Wie aus einer kirchlichen Initiative ein friedenspolitischer Impulsgeber wurde

Zehn Jahre „Sicherheit neu denken“

von Robert Hülsbusch
Schwerpunkt
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Als die Initiative „Sicherheit neu denken“ im Jahr 2015 in der Evangelischen Landeskirche in Baden angestoßen wurde, ahnten wohl nur wenige, welche Reichweite dieses Projekt einmal entfalten würde. Heute, zehn Jahre später, ist aus einem kirchlich angeregten Denk- und Diskussionsprozess ein weithin beachteter friedenspolitischer Bezugspunkt geworden: in Deutschland, zunehmend in Europa und sogar in Teilen Afrikas. 

Die badische Landessynode verabschiedete 2013 einen Diskussionsbeitrag „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ und gab damit auch den Auftrag, ein Szenario für einen mittelfristigen Ausstieg aus der militärischen Friedenssicherung zu entwickeln. Daraus ging die Initiative hervor, die seit 2015 systematisch an einem friedenspolitischen Gegenentwurf zum militärisch geprägten Sicherheitsdenken arbeitete.

Ihren Durchbruch erreichte die Initiative 2018 mit dem Szenario „Sicherheit neu denken – von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik“. Der Kern dieses Papiers war ebenso einfach wie politisch anspruchsvoll: Deutschland solle bis 2040 den Übergang von einer militärisch gestützten zu einer zivilen Sicherheitspolitik organisieren. Das Szenario orientierte sich ausdrücklich an bereits erprobten Instrumenten ziviler Konfliktbearbeitung, ziviler Prävention, gerechterer Wirtschaftsbeziehungen und nachhaltiger Entwicklung, insbesondere auch im Nahen Osten und in Afrika. Es verstand sich als Versuch, konkrete politische Schritte aus der Logik der Abschreckung und Aufrüstung heraus hin zu einer Logik der zivilen Sicherheit aufzuzeigen. 

Friedenspolitik als Transformationsaufgabe
Genau darin liegt bis heute die besondere Stärke des Projekts. Die Initiative versucht, friedenspolitische Alternativen so zu formulieren, dass sie strategisch diskutierbar und politisch anschlussfähig werden. Sie verbindet friedensethische Grundüberzeugungen mit Szenariotechnik, Übergangsschritten, Bildungsarbeit und politischer Intervention. Dass sie in der friedenspolitischen Diskussion wichtige Impulse liefert, zeigt sich daran, dass ihre Papiere, Veranstaltungen und Kampagnen inzwischen in unterschiedlichen Spektren rezipiert werden: in kirchlichen Räumen, in der Friedensbewegung, in Akademien und Netzwerken der Zivilgesellschaft.

Aus einem Szenario wird eine Bewegung
 „Sicherheit neu denken“ wird inzwischen von 150 Organisationen in Deutschland, Europa und Afrika unterstützt. In den ersten fünf Jahren wurden bundesweit über 200 Multiplikator*innen sowie 180 Mentor*innen ausgebildet. Zudem organisierten Akademien und regionale Netzwerke in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz mehr als 500 öffentliche Veranstaltungen. Aus einer Studie ist eine Bewegung des Lernens, Vernetzens und Einmischens geworden.

Die politische Wirksamkeit der Initiative liegt dabei weniger in unmittelbaren politischen Erfolgen als in ihrer Fähigkeit, Debatten zu verschieben. „Sicherheit neu denken“ stellt die scheinbar selbstverständliche Annahme in Frage, Sicherheit lasse sich in erster Linie militärisch erzeugen. Stattdessen erinnert das Projekt daran, dass dauerhafte Sicherheit nur dort entstehen kann, wo Konflikte konstruktiv bearbeitet, soziale Ungleichheiten vermindert, internationale Kooperation gestärkt und Gewaltursachen abgebaut werden. Das macht die Initiative nicht zu einer Mehrheitsposition, wohl aber zu einer unverzichtbaren Gegenstimme im demokratischen Diskurs. 

Lernfähig in einer kriegerischen Zeit
Auffällig ist auch, wie flexibel das Projekt auf neue weltpolitische Lagen reagiert hat. Ausgehend vom Grundszenario von 2018 veröffentlichte die Initiative in den Folgejahren mehrere Impulspapiere sowie 2025 ein aktualisiertes Szenario, darunter das Impulspapier Nr. 5: „Die Rolle Europas für den Frieden in der Welt“. Es steht für die Lernfähigkeit des Projekts in einer Zeit, in der Kriege, Blockbildungen und sicherheitspolitische Konfrontationen zunehmen.

Gerade dieses Papier markiert eine wichtige Weiterentwicklung. Es verschiebt den Blick von der nationalen auf die europäische Ebene und fragt danach, welche Verantwortung Europa in einer friedenspolitisch zerrissenen Welt übernehmen kann und müsste. 

Zugleich hat die Initiative früh verstanden, dass friedenspolitische Erneuerung Bildungs- und Generationsarbeit braucht. Mit dem Projekt „Peace for Future“ werden seit einigen Jahren bundesweit Friedensmentor*innen im Alter von 18 bis 28 Jahren ausgebildet. Gerade in einer Atmosphäre, in der junge Menschen häufig oft nur noch zwischen Zynismus, Angst und Anpassung zu wählen scheinen, ist dieser Ansatz von erheblicher Bedeutung.

Internationale Ausstrahlung
Schon im Grundsatzpapier von 2024 wird betont, das Szenario sei ausdrücklich auch als Anregung für ähnliche Entwicklungen in anderen Ländern gedacht - und mittlerweile wurde es in mehrere Sprachen übersetzt. 2023 wurden in Österreich und 2024 in den Niederlanden entsprechende Szenarien veröffentlicht. Darüber hinaus werden in der Schweiz sowie in West- und Zentralafrika landes- und regionsspezifische Szenarien entwickelt. In Großbritannien wirkt mit „Rethinking Security“ eine vergleichbare Initiative; in Frankreich seit 2025 „Repenser la Securité“. In Italien wurde ein entsprechender Gesetzesvorschlag sogar in zwei Kammern des Senats diskutiert. 
Der Bezug zu Afrika verdient besondere Aufmerksamkeit. In Deutschland wird Afrika häufig nur als Krisenraum, Einflusszone oder Objekt externer Stabilisierungspolitik wahrgenommen. Die Internationalisierung von „Sicherheit neu denken“ in west- und zentralafrikanische Regionen deutet auf einen anderen Ansatz hin: Nicht die Übertragung europäischer Sicherheitsdoktrinen steht im Vordergrund, sondern die gemeinsame eigenständige Entwicklung ziviler, regional angepasster Perspektiven. 

Warum der Impuls heute wichtiger ist denn je
„Sicherheit neu denken“ operiert in einem politischen Klima, das für friedenslogische Langfristkonzepte derzeit eher ungünstig ist. Genau deshalb kommt es darauf an, den eigentlichen Realitätsgehalt des Projekts herauszuarbeiten: Es erinnert daran, dass militärische Mittel zwar zerstören, abschrecken und möglicherweise Konflikte begrenzen können, aber keinen gerechten Frieden hervorbringen. Wo Krisen und Konflikte politisch nicht gelöst werden, bleibt die Gefahr von Krieg latent bestehen – mit immer neuen und weiteren Eskalationsrisiken. 

Bilanz nach zehn Jahren
Zehn Jahre nach dem Beginn des Projekts lässt sich daher eine vorläufige Bilanz ziehen. „Sicherheit neu denken“ hat die Bundesrepublik nicht friedenspolitisch umgebaut, und es hat die Dominanz militärischer Sicherheitsvorstellungen nicht gebrochen. Aber es hat etwas anderes erreicht, das in Zeiten intellektueller Verengung kaum weniger wichtig ist: Es hat den Gedanken einer zivilen Sicherheitspolitik organisiert, sprachfähig gemacht, in konkrete Szenarien übersetzt und über kirchliche, zivilgesellschaftliche und internationale Netzwerke verbreitet. Es hat Menschen ausgebildet, Organisationen vernetzt, Veranstaltungen initiiert und politische Gegenentwürfe formuliert. Vor allem aber hat es gezeigt, dass Friedenspolitik nicht im bloßen Nein zu Krieg und Aufrüstung stehen bleiben muss, sondern als realistischer Transformationsprozess beschrieben werden kann.

Gerade deshalb ist „Sicherheit neu denken“ heute mehr denn je eine friedenspolitische Zeitansage.

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Robert Hülsbusch, Friedensinitiative Nottuln.