Redebeitrag für den Ostermarsch in Bonn am 19. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Schützt die Deserteur*innen

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

hier könnte das Bonner Deserteursdenkmal stehen. Der Ausschuss für Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger hat das vor genau zwei Monaten so beschlossen. Es wäre ein großartiges Zeichen um all diejenigen zu unterstützen, die sich unter hohem Risiko gegen einen Krieg stellen und desertieren.

Ich bin Rudi Friedrich von Connection e.V. Wer uns noch nicht kennt: Wir sind ein Verein, der sich weltweit für Kriegsdienstverweigerer und -verweigerinnen, für Deserteure und Deserteurinnen einsetzt, wo auch immer sie ihre Entscheidung gegen den Krieg treffen: Sei es in Russland, in Belarus, in der Ukraine, in Israel, Palästina, Syrien oder Sudan. Wir beraten und unterstützen sie in ihrer Entscheidung.

1989, also vor mehr als 35 Jahren, hatte es schon einmal hier in Bonn eine Initiative für ein Deserteursdenkmal gegeben. Es gab auch ein Denkmal dazu. Nach Ablehnung durch den hiesigen Rat hat es Jahre gedauert, bis es schließlich einen Platz in Potsdam gefunden hat, Bonns Partnerstadt. Es würde der Stadt Bonn gut anstehen, nun endlich auch den unbekannten Deserteuren und Deserteurinnen hier vor Ort zu gedenken. 300 sollen es allein in Bonn gewesen sein. So steht heute im General-Anzeiger. Es wird höchste Zeit, dass ihrem mutigen Handeln gedacht wird.

Desertion, Verweigerung und Befehlsverweigerung ist ein bedeutsamer Teil des Widerstandes gegen den Krieg. Es ist ein Akt der Selbstbestimmung und Humanität. Deserteur*innen und Verweiger*innen sind Sand im Getriebe der Kriegsmaschinerie. Sie setzen ein Zeichen, dass es Alternativen gibt: zu Kampf, Zerstörung, zum Töten.

Vor kurzem zeigten wir in Offenbach einen Film über Ludwig Baumann, Deserteur des II. Weltkrieges. Der Film hat den programmatischen Titel: DIE LIEBE ZUM LEBEN. Und ja, Desertion heißt, sich gegen Tod und Gewalt zu stellen, sich für das Leben zu entscheiden.

Im Fall von Ludwig Baumann bedeutete das aber noch mehr. Mit seiner Entscheidung, sich ab Ende der 1980er Jahre öffentlich hinzustellen und zu sagen: Ich bin ein Deserteur, erntete er erst Hohn und Spott. Er wurde als Vaterlandsverräter verurteilt.

Aber mehr und mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass er genau die richtige Entscheidung getroffen hatte, weil er sich einem verbrecherischen Krieg entzog. Mit seiner Person verbindet sich inzwischen Hochachtung, weil er konsequent für die Rechte der Deserteure eingetreten ist, über Jahrzehnte hinweg. Schließlich wurden die Urteile wegen Desertion und Wehrkraftzersetzung tatsächlich aufgehoben. Und über die vielen Jahrzehnte hat auch Ludwig Baumann ganz persönlich wieder leben gelernt.

In dem Film sagt er einen bemerkenswerten Satz: „Wir können aus unserer Geschichte sehen, dass die Soldaten immer dazu missbraucht wurden, alles zu zerstören, fremde Länder, das eigene Land – und auch sich selbst.“

Und gerade deshalb ist es so wichtig, Mahnmale und Denkmäler für Deserteure und Deserteurinnen zu haben. Und ganz im Sinne von Ludwig Baumann: Es geht dabei nicht nur um die Erinnerung an die Deserteure vergangener Kriege, sondern gerade auch für diejenigen, die sich ganz aktuell dem Dienst am Krieg verweigern, sich entziehen, desertieren.

Und das sind gar nicht so wenige: Wir gehen davon aus, dass mehr als 300.000 aus der russischen Armee desertiert sind oder sich dort den Rekrutierungen entzogen haben und ins Ausland geflüchtet sind. Sicher mehr als 300.000 aus der Ukraine haben sich der Mobilisierung verweigert. Viele von ihnen sind nach Westeuropa gekommen. Und vor wenigen Tagen wurde gemeldet, dass in Israel womöglich 100.000 den Einsatz im Gazakrieg verweigern. Sie alle haben sich gegen eine Beteiligung am Krieg, für das Leben entschieden.

Wer sind diese Menschen? Hier einige Beispiele:

  • İnan Mayıs aus der Türkei: „Für mich geht es bei der Verweigerung des Militärdienstes nicht nur darum, der Einberufung zu entgehen – es geht um den Widerstand gegen ein System, das absolute Loyalität verlangt.“
  • Yuval Green aus Israel: „Man befahl uns, das Haus von Palästinenser*innen anzuzünden. Ich teilte ihnen mit, dass ich nicht bereit sei, dem nachzukommen. Ich verließ Gaza und kehrte nie wieder zurück.“
  • Andrii Konovalov aus der Ukraine: „Die Menschen in der Ukraine und Russland, aber auch die Menschen in Westeuropa werden betrogen, wenn von der Möglichkeit militärischer Siege gesprochen wird. Überall verlieren Menschen im Krieg.“
  • Danil aus Russland: „Für mich ist das ein krimineller Krieg, eine mit absolut Nichts provozierte Aggression Russlands. Ich will nicht daran mitwirken, ich möchte das nicht und ich werde das nicht tun.“

Wo auch immer sie herkommen: Sie müssen damit rechnen, in ihren Herkunftsländern stigmatisiert, für einen Krieg rekrutiert oder auch strafrechtlich verfolgt zu werden. In der Türkei gibt es einen nie endenden Kreislauf von Rekrutierung und Verfolgung. In Israel droht Verweiger*innen mehrmalige Haft. Die Ukraine verurteilt Kriegsdienstverweigerer zu langen Haftstrafen. Russland schickt sie in Sturmtruppen an die Front.

Um all diese Menschen zu unterstützen, haben wir von Connection e.V. schon frühzeitig ein Netzwerk auf europäischer Ebene aufgebaut. Gemeinsam sind wir davon überzeugt: Das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung muss als unveräußerliches Recht auch in Kriegszeiten gelten, für jeden und jede, für Männer wie für Frauen, für Rekruten wie für Soldaten und Reservisten.

Und gemeinsam mit mehr als 120 Organisationen europaweit fordern wir: Wer wegen seiner Entscheidung, sich dem Krieg zu verweigern, verfolgt wird, braucht Schutz und Asyl!

Kriegsdienstverweigerung und Desertion ist immer eine persönliche Entscheidung. Aber sie alle sagen: Stoppt das Töten – in allen Kriegen!

Und sie brauchen unsere Unterstützung. Helft denen, die das ganz persönlich für sich bereits entschieden haben. Helft uns dabei, all diejenigen zu unterstützen, die sich auf welcher Seite auch immer, dem Grauen des Krieges entziehen, die sich verweigern, die desertieren.

Und: macht ihnen Mut. Ein Denkmal für den unbekannten Deserteur wäre dafür ein großartiges Zeichen, hier auf diesem Platz.

Danke.

 

Rudi Friedrich ist aktiv bei Connection.