In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
„Friede ist kompliziert, weil wir ihn nicht wollen“
Zum Zustand des israelischen Friedenslagers
vonEin alter israelischer Witz besagt, das ganze Friedenslager passe in eine Telefonzelle. Langzeitfriedensaktivist Hillel Schenker, 84, widerspricht vehement. „Es gibt Zehntausende von Friedensaktivist*innen und Hunderttausende von Unterstützer*innen“, sagt er unserer Zeitung. Seit Jahr und Tag gibt er mit seinem palästinensischen Kollegen Ziad Abu Zayyad das einzige gemeinsame Magazin Palestine-Israel Journal in englischer Sprache heraus (1) und beweist damit immer wieder: Palästinenser*innen und Israelis können kooperieren.
Die Alliance for Middle East Peace (AllMEP) (2) führt über 200 Organisationen auf, die sich für Dialog, Gleichberechtigung und Menschenrechte, für Frieden und Versöhnung engagieren. Man sei eine „Koalition (…), die an Kooperation, Gerechtigkeit, Gleichheit, inklusiver Gesellschaft, gegenseitigem Verständnis und Frieden in ihren Gemeinschaften“ arbeite. Zwei von ihnen haben im April den 21. Gemeinsamen Gedenkakt für Opfer beider Seiten durchgeführt: Der Elternkreis-Familienforum sowie die Streiter für den Frieden. Das diesjährige Motto lautete „We Are the Day After“. Tausende nahmen an der Zeremonie voller persönlicher Zeugnisse Hinterbliebener, Friedensappelle und gemeinsamer Musik teil – in Tel Aviv und in Jericho; Hunderttausende Unterstützer*innen weltweit waren via Zoom zugeschaltet. „In einem Moment, in dem Gewalt erneut zum Normalfall wird, schafft diese Zeremonie einen Raum, in dem etwas anderes sichtbar werden kann. Israelis und Palästinenser*innen kommen zusammen, um die Vorstellung zurückzuweisen, dass Verlust zu weiterem Verlust führen muss und dass Schmerz nur einer Seite gehört.“ Diese 80-minütige Zeremonie, in den letzten Jahren immer wieder von national-religiösen jüdischen Israelis behindert, sei eine „Gelegenheit, mit uns in `The Day After´ einzutreten und einen anderen Weg zu wählen“.
People’s Peace Summit
Zehn Tage später fand in Tel Aviv der People´s Peace Summit statt, zum dritten Mal und organisiert von über 80 israelischen Organisationen (darunter zahlreiche AllMEP-Mitglieder), die sich als It´s Time Coalition zusammengeschlossen hatten. „It must be. It can be. It will be. PEACE“ – so lautete das Motto der 12-stündigen Veranstaltung mit Hauptzeremonie (44 Redner*innen) sowie Workshops, Live Podcasts, Musikbeiträgen und einem Theaterstück. Vor circa 5.000 Zuhörer*innen verurteilte Dor Inon, Enkel der am 7. Oktober ermordeten Großeltern Bilha und Yakov Inon den „zynischen Gebrauch“ der Tötung durch israelische Politiker. Im gleichen Atemzug geißelte er die Überzeugung führender Militärs, „der Weg in eine bessere Zukunft für Israelis“ führe eben über den „Verlust und das Leid von Palästinensern, Libanesen und Iranern“. Meron Rapoport – Journalist und selbst Friedensaktivist (3) – entdeckte dabei Neues. „Für das Friedenslager in Israel steht die Armee schon seit langem über jeder Kritik.“ Nun, beim besagten Friedensgipfel sei die Armee als „unmoralischer Akteur“ dargestellt worden. Rapoport sieht zwar noch keinen fundamentalen Wandel in der israelischen Linken gekommen, macht aber Zeichen der Ermutigung aus: Selbstvertrauen, eine schärfere Sprache und weniger Suche nach Konsens. Selbst langjährige Mainstream-Militärreporter, führt er als Beispiel an, nennen „das, was im Westjordanland passiert, beim Namen: ethnische Säuberung“. Für ihn verschiebt sich tatsächlich etwas in der israelischen Linken, weitgehend identisch mit dem Friedens- und Menschenrechtslager: „Diese positioniert sich in hartnäckigem Widerstand gegen Israels Regierung, Siedler und Armee.“ (4)
Mit Fragezeichen und Skepsis verließ dagegen Samah Watad den Friedensgipfel. Für die palästinensische Journalistin blieb bei den Diskussionen Vieles vage, die Veranstaltung fühlte sich „losgelöst von der politischen und sozialen Realität“ an und „niemand konnte konkrete praktische Strategien anbieten“. Das alles bedeute für ihre Landsleute, „dass ihr Leiden weitergeht und sogar noch schlimmer wird, während in Konferenzsälen über Koexistenz diskutiert wird“. Ihr Fazit: „Diese Israelis bleiben eine kleine Minderheit und sind unfähig, ihre Überzeugungen in politische Macht umzuwandeln, die tatsächlich unsere Lebenswirklichkeiten ändern könnten.“ So nimmt es nicht Wunder, dass ihr Beitrag die Schlagzeile trägt: „Die israelische Linke führt einen Dialog nur mit sich selbst“. (5)
Viel internationale Unterstützung für nichts?
Friede, peace, salam und shalom: Vor allem seit dem Oslo-Prozess Mitte der 1990er Jahre sind Abermillionen Dollar, DM und Euro in Dialog-, Friedens- und Versöhnungsarbeit geflossen. Der 2006 gegründete Verband AllMEP, Hauptsitz in Washington, DC hat nach eigenen Angaben durch „direkte Lobbyarbeit mehr als 400 Millionen Dollar an Finanzierungen für israelische und palästinensische Friedensarbeit“ eintreiben können. Damit, so die Vision, sollen die unterstützten „palästinensischen und israelischen Friedensstifter*innen ihre Gesellschaften hin zu und über einen nachhaltigen Frieden hinaus führen“.
Auch Deutschland, die EU und außereuropäische Staaten haben sich in diesem Feld, das Spötter „die Friedensindustrie“ nennen, mit vielen Millionen sowie Fachpersonal engagiert. Gleiches tun bis heute Kirchen oder der Ökumenische Rat der Kirchen mit seinem Programm EAPPI (Ecumenical Accompaniment Program for Palestine and Israel). Deutsche Friedensfachkräfte unterstützen seit fast 30 Jahren Menschenrechtsgruppen, Dialoginitiativen, Jugend- und Medienprojekte sowie Organisationen für gewaltfreie Konfliktbearbeitung in Israel und Palästina.
Michael van Lay-Exeler, war von 2009 bis 2015 einer von fünf Koordinatoren des Zivilen Friedensdienstes ZFD, das hauptsächlich vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert wird; damals waren die Fünf für etwa 30 Friedensfachkräfte zuständig. Kritisch blickt der Mittsiebziger auf die angestoßenen Projekte zurück: Sie alle hätten „weder kurz- noch mittelfristig etwas an der völlig maßlosen, massiven politisch-militärisch-diplomatischen Übermacht der israelischen über die palästinensische Seite“ etwas geändert. Zynisch-bitter unterstellt der Theologe dem deutschen Staat die Erwartung, dass sich eines Tages „die ganze unschöne Situation durch den Sieg der einen über die hoffnungslos unterlegene Seite und eine allmähliche Anpassung, sprich Unterwerfung, und weltweite Auswanderung der palästinensischen Bevölkerung erledigen“ würde. Offen gesteht er: „So mögen unsere politischen Auftraggeber in Erfüllung des Wunsches ihrer israelischen Partner heimlich gefühlt und gedacht, aber nie klar geredet, ja nicht einmal sich selbst eingestanden haben.“ Was seinen Friedensdienst betrifft, fällt ihm das Wort „Feigenblatt“ ein. „Wir vom ZFD wurden von unserer Regierung und unserer israeltreuen deutschen Mehrheitsgesellschaft missbraucht.“
Eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses scheint undenkbar
Zurück nach Israel/Palästina: Der Friedensgipfel wurde kaum in den Mainstream-Medien Israels erwähnt. Die zeitgleich in Eilat stattfindende Likudiada der gleichnamigen Partei mit halb so vielen Teilnehmern erhielt dagegen eine Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung.
Friedensveteran Schenker räumt ein, dass angesichts des erlittenen Traumas die meisten Israelis und Palästinenser sich keine Wiederaufnahme des Friedensprozesses vorzustellen vermögen. „Dennoch zeigen Untersuchungen von AllMEP und dem Accord Center, dass eine Mehrheit sowohl der Israelis als auch der Palästinenser ein regionales Friedens- und Sicherheitsabkommen unterstützen würde, das einen palästinensischen Staat neben dem Staat Israel einschließt.“
Friede: Wie sagte Yonatan Zeigen, Sohn der am 7. Oktober von der Hamas ermordeten Friedensaktivistin Vivian Silver, der ihren Tod der Mutter für vermeidbar hält? Beim Peace Summit erklärte er: „Es ist ja nicht so, dass wir keinen Frieden wollen, weil es kompliziert ist. Der Frieden ist kompliziert, weil wir ihn nicht wollen.“
Anmerkungen
1 Aktuelle Ausgabe: Palestine State Recognition, Vol. 29 No. 34 , 2025, siehe https://www.pij.org/journal/113
2 https://www.allmep.org/about-us-allmep/members/
3 Mitgründer von Two States – 1 homeland. A Land for All, siehe https://www.2s1h.org/en
4 Meron Rapoport: Something is shifting in Israel´s peace camp, 8.5.26, +972magazine, siehe Something is shifting in Israel's peace camp - +972 Magazine
5 Samah Watad: The Israeli left is speaking only to itself, 8.5.26, +972magazine, siehe https://www.972mag.com/israeli-left-peace-conference-palestinians/