Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des "FriedensForums" (Heft 4/2026) befasst sich mit alternativen Sicherheitskonzepten. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für den Ostermarsch in Traunstein am 19. April 2025
- Sperrfrist: 19.04., Redebeginn: ca. 12 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde,
in drei bis fünf Jahren könnte Russland die Nato angreifen, so warnen Politiker und Militärs. Darauf müssten wir uns vorbereiten, bewaffnen, kriegstüchtig werden. Wie kommen sie darauf? Russland hätte dann wieder genug Waffen? Und würde nicht zögern, sie sofort einzusetzen? Habt ihr eine Kristallkugel? Und habt ihr keine bessere Idee, das zu verhindern als Waffen?
Jetzt soll aufgerüstet werden, in Europa, besonders in Deutschland. Mit neuen, schnelleren, tödlicheren, intelligenteren Waffen. Atomwaffen gar. Zu unserer Sicherheit. Damit sich niemand traut, unser Land anzugreifen. Eine Drohung kann nicht wirken, wenn sie niemals eingehalten wird, also werden die Waffen wohl irgendwann eingesetzt. Was, wenn der Gegner der Bedrohung zuvorkommen will und zum Erstschlag greift?
Erstschlagtauglichkeit“ ist ja auch so ein neues Schlagwort. Da wird der Angriff zur Verteidigung umgedeutet. Ich jedenfalls fühle mich kein bisschen sicher, wenn ich Kriegswaffen in meiner Nähe weiß. Waffenstandorte werden zuerst beschossen, und die stehen nicht auf dem Mond. Sondern da, wo auch Menschen leben. Kollateralschäden gibt es dann, und das sind im Zweifelsfall wir.
Der Wehrdienst soll wieder eingeführt werden.
Als Lehrerin habe ich Jugendlich als Streitschlichterinnen ausgebildet. Darin, wie man Konflikte ohne Gewalt lösen kann. Nach der Schule bringt man ihnen dann das Töten bei?
Auf keinen Fall will ich, dass junge Leute ihr Leben riskieren für meine Sicherheit. Oder meine Freiheit. Nicht in der Ukraine und auch nicht in Deutschland. Meine Enkel womöglich.Ich würde mich schuldig fühlen.
Heutzutage wird der Wert des menschlichen Lebens hoch geschätzt. In unserem Grundgesetz steht in der Präambel : Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Todesstrafe ist abgeschafft, die Kindersterblichkeit gesunken, wir werden 100 Jahre und älter. Ich muss schon Vorkehrungen treffen, damit man mich sterben lässt, wenn es einmal so weit ist.
Nur nicht im Krieg, da ist das Leben nichts mehr wert. Da werden Menschen geopfert als zählten sie nicht. 2024 gab es 120 bewaffnete Konflikte. Jeder achte Mensch war einem Krieg ausgesetzt, und 223.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Mindestens drei mal so viele wurden verwundet. Die Zahl der Vertriebenen wird auf 120 Millionen geschätzt. Vor allem Kinder.
Allein in der Ukraine hat der Krieg bis 2024 12.737 Todesopfer in der Zivilbevölkerung gefordert, darunter mindestens 673 Kinder
Dazu kommen 43.000 getötete ukrainische und mehr als 78.000 gefallene russische Soldaten.
Dieses Massensterben nehmen wir in Kauf, um Werte zu verteidigen? Welche denn?
Freiheit und Gerechtigkeit? Oder doch eher Machtansprüche, Zugriff auf Ressourcen, Geschäfte?
Die größte Bedrohung für die menschliche Sicherheit ist und bleibt für mich die Klimakrise. Die drohende Unbewohnbarkeit der Erde. Dagegen helfen uns weder Bomben noch Raketen, im Gegenteil, die verschärfen sie noch. Einerseits, weil sie sehr viel CO² verursachen: Stahlproduktion, Treibstoff für schweres Gerät, Explosionen, Brände. Schon die Herstellung, Wartung und militärische Übungen verursachen geschätzt bisher 5, 5% der weltweiten Treibhausemissionen, vom Einsatz im Krieg gar nicht zu reden.
Dann, weil sie viel Geld verschlingen, das so nötig gebraucht würde für den Ausbau von erneuerbaren Energien, für die Verkehrswende, für die Bewältigung der Klimafolgen, für die soziale Abfederung. Bekanntlich ist die Ampel auch daran gescheitert, dass dieses Geld fehlte. Aber für Waffen, für Tod und Zerstörung werden Schulden gemacht, whatever it takes.
Und drittens, weil wir dringend eine internationale Zusammenarbeit benötigen, um diese weltweite Krise und ihre Folgen zu bewältigen. Wie soll aber eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zustande kommen zwischen Staaten, die sich bis an die Zähne bewaffnen und gegenseitig bedrohen?
Otto von Lilienthal, der Pionier der Luftfahrt, hatte 1894 folgende Vision von der Zukunft des Fliegens:
“Die Grenzen der Länder würden sich verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen, die Unterschiede der Sprachen würden mit der zunehmenden Beweglichkeit der Menschen sich verwischen. Die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte des Staates zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als mit blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Frieden verschaffen.”
Jetzt leben wir im 21. Jahrhundert, die Technik hat sich weiter entwickelt, wir fliegen an einem Tag um die Welt, handeln weltweit, wir führen Gespräche über die Kontinente hinweg, können in Echtzeit miterleben, was irgendwo auf der Erde passiert. Es gibt Sprachen, die fast überall verstanden werden, und Geräte, die übersetzen. Es gibt eine weltweite Organisation, die sich um das Zusammenleben und die Verständigung der Völker bemüht. Wir haben eine international weitgehend anerkannte Rechtsordnung und ein internationales Gericht.
Wir haben alle Möglichkeiten, ein friedliches Zusammenleben auf der ganzen Welt zu organisieren.
Also tun wir das. Schaffen wir den ewigen Frieden.
Vertrauen wir der Diplomatie! Sie soll ihre Anstrengungen verdoppeln. Das ist eine über die Jahrhunderte erworbene Kompetenz gerade in Europa und jetzt besonders dringend nötig.
Setzen wir uns ein für Gerechtigkeit auf der ganzen Welt. Für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die die ärmeren Länder stützt und für gleichwertige Lebensverhältnisse überall.
Geben wir dem gewaltfreien Widerstand eine Chance. Wenn es darauf ankommt, würde ich meine Freiheit und meine Rechte lieber selbst verteidigen.Ohne Waffen . Es gibt Möglichkeiten ziviler Verteidigung gegen ein ungerechtes Regime oder eine Besatzung, die erlernbar sind, und, dazu gibt es Untersuchungen, auch wirksam.
Fordern wir eine Zusammenarbeit aller Staaten zur Bewältigung der Klimakrise und für eine friedliche und gerechte Zukunft.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Ana Aigner ist aktiv bei der Friedensinitiative Traunstein Traunreut Trostberg (FI TTT).