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Augusto Boal: Erfahrung statt Belehrung
Theater der Unterdrückten
von
Die Darstellungstechniken des Theater der Unterdrückten (ThdU) von dem brasilianischen Theatermacher Augusto Boal sind ideal für eine handlungsorientierte politische Bildungsarbeit. Sie haben das Lernziel, Diskriminierungs- und Gewaltsituationen zu durchbrechen und so zur konkreten Veränderung der Situation beizutragen. Denn das Theater der Unterdrückten fördert Ideenreichtum, den kollektiven und kreativen Umgang mit Konflikten und den Dialog. Es ist Kunst, Kultur, Konflikt und Widerstand zugleich.
Nach Augusto Boals Verständnis sollen in einem Theater der Befreiung (wie er das ThdU bezeichnet) alle gemeinsam lernen, Zuschauer*innen und Schauspieler*innen, „keiner ist mehr als der andere, keiner weiß es besser als der andere“. (Boal 1989, S. 8) Dieses Vorgehen soll zum Handeln ermächtigen und - neben der Veränderung in der Gewaltsituation - vor allem auch zur Veränderung der Gesellschaft beitragen. Den Menschen aus seiner passiven Zuschauerrolle im Theater wie im Leben zu befreien, ihn zur Akteur*in, zur Protagonist*in, zum Handelnden zu machen - das ist das Ziel des Theaters der Unterdrückten. Boal versteht Theater nicht als gesellschaftliche Zweckmäßigkeit, er definiert Theater als produktiven Widerspruch: „Schluss mit einem (traditionellen) Theater, das die Realität nur interpretiert; es ist an der Zeit, sie zu verändern. (…) Es genügt nicht zu wissen, dass die Welt verändert werden soll; wichtig ist, sie tatsächlich zu verändern! Dazu können die Techniken des Theater der Unterdrückten beitragen. Nach dem Forumtheater folgt nur noch die Aktion!“ (Thorau in Boal 1989, S. 15)
Künstlerische Fähigkeiten
Nach dem Theatermacher Augusto Boal hat jeder Mensch künstlerische Fähigkeiten. Doch die Erziehung habe unsere Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt. Nach Boal hat das Theater der Unterdrückten (von ihm auch „Theater der Befreiung“ genannt) das Ziel, den Menschen aus seiner passiven Zuschauerrolle im Theater wie im Leben zu befreien.
Nach Boal kann „in Wirklichkeit (…) jeder alles, auch wenn er es nicht in einem bestimmten Bereich zur Meisterschaft bringt“. (Boal 1989, S. 69) Es genüge nicht nur „zu wissen, dass die (gewaltvolle) Welt verändert werden muss, wichtig ist, sie tatsächlich zu verändern“. Die experimentellen Methoden aus dem Theater der Unterdrückten befähigten zum konkreten Handeln. Jede*r könne lernen, Widerstand gegen Unterdrückung zu leisten, so Boal, „…Ich suche in jedem Menschen den Künstler zu finden.“ Und bezogen auf seine Theaterformen: „Ich verachte autoritäres Theater und mache Theater der Unterdrückten.“ (Boal 1989, S. 8)
Pädagogik der Freiheit nach Paolo Freire
Nach eigenen Erfahrungen mit dem didaktischen Theater zum Thema Gerechtigkeit bezieht sich Augusto Boal vorwiegend auf Paulo Freire, Freund und Lehrer in der Erwachsenenbildung. Dessen Pädagogik der Erwachsenenbildung will kein abstrakter Schreibtischentwurf sein, sondern eine Erziehungstheorie, die aus der Praxis hervorgeht und eine mögliche Praxis der Befreiung ohne Gewalt einleitet. Freire sammelte Erfahrungen bei seiner Arbeit mit der Landbevölkerung und dem städtischen Proletariat in Teilen Brasiliens. Mit seinen Alphabetisierungskampagnen wurde er weit über die Grenzen Lateinamerikas bekannt.
Wesentlich bei Freires Konzept ist, die spezielle Situation der Betroffenen zu berücksichtigen und ihnen selbstständiges Lernen zu ermöglichen. Komponenten seiner Methodik und Didaktik der Bewusstmachung sind, utopisches Denken mit den Inhalten aus der konkreten Lebenswelt der Lernenden und zugleich mit einer Analyse der „historischen Wirklichkeit“ der Lernenden zu verbinden. Die Lernenden sollen zunächst die entmenschlichte Struktur ihrer Lebenswelt rational verstehen und sich die Unterdrückungsverhältnisse bewusst machen. (Hintergrund ist der Bezug zu den damaligen Verhältnissen in Lateinamerika)
Doch entscheidend ist die „Betätigung in der Praxis“. Freires Erziehungsziel ist Bewusstseinsveränderung, die dialektisch im Dienst der Veränderung von bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen steht. Diese befreiende Pädagogik der Unterdrückten, das Bildungskonzept von Freires „Praxis der Freiheit“, die allein aus der Wirklichkeit und der Position der Beteiligten resultiert, verbindet Augusto Boal mit seinem experimentellen Theaterkonzept.
Darstellungstechniken des Theater der Unterdrückten
Nachfolgend drei Methoden aus dem ThdU:
Das nonverbale Statuentheater ist eine Methode für die Seminararbeit in Räumen. Eine Gruppe von Personen stellt ihre kollektive Vorstellung von Unterdrückung bzw. von Gewaltsituationen in einer Statue dar, ohne Sprache. In drei Phasen wird eine sich verändernde Statue entwickelt: ausgehend von einem Realbild hin zum Idealbild und mit dem sich anschließenden Übergangsbild (nonverbal sichtbar gemachte Strategien der Veränderung) wieder zurück zur Wunschrealität.
Das Unsichtbare Theater ist eine Methode, um ein gesellschaftlich aktuelles Thema (wie Rassismus, patriarchale Gewalt) im öffentlichen Raum zu inszenieren, z.B. in der Pariser Metro oder auf den Straßen von Heidelberg, wo die Zuschauer*innen nicht wissen, dass sie Theaterzuschauer*innen und gleichzeitig Akteur*innen sind. Ziel ist die öffentliche Auseinandersetzung mit einem gerade aktuellen Thema.
Das Forumtheater ist die weltweit bekannteste und auch am häufigsten eingesetzte Methode, die beispielsweise auch in Konfliktregionen wie in Afghanistan und im Libanon eingesetzt wird. Inszeniert wird nach einem bestimmten Ablauf und mit mehreren Durchgängen. Dabei gibt es zwei aktive Rollen: zum einen die Protagonist*innen, die eine selbst erlebte Gewaltsituation oder verbale Diskriminierung in Szene setzen. Und zum anderen das Forum, die Zuschauenden – alle sind Mitwirkende einer Handlung.
Exemplarisch sei hier folgende Frage aus einem Workshop genannt: Wie kann ich mit Zivilcourage in Diskriminierungs- und Gewaltsituationen gewaltfrei eingreifen? Die Workshop-Teilnehmer*innnen haben ein dringliches Problem vor Augen, das sich auf ein konkretes Ereignis bezieht (z.B. eine erlebte diskriminierende Beschimpfung im Bus, Jugendliche pöbeln einen Schwarzen an: „Hey Du, was willst Du hier, geh‘ doch zurück in den Urwald!“)
Wichtig: Die Themen werden stets aus der Gruppe vorgeschlagen. „Wenn man ein Theater der Befreiung praktizieren will, ist es unabdingbar, dass die Betroffenen ihre Themen selbst benennen.“ (Boal 1989, S. 70) Die Konfliktsituation wird von denjenigen, die die Situation erlebt haben, inszeniert. Mit einzelnen aus dem Forum (den Zuschauenden) wird in einer direkten theatralischen Interaktion mit Handlungsalternativen experimentiert. Alle sind Mitwirkende der Handlung und haben die Möglichkeit, verändernd in die Konfliktszene einzugreifen, sie beeinflussen dadurch die Dynamik der ganzen Situation. Die Umsetzung der Rollenspieltechnik Forumtheater erfolgt in mehreren Durchgängen und im Wechsel mit verschiedenen (freiwillligen) Akteur*innen.
Im Workshop zum Einüben von Zivilcourage:
Ergänzend werden praktische Übungen eingesetzt, z.B. zur Stärkung der Kommunikationsfähigkeit, Fragen zu den Grenzen beim Eingreifen in eine Gewaltsituation werden gestellt sowie eigene Beweggründe zum zivilcouragierten Handeln thematisiert und die Funktion von Vorurteilen aufgegriffen. Kurze theoretische Inputs zur Dynamik von Handlungsabläufen (Meyer 2004, S. 35) in typischen Zivilcouragesituationen können das Eingreifen erleichtern. Auch hier gilt: Es gibt keine fertigen Rezepte. Die selbstentwickelten Strategien werden am Ende des Workshops zusammen mit bewährten Orientierungsregeln in Bedrohungssituationen „Courage gegen Gewalt“ diskutiert. Im Mittelpunkt steht immer, die Situation zu deeskalieren und das Opfer zu schützen.
Zivilcourage ist das Gegenteil von persönlicher Resignation und öffentlichem Schweigen. Das Theater der Unterdrückten ist Widerstand gegen personale und strukturelle Gewalt. Das Theater der Unterdrückten und seine Methoden sind zivile Konfliktbearbeitung. Frieden schaffen ist eine Kunst! Theater machen ist eine Kunst. Mit den Methoden des Theater der Unterdrückten praktiziert Augusto Boal diesen Anspruch.
Literatur
Axter, Melanie: Das Theater der Unterdrückten Augusto Boals und seine Präsentation in der Gegenwart. Stuttgart, Ibidem Verlag, 2001 (Diplomarbeit)
Boal, Augusto: Das Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt/M, edition suhrkamp. (Erstausgabe 1989)
Ebbers, Linda: Theater und zivile Konfliktbearbeitung. In: Wissenschaft und Frieden 3/2014, S. 37-40
Figueroa, Dimas: Paulo Freire. Zur Einführung. Edition SOAK im Junius Verlag, 1989
Meyer Gerd u.a.: Mit Zivilcourage handeln. Bundeszentrale für politische Bildung und Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Studie 2002
Thorau, Henry: Augusto Boal oder Die Probe auf die Zukunft. In: Boal, Augusto: Das Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler, Frankfurt/M, edition suhrkamp. (Erstausgabe 1989), S. 9-16
Renate Wanie ist Bildungsreferentin, Mitglied des Redaktionsteams des FriedensForums und freie Mitarbeiterin der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Büro Heidelberg.