Wege des Friedens nach dem 2. Weltkrieg
Es geht in diesem kurzen Aufriss um die Arbeit von Pax Christi bei der Aussöhnung mit Frankreich und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg..
Gründerin dieser Bewegung war die Lehrerin Marie-Marthe Claudel-Claudot aus Südfrankreich, die einen „Gebetskreuzzug zur Bekehrung Deutschlands“ ins Leben rief. Zur Unterstützung wandte sie sich an führende katholische Würdenträger, sodass ihre Initiative recht schnell eine Zustimmung von oben, d.h. vom französischen Episkopat und auch bereits 1947 von Papst Pius XII. erhielt. Auf Empfehlung des Papstes wurde der Name geändert in: „Gebetskreuzzug für die Nationen“, da alle Nationen die Sehnsucht des christlichen Friedens teilen sollten. Trotz dieser Ausweitung blieb die Aussöhnung mit Deutschland im Mittelpunkt der Gründer*innen, die in ihrer Zeitschrift immer wieder den Widerstand der deutschen Katholik*innen thematisierten. Die sich abzeichnende geistliche Leitung von oben und die aktive, innovative und auch grenzüberschreitende Arbeit von unten blieben seitdem das Kennzeichen von Pax Christi.
Schon zu Beginn standen Friedenswallfahrten im Mittelpunkt der Bewegung: 1946 nach Vézelay und ab 1947 nach Lourdes, 1948 zur Gründung der deutschen Sektion nach Kevelaer, 1950 mit dem Aachener Friedenskreuz nach Rom und ab 1952 nach Assisi. Von besonderer Bedeutung waren die ersten internationalen Wallfahrten nach Lourdes, wohin die jeweiligen nationalen Gruppen noch per Eisenbahn separat anreisten. Die überraschend positive Erfahrung lautete: „Wir waren vereint in der großen Familie der Weltkirche“. (1) Die französische Pax Christi streckte den Deutschen die Hände entgegen, wobei auch die französischen Freund*innen der Zwischenkriegszeit wie MarcSangnier und die Compagnons de Saint François mithalfen.
Routes de la Paix – die erfolgreichste Versöhnungsarbeit mit Frankreich von unten
Die Friedenswallfahrt nach Assisi 1952 läutete eine neue Epoche ein. Neben dem Kongress aller nationalen Vertretungen wurde erstmals eine Sternwallfahrt für junge Menschen ab 17 Jahren organisiert, die, aufgeteilt in kleinere Gruppen, aus verschiedenen Ländern über mehrere Tage hinweg sternförmig nach Assisi wanderten. Diese von der deutschen Jugendbewegung beeinflussten Routes de la Paix (Friedenswallfahrten) bildeten über vier Jahrzehnte hinweg die wichtigsten Aktivitäten von unten. In den 1950er und 1960er Jahren kamen pro Jahr rund 400-500 junge Menschen zusammen, die aufgeteilt in kleinere Gruppen rund zehn Tage zu Fuß wanderten, in Dörfern bei Bauern oder in Schulen/Turnhallen untergebracht wurden, miteinander sangen, religiöse Themen meditierten und politische Themen diskutierten, wie z.B. die Wiederbewaffnung und auch den Aufbau eines geeinten Europas. Vielfach wurden die einzelnen Wandergruppen von jüngeren Geistlichen wie Pater Manfred Hörhammer und ab 1959 Pater Paulus Engelhardt OP geleitet.
Oft wurden die Gruppen am späteren Nachmittag von den Ortspfarrern mit Messdienern am Dorfeingang empfangen und auf Gasteltern verteilt. Nach den Abendessen folgte ein bunter Abend, den die Pilger*innen - überwiegend aus den Gruppen von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, aber auch aus Spanien und Italien - gestalteten. Man lernte viel über die Gastländer durch die private Unterbringung, aber auch durch die Gruppen, die sich für die Gestaltung der bunten Abende mit ihren Liedern, ihren kleinen Spielen, Sketchen oder Scharaden zusammentaten oder im gemeinsamen Singen die eingeladene Bevölkerung unterhielten. Von den sechs Zeitzeugen, die ich für die 1960er Jahre befragen konnte, wurden die Routes vielfach als „prägend“ für ihr späteres Leben bezeichnet: Erfahrung der „großen, weiten Welt“, Erfahrung des gemeinsamen Wanderns mit der Reduktion auf das Wesentliche, Bildung einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft, Abgleichens nationaler Unterschiede im religiösen wie im kulturellen oder politischen Bereich und die Entwicklung von (Brief-) Freundschaften kamen hier zusammen. Man verstand sich als Europäer*innen, intensivierte die Kontakte sowie die Sprachkenntnisse. Mehrfach wurde erwähnt, dass Lieder aus dem Widerstand gesungen wurden, wie z.B. „Bella ciao, bella ciao“ oder die „Moorsoldaten“, Lieder, die der Organisator Père Bosc, Paris, zusammengetragen hatte. Das Miteinander dieser gemischten Gruppen war bei allen befragten Zeug*innen „eine ganz wesentliche Erfahrung“, die weit über das hinausging, was heute bei Begegnungen von Schulklassen oder Städten erreicht wird. Bis heute aufgehobene Routes Tagebücher, Liedhefte und Fotoalben wie auch von Routiers geschriebene Zeitungsberichte zeugen von der Bedeutung dieser Begegnungen für die Teilnehmer*innen.
Von Beginn an entwickelte Pax Christi solche Jugend-Begegnungen, die vielfach auch von lokalen Gruppen der gesamten Rheinschiene von Krefeld bis Basel zustande kamen. Enge Beziehung zwischen Krefeld und Breda, Trier und Metz, Speyer bzw. Freiburg mit Elsaß-Lothringen lassen sich finden. Auf Druck von unten kam es seit 1950 zur Vermittlung von Brieffreundschaften vor allem zwischen deutschen und französischen Schüler*innen, gelegentlich auch nach England und den USA. Insgesamt muss man konstatieren, dass für Pax Christi die Arbeit mit Jugendlichen ein Schwerpunkt der Arbeit war, der ergänzt wurde durch die Kooperation mit den Studierenden-Wallfahrten nach Chartres und dem katholischen Bauorden. Diesen Begegnungen dienten auch die Herbergen, die Pax Christi in Berlin, Paris und am Mont St. Michel betrieb, wo ehemalige Routiers in den Ferien mitarbeiteten. (2) Bei all diesen Aktivitäten standen die deutsch-französischen Beziehungen im Mittelpunkt.
Aussöhnung mit Polen
Der Beginn der Aussöhnung mit Polen lag auf einer gänzlich anderen Ebene, aber auch hier gab es ein Oben und ein Unten. Seit Ende der 1950er Jahre suchte die deutsche Pax Christi engere Kontakte nach Polen, die ihr 1964 mit Hilfe des Internationalen Versöhnungsbundes zu einer Bußwallfahrt nach Ausschwitz und einer bewegenden Begegnung mit Erzbischof Karol Wojtyła verhalfen. Die Führung von Pax Christi zeigte dadurch ein besonderes Fingerspitzengefühl für Polen. Dies kam ein Jahr später zur Geltung, als die EKD ihre Polendenkschrift veröffentlichte und kurz darauf ein sehr bekannt gewordener Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe begann.
Die Atmosphäre des 2. Vatikanischen Konzils bildete die Brücke zwischen den Bischöfen, die sich persönlich kennen- und schätzen gelernt hatten. Daher konnte der Autor des polnischen Bischofbriefs, Erzbischof Kominek aus Breslau, schreiben: „In diesem aller-christlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir die Hände zu ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ (3)
Die Antwort der deutschen Bischöfe auf den Brief der polnischen Amtsbrüder blieb blass und erzeugte im katholischen Deutschland nur eine begrenzte Resonanz, zumal die katholischen Vertriebenenverbände sich heftig gegen Erwartungen der polnischen Bischöfe (Anerkennung der Oder-Neiße Linie als Westgrenze Polens; Übergabe der ehemals polnischen Bistümer an die polnische Kirche) stellten.
In dieser Situation kam wieder Pax Christi ins Spiel. Auf Initiative von Walter Dirks (Mitglied des Vorstands von Pax Christi) und einigen führenden Mitgliedern von Pax Christi (Manfred Hörhammer, Wilhelm de Schmidt, Margot Müller, Pater Paulus Engelhard u.a.) wurde 1966 der Bensberger Kreis gegründet, der am 1. März 1968 das „Memorandum Deutscher Katholiken zu den Polnisch-Deutschen Fragen“ vorlegte, das in der deutschen Öffentlichkeit wie eine Bombe einschlug. Hier wurde die politische und gesellschaftliche Lage der Polen in den neu gewonnen Westgebieten dargelegt und offen konstatiert, dass eine Rückgabe dieser Gebiete nicht mehr erwartet werden könne. Zwischen März und September 1968 ließen sich mindestens 1500 Zeitungsberichte, Radio- und Fernsehsendungen sowie Diskussionen in katholischen Akademien finden, die sich mit dem Memorandum und der erwarteten Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze befassten.
Der wichtigste Kommentar zum Bensberger Memorandum kam jedoch aus Polen. In einem vom Bensberger Kreis veröffentlichten und bisher vergessenen Brief schrieb Kardinal Wyszyński an den Bensberger Kreis „Wir haben seinen Inhalt – seine mutigen Formulierungen – mit größtem Interesse wahrgenommen. Auch die Diskussionen darüber bei uns wie auch in Ihrem Lande – in der Presse, im Radio und im Fernsehen – haben wir mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. […] Es ist für uns eine Freude, Ihnen danken zu dürfen für Ihren christlichen Mut, Ihren ehrlichsten guten Willen und Ihren internationalen Weitblick. Die Seiten Ihres wohldurchdachten Memorandums sind getragen vom Geist des Evangeliums: Man spürt ihn auf Schritt und Tritt.“ […] (4)
Die EKD-Denkschrift und das Bensberger Memorandum schufen eine Basis, die Willy Brandt für seine Polenpolitik brauchte. Bereits im April 1968 erklärte er, dass die SPD die Anerkennung bzw. Respektierung der Oder-Neiße-Grenze anstrebe. Die mit dem Papst im August 1970 abgesprochene Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze (Warschauer Vertrag, Dezember 1970) und die mit W. Brandt besprochene Neuregelung der ehemals deutschen Bistümer (Frühsommer 1972) erfüllten die Wünsche der polnischen Bischöfe. Erst dadurch gelangte der mutige Brief der polnischen Bischöfe zu seiner vertrauensbildenden Bedeutung. Trotz intensiver und z.T. kritischer Kontakte zwischen Kardinal Wyszyński und Kardinal Döpfner kam der polnische Primas zu dem Schluss: „Das, was wir von den Deutschen haben wollten, haben wir von ihnen sogar zweimal bekommen, aber zweimal von den Falschen: Von der Evangelischen Kirche und von der SPD.“ (5)
Die Arbeit von Pax Christi und ihrem Bensberger Kreis entwickelte sich als politische Aufrüttelung des deutschen Katholizismus von unten, die die neue Polenpolitik Willy Brandts ebenso unterstützte wie die Entscheidung des Papstes im Frühsommer 1972. Laut den Allensbacher Umfragen stieg die gesellschaftliche Zustimmung zur Oder-Neiße-Linie als definitive Westgrenze Polens von 12% (1958) auf 42% (1969) und auf 61% (1972). (6)
Anmerkungen:
- (1) Friedhelm Boll/Jens Oboth, „Wir waren vereint in der großen Familie der Weltkirche.“, Die Entstehung der Pax-Christi-Bewegung in Frankreich und Deutschland (1944-1950), in: Detlef Bald/Wolfram Wette Hrsg., Friedensinitiativen in der Frühzeit des Kalten Krieges1944-1955, Essen, 2010, S 107-132.
- (2) Die Informationen sind der Pax Christi Zeitschrift sowie verschiedenen Interviews entnommen.
- (3) Friedhelm Boll (Hrsg.), »Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung«. 40 Jahre deutsch-polnische Verständigung, Bonn 2006, S. 82-91, hier: S. 86 f.
- (4) Die polnische, wie die deutsche Fassung des Briefes befinden sich im Bestand des Bensberger Kreis, Archiv der der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung--- Bonn.
- (5) Friedhelm Boll, Der Bensberger Kreis und sein Polenmemorandum (1968). Vom Zweiten Vatikanischen Konzil zur Unterstützung sozial-liberaler Entspannungspolitik, in: Friedhelm Boll / Wiesław Wysocki / Klaus Ziemer (Hrsg.), Versöhnung und Politik, Bonn 2009, S. 109
- (6) Elisabeth Noelle/Erich Peter Neumann (Hrsg.) (1974): Jahrbuch der öffentlichen Meinung, Allensbach/ Bonn, S. 525
Prof Dr. Friedhelm Boll ist Zeithistoriker und langjähriges Mitglied von Pax Christi.