gemeinsamen Friedenserklärung, die einen dauerhaften Dialog zwischen Armenien und Aserbaidschan vorsieht. Themen waren wirtschaftliche Kooperation, humanitäre Fragen, der geplante Zangezur-Korridor sowie Perspektiven für langfristiges zivilgesellschaftliches Engagement.
„Wir spürten keine Feindseligkeit, im Gegenteil – die Atmosphäre war offen und respektvoll“, berichtete Dilara Efendiewa. Für Efendiewa war das Treffen „fruchtbar und zukunftsweisend“.
„Wir sahen, dass die armenische Seite wirklich an einem friedlichen Prozess interessiert ist“, sagte sie in Pressegesprächen. „Das Vertrauen wächst, und wir müssen diesen Weg weitergehen – mit mehr Einbindung der Zivilgesellschaften auf beiden Seiten.“
Auch der aserbaidschanische Politologe Farchad Mamedov sprach von einem „Qualitätssprung“: Zum ersten Mal habe ein solcher Dialog ohne Vermittlung Dritter stattgefunden – weder westlicher noch russischer Akteure.
Symbolische Veränderungen in Armenien und Nervosität in Moskau
Parallel dazu verändert sich auch die politische Symbolik in Armenien. In den neuen Einreisestempeln der armenischen Grenzbehörden fehlt erstmals die Silhouette des in der Türkei gelegenen Berges Ararat – ein Zeichen für die Abkehr von alten nationalistischen Mythen und für Paschinjans Linie, „eine reale, international anerkannte Republik“ aufzubauen, statt von einer „Großarmenien“-Idee zu träumen.
In Moskau ist man nervös. Getreu dem Motto: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ hat Russland immer wieder mal die eine Seite, mal die andere Seite unterstützt. Solange der Konflikt köchelte, schien Moskau unentbehrlich zu sein. Der gegenseitige Öffnungskurs zwischen Armenien und Aserbaidschan – und die Tatsache, dass er ohne russische Vermittlung zustande kommt, ist für die Herrschenden in Moskau wenig erfreulich.
Für viele Beobachter*innen bedeutet das aktuelle Tauwetter mehr als nur eine pragmatische Einigung über Transportwege. Es ist ein Schritt hin zu einer regionalen Selbstständigkeit – weg von externer Einflussnahme, hin zu direkter Kooperation.
„Wir sind die erste Gruppe, die diesen Prozess begonnen hat“, sagte Efendijewa. „Es ist wichtig, dass er langfristig wird. Dafür braucht es politischen Willen – und den gibt es jetzt.“
Ob aus diesem vorsichtigen Aufbruch ein dauerhafter Frieden wird, bleibt abzuwarten. Doch zum ersten Mal seit einer Generation spricht man in Jerewan und Baku nicht übereinander, sondern miteinander.
P.S.: Nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass am 21. November eine fünfköpfige armenische Delegation Aserbaidschan besucht hat, ein weiteres positives Zeichen.