In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Schutz macht Sicherheit
Unbewaffnete Schutzansätze
von
„Und was tun, wenn wir angegriffen werden?“ – diese Frage hat jede*r in der Friedensbewegung sicher schon einmal gehört. Was bedeutet menschliche Sicherheit im Angesicht von gewaltsamen Angriffen? Können wir uns selbst, uns gegenseitig, die Versorgung von Grundbedürfnissen, die Verwirklichung von Menschenrechten und unsere Gesellschaften gewaltfrei schützen?
Inspiriert von der Jahrestagung des Bund für Soziale Verteidigung e.V. im April 2026 zum Thema Schutzkonzepte hier ein Rundumblick, welche Möglichkeiten diese bieten können:
Von individuellen zu kollektiven Strategien:
Ganzheitliche Sicherheitsstrategien nach außen – Awareness nach innen
Menschen, die gewaltfrei die Menschenrechte verteidigen, sind in vielen Teilen der Welt Repression ausgesetzt. Der Ansatz des „Ganzheitlichen Schutzes für Menschenrechtsverteidiger*innen“ macht umfassende Strategien des „Sicherheitsmanagements“ für Individuen und Kollektive nutzbar: Basierend auf Risiko-, Bedarfs- und Kapazitätenanalyse werden Strategien für physische, digitale, psychosoziale und weitere Ebenen von Sicherheit entwickelt und präventiv und im Krisenfall umgesetzt. Peter Steudtner vom „Holistic Protection Collective“ sagt: „In repressiven Kontexten sind Schutz- und Krisenmanagement-Strategien eine Voraussetzung, um überhaupt aktiv bleiben zu können. Dazu gehört auch, Räume des Auftankens zu haben – im Sinne von ‚Wellbeing is Resistance‘“.
Möglichst sichere kollektive Räume der Organisierung sind ein wichtiger Faktor von Resilienz und Zusammenhalt. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein dafür gestiegen, dass auch innerhalb von Gruppen und Bewegungen Macht-Asymmetrien existieren – und daher ein unterschiedlicher Grad an (Un-)Sicherheit und Gefahr, auch in vermeintlich sicheren Kontexten diskriminiert zu werden oder gar Übergriffe zu erleben. Bewegungsakteure und Organisationen haben daher Ansätze machtkritischer Praxis und Lernens entwickelt – Anti-Diskriminierungs-Policies gehören ebenso dazu wie betroffenenzentrierte Awareness-Ansätze mit Ansprechstrukturen, aber auch Ansätze von Barrierenabbau, Traumasensibilität, „Transformative Justice“ und viele mehr.
Von kollektiven zu gesellschaftlichen Strategien:
Solidarische Fürsorge, Zivilcourage und ziviles „Peacekeeping“
Internationale Beispiele wie im Sudan zeigen auf, wie Soziale Bewegungen ihre Mitglieder kollektiv schützen können. Angefangen von Schutzstrategien innerhalb Sozialer Bewegungen, wie zum Beispiel die „Bucket Boys“ im Sudan, die während der gewaltfreien Revolution Eimer über Tränengas-Patronen stülpten, bis hin zur Organisierung in Nachbarschaftskomitees, um dezentral Widerstand und Solidaritätsstrukturen aufzubauen. „Jetzt in der Kriegszeit haben sich die Nachbarschaftskomitees in Notfallzentren, sogenannten Emergency Response Rooms, verwandelt und organisieren Straßenküchen, medizinische Versorgung, usw. Sie allein sorgen dafür, dass Menschen überleben“, sagt Mona Khogali von der Bana Group. Dieser Ansatz, Grundbedürfnisse von unten zu schützen, ist auch als Mutual Aid oder Solidarische Fürsorge bekannt.
Andere Strategien schützen besonders bedrohte Personen: Mit Alarm-Rufen in den USA, wenn ICE-Mitarbeitende (Immigration and Customs Enforcement) in einem Startviertel auftauchen, oder mit Telefonketten, um Schutz zu organisieren, wenn z.B. in Deutschland Menschen abgeschoben werden sollen oder Angriffe von Rechtsextremen drohen. Durch Zivilcourage- und Deeskalationstrainings ist es möglich, sich auf das Einschreiten im Fall von diskriminierenden oder eskalierenden Situationen vorzubereiten.
Ein weiteres Beispiel solidarischer Schutz-Organisierung ist die Arbeit des LSVD+ Verbands Queere Vielfalt. Vorstandsmitglied Julia Monro berichtet: „Die queere Szene ist ein ‚Gefahrenmesser‘ für die Demokratie. 2025 gab es bei fast jedem zweiten Christopher Street Day Störungen oder Angriffe. Daher hat der LSVD+ zum Beispiel Guidelines zum Schutz von CSD’s herausgebracht.“
Im sogenannten „Zivilen Peacekeeping“ oder „Zivilem Schutz“ wird gezielt Schutzpräsenz oder Begleitung von Zivilist*innen organisiert: Die DC Peace Teams in den USA setzen auf Anfrage Begleitschutz und Deeskalations-Teams für besonders aufgeheizte Situationen ein. „Hierfür ist vorbereitendes Training und Organisation zentral“, so der Programmdirektor der DC Peace Teams, Professor Eli McCarthy.
Widerstand schützt – oder: „Zärtlich die Ellenbogen ausfahren“
Backfire-Strategien helfen Sozialen Bewegungen, nicht nur Repression zu stoppen, sondern sie zu einem Risiko für die ausübenden Machthabenden zu machen. Dabei geht es nicht nur darum, die Repression und damit verbundene Desinformation und Verleumdung aufzudecken, sondern auch Gegendruck aufzubauen, sodass die Repression für den Repressor zu einem Dilemma und letztlich zu riskant wird. Mit diesem „zärtlich die Ellenbogen ausfahren“, wie es ein Teilnehmer auf der BSV-Tagung nannte, können sich verengende gesellschaftliche Räume wieder geweitet werden.
Beim Schutz von Gesellschaftssystemen, wie z.B. unserer Demokratie, ist der Übergang zwischen Schutz und Widerstand fließend: Initiativen wie „Verwaltung für Demokratie“ stärken Verwaltungsmitarbeitende, wenn es z.B. darum geht, die Remonstrationspflicht zu nutzen, wenn verfassungswidrige und menschenrechtswidrige Beschlüsse umgesetzt werden sollen. Die von Bestsellerautor Arne Semsrott geleitete Anlaufstelle „Frag den Staat“ nutzt und schützt damit die Informationsfreiheit, deckt Missstände auf und zeigt sie ggf. an – flankierend unterstützt der „Gegenrechtsschutz“ angegriffene Einzelpersonen, Initiativen und Organisationen mit juristischer Beratung.
So sind Schutzstrategien auch eine der Säulen Sozialer Verteidigung, einem Verteidigungskonzept, das statt auf Militär auf gewaltfreien Widerstand setzt: Denn Schutzstrategien machen Widerstand im Angriffsfall erst (nachhaltig) möglich!
Schutz im digitalen Raum
Digitale Sicherheit beginnt bei der Praxis von Einzelpersonen und Gruppen, z.B. bezüglich der Nutzung von verschlüsselten Diensten, aber beinhaltet ebenso die kollektive Organisierung gegen Hass im Netz, wie z.B. im Konzept der „Netzfeuerwehr“ von LOVE-Storm. Weit darüber hinaus gehen Schutzbedarfe und Widerstand gegenüber der Macht von „Big Tech“ und Angriffen mit KI-gestützten Diensten, wie z.B. von Palantir, als gesellschaftliche und global-zivilgesellschaftliche Aufgabe – aber auch Fragen zu lokalen Lösungen um Abhängigkeiten zu reduzieren, bis hin zu ökologischen Aspekten und zur Frage: „Wieviel und welches Internet wollen wir haben?“
Schutz - nur reaktiv oder auch visionär?
In der Diskussion um Schutzkonzepte begegnet man irgendwann der Frage: Geht es bei Schutz „nur“ um die Präventions- und Reaktionsfähigkeit auf Angriffe? Eine rein verteidigende Haltung schafft nichts Neues, Besseres, sondern sorgt im besten Fall für den Erhalt von Gutem und Notwendigem bei einem Angriff. Übersetzen wir Schutz mit einem feministischen, machtkritischen Blick jedoch mit Fürsorge und Solidarität, entsteht daraus eine positive Vision von Gesellschaft(en) – der auch den Schutz der nicht-menschlichen Mitwelt mit einschließen muss. So wird aus obiger Überschrift in Zeiten von Polykrisen ein Dreiklang des Empowerment: Schutz – Macht – Sicherheit.
Eine Dokumentation der Tagung wird im Sommer 2026 erscheinen: https://soziale-verteidigung.de/.