Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Aachen

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde, 

am 6. August 1945 um 8.15 Ortszeit explodierte über der Stadt Hiroshima die Atombombe mit dem perfiden Namen „Little Boy“. Die Bombe wurde in einer Höhe von etwa 600m gezündet, um einen möglichst großen Zerstörungsradius zu erreichen.

Die Menschen nahmen einen grellen Blitz wahr und Sekunden später brach die Hölle auf Erden los. Um 8:15 Uhr waren vor 80 Jahren schon Zehntausende Einwohner tot. Am Ende des Tages rund 45.000. Ein Feuerball, so heiß wie im Kern der Sonne, ließ in seinem Inneren alles verdampfen - Mensch, Tier, Gebäude , Pflanzen... Es entfaltete sich ein Feuersturm, der die Zerstörung weitertrug und zu schweren Bränden, Verbrennungen und Verletzungen führte.

Wie die Menschen, die sich etwas weiter weg vom Hypozentrum der Atombombenexplosion befanden, die Explosion erlebt haben, schildert uns gleich mein Kollege, Bernd Bremen durch einen Augenzeugenbericht.

Die Menschen wussten nicht, was passierte. Sie wussten nicht, dass es eine Atombombe war, die gerade über ihrer Stadt explodiert war, dass der Staub den sie einatmeten, dass das Wasser, welches sie aus dem Fluss tranken (viele Augenzeugen berichten von großem Durst aufgrund der Hitzeentwicklung) radioaktiv war, dass der schwarze Regen, der auf sie niederfiel, aus einem Gemisch von Ruß und radioaktiven Partikeln bestand.

In Stadtnähe erkrankten viele in den nächsten Stunden und Tagen an Durchfall, Erbrechen, Schwindel, Blutungen und schweren Infektionen. Die meisten von ihnen verstarben an der akuten Strahlenkrankheit. All dieser Opfer wollen wir heute gedenken.

Aber wir denken auch an die Überlebenden, die Hibakusha.

Viele von ihnen litten ihr Leben lang an den Folgen ihrer Verletzungen. Manche erkrankten schon recht bald an Leukämie, später kamen andere Krebsarten hinzu. Es gab Fehl- und  Totgeburten und Geburten von Kindern mit genetischen Defekten.

Wieviele Menschen Opfer  der Verstrahlung wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, da erst 1950 eine großangelegte Lebenszeitstudie mit mehr als 120.000 Überlebenden begonnen wurde.

Hinzu kam für die Hibakusha die gesellschaftliche Isolierung. Anfänglich glaubten die Menschen, dass die Strahlenkrankheit erblich sei und mieden die Überlebenden, ja ächteten sie. Umso größer ist die Lebensleistung der Menschen, die sich öffentlich als Hibakusha outeten und immer und unermüdlich bis heute über ihre Erfahrungen berichten. Ihre Botschaft an die Welt ist: “Nie wieder! - Kein Mensch soll erleben müssen, was wir erlebt haben. Wir wollen die letzten Hibakusha-Atombombenopfer sein“.

Eine späte Ehrung wurde ihnen letztes Jahr zuteil mit der Verleihung des Friedensnobelpreis an Nihon Hidankyo. Wir gratulieren ihnen von hier aus noch einmal recht herzlich. Aber wir unterstützen auch ihr Anliegen und deshalb sind wir heute hier vereint: “Es ist der innige Wunsch der Hibakusha, dass wir uns nicht auf die Theorie der Nuklearen Abschreckung verlassen, sondern dass wir sicherstellen, dass keine einzige Atomwaffe mehr existiert“ So Teruma Tanaka in seiner Nobelpreisrede2024.

Als Robert Oppenheimer emotional begriff, was die von ihm mitentwickelte Bombe angerichtet hatte, versuchte er Präsident Truman davon zu überzeugen, die Forschungen an der Wasserstoffbombe, der Bombe der nächsten Dimension, einzustellen. Aber er stieß auf taube Ohren, zu groß war die Versuchung mit Nuklearwaffen in der Hinterhand die Vormachtstellung der USA in der Welt zu zementieren.

Bei der Politik kein Gehör findend, gründete Einstein zusammen mit Leo Szilard und 6 weiteren Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt am Manhattan Projekt beteiligt waren, das „Notstandskomitee der Atomwissenschaftler“, um die Bevölkerung über die Gefahren der Nuklearforschung aufzuklären und er unterschrieb noch wenige Tage vor seinem Tod das Russel-Einstein- Manifest, in dem namhafte Wissenschaftler, auch Mitarbeiter am Manhattanprojekt, vor den Gefahren des Nuklearkrieges und dem Ende der Menschheit warnten und an die Regierenden der Welt appellierten, Konflikte friedlich zu lösen (ein Papier, welches gerade in unseren aufgeheizten Zeiten wieder gelesen werden sollte). Was die Wissenschaftler seinerzeit noch nicht in Betracht gezogen haben, sind die enormen Mengen von Ruß und Staub, die bei Atombombenxplosionen in die Atmosphäre gelangen und sich durch Winde über die Erde verteilen und das Sonnenlicht verdunkeln. Es droht ein nuklearer Winter mit darauffolgender nuklearer Hungersnot. Beim Einsatz von weniger als 3% des heutigen weltweiten Nuklearpotentials droht jeder 3. Erdenbürger zu verhungern (Nachzulesen bei Tilman Ruff“ Nukleare Hungersnot“, IPPNW).

In Hiroshima starben in den ersten Tagen mehr als 80% des medizinischen Personals. Von den 45 Krankenhäusern waren nur noch 3 funktionsfähig. Aufgrund dieser dramatisch schlechten Versorgungslage starben viele Menschen weil sie keine adäquate medizinische Hilfe erhalten konnte. Diese Erkenntnisse und das Wissen um die Verletzungen führte uns Ärztinnen und Ärzte der IPPNW zu der Aussage “Wir werden Euch nicht helfen können“ und wir müssen diese Aussage heute wiederholen. Sie hat nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil in unseren hochtechnisierten Krankenhäusern würde der elektromagnetische Impuls sämtliche Elektronik zerstören, die Stromversorgung, die Notstromversorgung, die Aufzüge und alle medizinisch-technischen Geräte. Damit wäre eine Evakuierung von Schwerkranken und der Weiterbetrieb der medizinischen Technik nicht mehr möglich.

Aber alle wissenschaftlichen Erkenntnisse prallen an den Regierenden der Atomstaaten ab. Der Begriff, nukleare Abschreckung und noch perfider nuklearer Schutzschirm soll die jeweilige Bevölkerung in Sicherheit wiegen. Dabei geht es eigentlich weniger um Kriegsverhinderung, als um Macht. Der vorwiegende Teil der Atomwaffenstaaten, die wir heute haben, strebt nach einer Vormachtstellung in der Welt oder will, im Bewusstsein alter Größe, dazu gehören, wie Frankreich und Großbritannien.

Denn Atomwaffen verhindern nicht unbedingt Kriege, wie der Überfall der Hamas auf Israel zeigt, oder der Falkland Krieg ausgelöst durch Argentinien, oder Nine Eleven. In all diesen Fällen wurde eine Atomstaat angegriffen. Vor einigen Wochen blickte die Welt besorgt auf Indien und Pakistan, die sich mal wieder Gefechte lieferten und fürchtete die Eskalation zu einem Atomkrieg. Ohne Atomwaffenbesitz hätte Putin möglicherweise den Überfall auf die Ukraine nicht gewagt und durch sein Drohen mit Atomwaffeneinsatz erpresst er die Welt. Die Älteren unter uns werden sich an die vielen Stellvertreterkriege zwischen USA und SU in Afrika, Asien und Lateinamerika, in den 1960er bis-80er Jahren erinnern.

Atombomben in der Entscheidungsgewalt machthungriger oder wankelmütiger Politiker sind höchst gefährlich. Hinzu kommt die zunehmende Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen durch Missverständnisse in Konfliktzeiten, den immer kürzeren Vorwarnzeiten und dem Einsatz von KI.

Wie ist unsere derzeitige Situation?

Alle Rüstungskontrollabkommen zwischen USA und Russland sind mehr oder weniger aufgekündigt.

Einig sind sich jedoch alle Atomstaaten in ihrer kreativen Interpretation des Atomwaffensperrvertrags. Alte Waffen werden verschrottet, das ist so. Aber versprochen haben die Atomstaaten in eben diesem Vertrag immer weiter abzurüsten. Stattdessen entwickeln alle neue, schnellere, präzisere Waffen. Die Waffe, die der Gegner hat, muss ich übertrumpfen um glaubhaft abschrecken zu können. So entsteht die Rüstungsspirale.

Die Hiroshimabombe hatte ein Sprengkraft vom 15 KTonnenTNT. Heute hat das atomare Arsenal auf der Welt eine Sprengkraft von 130.000 Hiroshimabomben. 350 Jahre lang könnte man täglich eine Hiroshimabombe zünden. Würde man heute damit anfangen, könnte man Tag für Tag bis 2374 ein neues Hiroshima erschaffen. Plastischer kann man, denke ich, kaum den Irrwitz der derzeitigen gegenseitigen atomaren Abschreckung veranschaulichen.

In Zeiten der Gefährdung unseres Planeten durch den Klimawandel, den wir nur mit äußerster Anstrengung aufhalten können, von wachsenden Hungersnöten und Armut gaben die 9 Atomstaaten im letzten Jahr laut dem „Nuclear Spending Report 2025“ von ICAN, mehr als 100 Milliarden Dollar für ihr Atomwaffenarsenal aus, ein Anstieg von 11% gegenüber des Vorjahrs. In den letzten 5 Jahren erhöhten sich die weltweiten Ausgaben für Atomwaffen insgesamt um 47% .

Deutschland leistet sich eine Ausgabe von um die 12 Milliarden Euro für neue F35 Kampfjets und den Umbau des Fliegerhorst Büchel, beides erforderlich für die neuen US amerikanischen Atomwaffen, die ab 2026 in Büchel gelagert werden sollen, und das natürlich auf Pump, also auf Kosten der zukünftigen Generationen, denn die deutsche Staatskasse gibt das nicht her, wie wir wissen.

Die nukleare Teilhabe an US amerikanischen Atomwaffen bedeutet für uns hier in Aachen, dass wir von 3 Atomwaffenlagern der Nato umgeben sind in Belgien, Kleine Brogel, NL, Völkel und eben Büchel in Rheinland Pfalz. Keines ist weiter als 100 KM entfernt.

Zusammen mit über 700 NGOs weltweit, die sich in ICAN, der internationalen Kampagne zum Verbot von Atomwaffen zusammengefunden haben, setzen wir uns im Aachener Bündnis gegen Atomwaffen dafür ein, dass Atomwaffen geächtet werden, genau wie biologische und chemische Waffen und fordern Deutschland zum Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag auf.

Aber wenn ich mit Bekannten über mein Engagement spreche, höre ich oft: “Atomwaffen werden nie abgeschafft werden. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen." Die Menschen haben das Vertrauen verloren, dass sie an der Situation etwas ändern könnten, trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Ich befürchte, das ich persönlich das Ende der Atomwaffenära nicht erleben werde, aber ich hoffe, dass ich die Umkehr vom derzeitigen Trend, wie ich ihn oben beschrieben habe, erleben werde.

Aktuell ist von der Nato, den USA, Russland oder China keine besonnene Offerte zu erwarten. Zu groß ist das gegenseitige Misstrauen, die Aggression und die Wut. Die Vereinten Nationen und mit ihr die Zivilbevölkerung sind gefordert, die Atommächte zur Mäßigung aufzurufen. lm Zukunftspakt der Vereinten Nationen steht u.a. „Wir werden das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen vorantreiben." Mögliche Resolutionen zu denen die Zivilgesellschaft die Generalversammlung der VN aufrufen könnte, wären

  • Russland und die USA haben zur Zeit 2000 Atombomben in höchster Alarmbereitschaft. Man könnte die beiden Staaten auffordern, diese höchste Alarmbereitschaft zurückzunehmen.
  • Alle Atomstaaten sollten gemeinsam auf weitere Aufrüstungsschritte verzichten.
  • Nato, USA, Russland und China sollten gemeinsam auf den Ersteinsatz von Atomwaffen verzichten.

Schon dreimal gab es in letzter Zeit eine erfolgreiche Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft mit der UN zum Thema Atomwaffen, u.a. der Atomwaffenverbotsvertrag angeregt durch ICAN. lm September 2025 wird die ehemalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock die Präsidentschaft der Generalversammlung der Vereinten Nationen übernehmen. Haben wir da als deutsche Zivilgesellschaft , die wir uns im Gedenken an die Toten von Hiroshima und Nagasaki hier versammelt haben und uns als Unterstützer der Hibakusha verstehen, nicht eine außerordentliche Chance unsere frühere Außenministerin zu ermutigen, das Ziel des Zukunftspakts der UNO, einer Welt ohne Atomwaffen voranzutreiben. Wir sollten diese Chance gemeinsam nutzen

Vielen Dank.

 

Dr. Odette Klepper ist aktiv bei der Regionalgruppe Aachen der IPPNW.