Regina Hagen, Offenbach
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Offenbach
- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 20 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Atomwaffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen
{Anrede]
Vielen Dank dafür, dass ich hier in Offenbach beitragen darf zur Veranstaltung »Hiroshima mahnt«.
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI veröffentlichte im Juni die neuen Zahlen zu Atomwaffen im Jahr 2025. Mehr als 12.200 Atomsprengköpfe liegen demzufolge in den Arsenalen der neun Atomwaffenstaaten, aber auch in Lagerstätten in den fünf so genannten Teilhabestaaten der NATO, darunter Deutschland.i
12.200 Atomsprengköpfe! Wir alle haben wohl Bilder der Städte Hiroshima und Nagasaki vor Augen, wie sie nach den Atombombenabwürfen der USA am 6. bzw. 9. August 1945 aussahen. Bilder des Grauens, des Todes und des unvorstellbaren menschlichen Leids. Verursacht jeweils von einer, nach heutigen Maßstäben sehr kleinen, Bombe.
Die Bombe von Hiroshima hatte etwa 13 Kilotonnen Sprengkraft. Ein erheblicher Teil der aktuellen Arsenale hat deutlich mehr Sprengkraft, oft Hunderte oder gar Tausende Kilotonnen. Die größte je getestete Bombe wurde vor 55 Jahren von der Sowjetunion gezündet. Die »Tsar Bomba« explodierte über Novaja Zemlja mit einer Zerstörungsgewalt von etwa 50 Megatonnen, das ist 3.800 Mal so viel wie Hiroshima. Der Feuerball hatte sieben Kilometer Durchmesser, der Zerstörungsradius betrug 35 Kilometerii – das reicht von hier bis Darmstadt.
Selbst die bislang auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel gelagerten US-Atombomben sind für bis zu 170 Kilotonnen ausgelegt, immer noch das 13-Fache von Hiroshima. Welche Politiker*innen glauben ernsthaft, solche Waffen dienten der »Sicherheit« ihrer Bevölkerung? Ein Einsatz einer solche Bombe würde jedem moralischen Anspruch Hohn sprechen und in vielfältiger Weise Völkerrecht verletzen.
Und doch rüsten alle Atomwaffenstaaten weiter auf. 90 Prozent der Atomwaffen sind im Besitz der USA und Russlands. Zu Russland habe ich keine Zahl parat, wohl aber zu den USA. Sie wollen in den kommenden zehn Jahren 946 Milliarden US$ für ihr Atomwaffenarsenal ausgeben. 946 Mrd.iii – das ist fast eine Billion und bald doppelt so viel, wie der gesamte Haushalt der Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr betragen soll!
ICAN, die International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, berichtete vor wenigen Wochen, dass die Atomwaffenstaaten im Jahr 2024 pro Sekunde mehr als 3.000 US$ für Atomwaffen ausgaben.iv Stellt euch vor, wie dieses Geld genutzt werden könnte, um tatsächliche, um menschliche Sicherheit für Menschen zu schaffen: ausreichend Nahrung, sauberes Wasser, ein Dach über dem Kopf, Schulbesuch und Zugang zu medizinischer Versorgung. Statt dessen geben die Staaten 3.000 US$ pro Sekunde für Waffen aus, die das Potential haben, die Erde unbewohnbar zu machen.
Bei einem Krieg mit 100 Atombomben, also mit einem Bruchteil der weltweiten Arsenale, würden Rauch, Ruß, Asche und Trümmer bald den Himmel über der ganzen Erde verdunkeln und einen nuklearen Winter herbeiführen. „Hunger könnte ein Drittel der Erdbevölkerung töten“, schreiben die Autor*innen einer wissenschaftlichen Studie, und „das schon als Folge eines Kriegs zwischen Indien und Pakistan, bei dem weniger als 3 % des globalen atomaren Arsenals zum Einsatz kämen.“v Eine von hochrangigen Persönlichkeiten besetzte Kommission bezeichnete Atomwaffen daher einst als „Waffen des Terrors“.vi
Aus Sicht der Atomwaffenbefürworter handelt es sich nicht um »Terrorwaffen«, sondern um »nukleare Abschreckung«. Abschreckung heißt, der Gegner soll wissen, dass jeglicher Einsatz von Atomwaffen mit einem nuklearen Gegenschlag beantwortet wird, mit all seinen fürchterlichen Folgen. Dies setzt voraus, dass beide Seiten tatsächlich zum Einsatz von Atomwaffen bereit sind und mit diesem Einsatz drohen. Beides, der Einsatz von Atomwaffen und auch schon die Drohung mit dem Einsatz, ist aber generell völkerrechtswidrig. Zu diesem Schluss gelangte der Internationale Gerichtshof 1996 in einem wegweisenden Rechtsgutachten.vii
Für die Doktrin der »nuklearen Abschreckung« halten die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und vermutlich auch China einen Teil ihrer Atomwaffen in ständiger Alarmbereitschaft.viii Das war schon immer gefährlich. 1983 zum Beispiel verhinderte nur das überlegte Handeln des Offiziers Stanislaw Petrow, dass die Sowjetunion auf einen vermeintlichen Angriff der USA mit dem Start eigener Atomraketen antwortete. Damals flogen keineswegs US-Raketen Richtung Moskau, vielmehr hatte das sowjetische Frühwarnsystem Sonnenspiegelungen in den Wolken als Raketenstarts interpretiert.
Ähnliche Beispiele gibt es viele. Selbst der ehemalige Oberkommandierende der US-Streitkräfte und damit auch der Oberkommandierende der Atomstreitkräfte der USA, General Lee Butler, kommentierte einst: „Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen“.ix
Heute ist die Situation nicht weniger gefährlich als damals. Im Zeitalter von Hyperschallraketen und der Einbindung künstlicher Intelligenz in die Kontroll- und Kommandosysteme der Atomwaffenstaaten steigt die Gefahr eines »Atomkriegs aus Versehen«x weiter an.
Bei uns in Europa erhöht sich das Potential von Missverständnissen oder Fehlwahrnehmung gerade durch die Wiedereinführung von Mittelstreckenwaffen mit ihrer besonders kurzen Flugzeit, wodurch noch weniger Zeit bleibt, um herauszufinden, ob wirklich ein Angriff erfolgt. Die USA wollen Tomahawk-Marschflugkörper, SM6-Raketen und die Hyperschallwaffe »Dark Eagle« in Deutschland stationieren. Die Bundesregierung hat mit den USA vor wenigen Tagen zusätzlich den Kauf von Typhon vereinbart, einem Startsystem für Mittelstreckenwaffen. Und vorgestern kündigte Russland an, seine neue Mittelstreckenwaffe Oreshnik nicht nur in Russland, sondern auch in Belarus zu stationieren. Auch wenn die Mittelstreckensysteme in Deutschland nicht mit Atomsprengköpfen ausgestattet werden sollen: Ob das so bleibt wissen wir nicht, und die Eskalationsspirale dreht sich auch so immer weiter.
Deutschland ist aber auch direkt an der nuklearen Aufrüstung beteiligt, und zwar durch die bereits erwähnte »nukleare Teilhabe« im Rahmen der NATO. »Nukleare Teilhabe« heißt, dass deutsche Piloten mit deutschen Kampfflugzeugen regelmäßig üben, die auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel vorgehaltenen Atombomben der USA ins Ziel zu bringen. Die Übungen finden mit Dummies statt. Im Ernstfall würden die Piloten aber keine Dummies, sondern echte Atombomben über Russland abwerfen.
Momentan wird der Fliegerhorst Büchel groß aus- und umgebaut. Er wird fit gemacht für die neuen Trägerflugzeuge, die Deutschland in den USA bestellt hat. Die F35 werden aus dem 100-Milliarden-Sonderschuldentopf bezahlt, den Bundeskanzler Scholz im Frühling 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine aus dem Ärmel geschüttelt hat. Sie ersetzen den in die Jahre gekommenen Tornado und eigenen sich für die nukleare Teilhabe noch besser, da sie mit ihrer Tarnkappentechnologie von der russischen Flugabwehr viel schwerer entdeckt werden können. Außerdem haben sie eine digitale Schnittstelle zu dem neuen Atombombentyp, der in Büchel stationiert werden soll – oder vielleicht auch schon stationiert ist, das wissen wir nicht so genau. Die neue B61-12-Bombe hat weniger Sprengkraft als das bisherige Modell, ist aber lenkbar und erreicht ihr Ziel damit deutlich präziser. Militärstrategen freut das, sie halten die neue Bombe für »einsetzbarer« als das alte Modell und sehen die nukleare Abschreckung damit gestärkt.
Der oben bereits zitierte US-General Lee Butler kommentierte nukleare Abschreckung nach mehreren Jahrzehnten als aktiver Militär so: „Im besten Fall ist sie ein Glücksspiel, auf das sich kein Sterblicher einlassen sollte. Im schlimmsten Fall führt sie zum Tod und zwar in einem Ausmaß, das der Macht des Schöpfers Konkurrenz macht.“xi
Und US-Präsident John F. Kennedy sagte einst: „Die Waffen des Krieges müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen.“xii
Was folgt daraus für uns? Ich habe einige Vorschläge, die aus dem Forderungskatalog des Aktionsbündnisses atomwaffenfrei.jetzt bzw. der Kampagne »Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen« stammen:
- Wir fordern von der Bundesregierung den Abzug der Atomwaffen aus Büchel!
- Wir fordern von der Bundesregierung und anderen NATO-Staaten sowie auch von Russland ein Europa ohne nukleare Teilhabe!
- Und wir fordern von der Bundesregierung den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag, den bereits 73 Staaten ratifiziert und weitere 21 unterzeichnet haben!
- Außerdem fordern wir von der Bundesregierung und anderen Staaten, keine Mittelstreckensysteme in Deutschland und in Europa zu stationieren.
Die Veranstaltung heute steht unter dem Motto »Hiroshima mahnt«. Ich schließe dazu passend mit einem Satz aus dem Russell-Einstein-Manifest, das vor 70 Jahren verfasst wurde und nichts an Aktualität verloren hat: „Erinnert Euch Eures Menschseins und vergesst den Rest.“
Ich danke Euch für’s Zuhören.
Regina Hagen ist Mitglied im Darmstädter Friedensforum, Sprecherin des Aktionsbündnisses atomwaffenfrei.jetzt und Mitbegründerin der Kampagne "Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen".
Hinweise und Anmerkungen:
- In Darmstadt hat sie an der Gestaltung des umfangreichen diesjährigen Programms zu 80 Jahre Hiroshima und Nagasaki mitgewirkt, darunter einer Großausstellung für den öffentlichen Raum.
- i Hans M. Kristensen und Matt Korda: World nuclear forces. In: SIPRI Yearbook 2025 – Armaments, Disarmament and International Security. Juni 2025.
- ii Atomwaffen A-Z: Zar-Bombe.
- iii Samuel Jakisch: 80 Jahre nach Hiroshima – Neue Dynamik der atomaren Aufrüstung in USA. Tagesschau.de, 6.8.2025.
- iv ICAN: Hidden Costs – Nuclear Weapons Spending in 2024. Juni 2025.
- v IPPNW: Nukleare Hungersnot – Selbst ein „begrenzter“ Atomkrieg würde das Klima zerstören und eine weltweite Hungerkatastrophe auslösen. August 2022.
- vi Weapons of Mass Destruction Commission: Weapons of Terror – Freeing the World of Nuclear, Biological and Chemical Weapons. Juni 2006.
- vii Im Dezember 1994 legt die Generalversammlung der Vereinten Nationen dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag eine folgende Frage vor: „Ist die Bedrohung durch oder Anwendung von Atomwaffen unter irgendeiner Bedingung nach dem Völkerrecht zulässig?“ Resolution 49/75 K der UN-Generalversammlung vom 15. Dezember 1994. Auf Deutsch verfügbar in: Resolutionen und Beschlüsse der neunundvierzigsten Tagung der Generalversammlung Band I, 20. September - 23. Dezember 1994, Generalversammlung. Offizielles Protokoll - Neunundvierzigste Tagung, Beilage 49 (A/49/49), S. 96. Am 7. Juli 1996 antwortete der IGH auf diese Frage in einem ausführlichen Rechtsgutachten (Advisory Opinion). Er kam zum Schluss, „dass die Bedrohung durch oder Anwendung von Atomwaffen generell im Widerspruch zu den […] verbindlichen Regeln des internationalen Rechts und insbesondere den Prinzipien und Regeln des humanitären Völkerrechts stehen würde“. Ziffer 105.2.E, Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofs „Legalität der Bedrohung durch oder Anwendung von Atomwaffen“ vom 8. Juli 1996. Englisches Original sowie deutsche Übersetzung in: IALANA (Hrsg.) (1997): Atomwaffen vor dem Internationalen Gerichtshof. Dokumentation – Analysen – Hintergründe“. Münster: LIT.
- viii Kristensen und Korda, op.cit.
- ix Sind Kernwaffen notwendig ? Rede von General Lee Butler, US Air Force (a. D.), gehalten bei einem Runder-Tisch-Gespräch für das Canadian Network to Abolish Nuclear Weapons am 11. März 1999; Übersetzung: Regina Hagen. Die Übersetzung erschien am 1.9.1999 unter dem Titel »Zwölf Minuten, um über das Schicksal der Menschheit zu entscheiden« in der Frankfurter Rundschau.
- x Mehr dazu siehe auf der Website Atomkrieg aus Versehen.
- xi . Rede von General Lee Butler vor dem National Press Club (Washington D.C., USA) am 2. Februar 1998 anläßlich der Vorstellung der „Internationalen Erklärung von politischen Führungspersönlichkeiten zu Atomwaffen“. Übersetzt von Regina Hagen.
- xii Address before the General Assembly of the United Nations. President John F. Kennedy, New York City, September 25, 1961.