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Redebeitrag für den Ostermarsch in Flensburg am 19. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Freundinnen und Freunde,
morgen feiern wir Ostern, und wir feiern, dass wir leben, Gott sei Dank!
Der gekreuzigte und auferstandene HERR, Jesus Christus, ruft uns zu:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“(Joh. 14,19) Lasst uns das Leben feiern, die Liebe, die Freude miteinander teilen mit Worten, Blicken, Musik und Tanz!
Aber: In diesen Zeiten, in denen sich die Erregungen überschlagen und wir emotional überflutet werden, ist es wichtig, sich wieder darauf zu besinnen, was uns trägt und durchhalten lässt.
Als Christin und Pastorin im Ruhestand kann ich nicht anders als mit diesen Worten zu beginnen. Denn sie haben sich in meinem Leben wieder und immer wieder bewahrheitet.
Wir kämpfen für und ringen um Lösungen, die zum Frieden und zur Gerechtigkeit führen, die die Grundlage allen Friedens ist. Aber wir bauen auf den, der alles auf die Liebe gesetzt hat und auf die Gewaltlosigkeit, Jesus von Nazareth. Ja, der daran starb, am Kreuz, freiwillig, weil er nur so Gott in die Welt bringen konnte. Doch Gott hat ihm Recht gegeben und ihn vom Tod auferweckt in seine Herrlichkeit des Reiches Gottes.
Der Jude Jesus lebte von und aus der Tora, wo es schon heißt: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“ (Leviticus 19,18) So hat der jüdische Philosoph Martin Buber den Satz übersetzt, der uns so bekannt ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Matth. 22,39) Beide Aussagen gehören zusammen und wir können ihn noch ergänzen, „...denn er ist ein Mensch - wie du!“
Sicher, wir unterscheiden uns schon durch unsere je eigene Biographie, eigenen Erfahrungen, gute und weniger gute Angewohnheiten, durch je eigene Bedürfnisse.
Doch wir leben davon, dass wir einander grundsätzlich wertschätzen als Menschen. Ich sage dazu: als Gottes Geschöpfe und erweitere diesen Gedanken auf unsere Mitgeschöpfe, die uns Gott geliehen, ja, anvertraut hat, sie zu pflegen und zu bewahren. Das ist ja die eigentliche Übersetzung von „Kultur“! Doch was haben wir daraus gemacht, aus der sogenannten „abendländischen Kultur“! Ich muss das gar nicht aufzählen, wir wissen es ja selber.
In diesen wilden Zeiten zu erleben, dass Konflikte doch friedlich gelöst werden können, ist für mich wie ein Wunder. Ich erzähle davon gern und gebe damit etwas sehr Persönliches preis:
Als Pastorin hatte ich für meine 4 Kinder nie wirklich viel Zeit, was sie mir nie zum Vorwurf gemacht hatten. Erst als Erwachsene fassten sie sich ein Herz und sparten nicht mit Anklagen. Es tat sehr weh, und viele Tränen sind geflossen. Es hätte leicht zu einer Trennung führen können. Doch die Kinder kamen mit sehr konstruktiven Vorschlägen. „Mama, es ist mir wichtig, dass du mich als die Person, die ich jetzt bin, und meine Bedürfnisse, ernst nimmst. Und du sagst mir bitte, was für dich wichtig ist.“
Wir tauschten uns darüber aus und – wir kamen raus aus den Enttäuschungen und Vorwürfen, was nicht immer leicht war. Doch wir lernten uns neu und besser kennen und verstehen. Und die Gespräche fließen nun leicht und liebevoll. Und sie sagten mir, dass es ihnen auch bei allen Konflikten mit anderen wichtig ist, den Grundsatz zu beherzigen:
„Immer in der Liebe bleiben!“ Das ist für mich das größte Geschenk, das mir meine Kinder machen konnten! Ich bin darüber sehr glücklich und dankbar!
Ich erzähle euch das, weil nur selten positive Nachrichten die Runde machen. Mediale Aufmerksamkeit bekommen eher militärische Einsätze, neue Waffenlieferungen, neue Kriege.
Aber der Weg zum Frieden ist komplex, erfordert Mut und langfristiges Nachdenken. Und genau diesen Mut brauchen wir. Und wir brauchen eine neue Perspektive. Wenn ein neuer Konflikt entflammt, sollte die erste Frage, die die Politik sich stellt, nicht sein: Sollen wir Waffen liefern? Statt dessen müssen wir uns fragen: Was können wir dazu beitragen, um den Konflikt zu lösen? Diese Frage stellt den Menschen, nicht die Waffen, ins Zentrum unseres Handelns.
Andere Länder haben uns gezeigt, dass es möglich ist. Japan hat über Jahrzehnte hinweg keine Waffen exportiert – und dennoch Sicherheit für seine Bevölkerung geschaffen. Deutschland hingegen gehört zu den größten Waffenexporteuren der Welt.
Das ist nicht, wofür wir als Nation stehen wollen! Statt eine Führungsrolle bei der Bewaffnung einzunehmen, sollten wir uns dafür einsetzen, eine Friedensmacht zu werden!
Die Schriftstellerin Christa Wolf lässt Kassandra in ihrem Buch sagen:
„Nur wer sich ändert, lebt auch und noch. Ihr müsst erkennen, dass euer Feind ein Mensch ist, wie ihr, d.h. Wir sind wie unsere Feinde. Nur wenn wir aufhören zu siegen, werden wir leben.“
Wir können diesen Satz auch so formulieren und ihn als Lern- und Merksatz mitnehmen:
Wir müssen es ver -lernen, siegen zu müssen!
Dass das Heil in militärischer Aufrüstung gesucht wird, ist der falsche Weg. Das vergangene Jahrhundert hat uns gelehrt, dass Frieden nur entsteht, wenn der mühselige Weg von vertrauensbildenden Maßnahmen, gemeinsamer Abrüstung, Diplomatie und Dialog beschritten wird.
Wir stehen an der Seite aller Menschen, die ohne Waffen für ihre Rechte einstehen.
Wir sehen uns daher in Solidarität mit den Gruppen in der Ukraine und in Russland, die dem Kriegstreiben gewaltfrei Widerstand leisten.
Wir fordern –und ich zitiere aus der Erklärung des Internationalen Versöhnungsbundes:
Jeder Mensch, der vor Krieg und Unrecht flieht oder den Kriegsdienst verweigert, soll uns willkommen sein.
Wir fordern: Keinen Abbruch, sondern Fortführung und Intensivierung zivilgesellschaftlicher Kontakte – sowohl zu Russland als auch zur Ukraine.
Wir widersprechen jedem nationalistischen und imperialistischen Denken.
Stattdessen halten wir Autonomie, Minderheitenrechte und das Recht auf Kriegsdienstverweigerung für unverzichtbare Bestandteile von Demokratien.
Wir wollen bei der Wahrheit bleiben: Die massive Aufrüstung der Bundeswehr ist eine unverantwortliche Geldverschwendung, die wir uns gesellschaftlich weder sozial noch klimapolitisch leisten können und nicht leisten dürfen.
Wir halten Sanktionen für eine mögliche Antwort auf staatliche Gewalt und Krieg. Diese sollten aber nicht die Menschen treffen, denen es sowieso schon schlecht geht.
Mit einem Wort: Hört auf mit der Parole „Kriegsertüchtigung!“ und mit falschen Versprechen und Lügen in die Schulen zu gehen, um ahnungslose Jugendliche als Kriegsfutter anzuwerben.
Führt lieber die in manchen Schulen bestehenden Ausbildungen zu „Streitschlichtern“ fort.
Übt im Freundeskreis, in Firmen und Betrieben die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg ein! Oder soll es eines Tages so aussehen wie in der kleinen Geschichte:
Ein Mann sieht Kindern beim Spielen zu, und er fragt: „Kinder, was spielt ihr denn da?“ Die Kinder, ganz erstaunt: „Krieg“. Darauf der Mann: „Spielt doch lieber Frieden!“ Die Kinder: „Frieden - was ist das?“
Bedenken wir: Auf unserem Globus leben rund 8 Milliarden Menschen in 198 Ländern. 99% leben ganz normal, sie streiten sich auch, trennen sich, aber sie töten einander nicht. Nur 1% der Menschheit, das sind ca. 80 Millionen, kämpfen im Krieg, das sind immer noch ungeheuer viele – aber eben nur 1% von allen. Wir gehören zu den 99%, die nur ganz normal weiter in Frieden leben wollen, der aber von einer Minderheit global bedroht wird.
Als Christin schäme ich mich, dass wir als Kirche die Worte der „Stuttgarter Schulderklärung“ nicht als Bußruf verstanden und umgesetzt haben, in der es in traditioneller Frömmigkeitssprache heißt: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dessen Ermordung durch die Nazis vor 80 Jahren am 09.04.1945 wir gerade gedacht haben, schrieb damals schon sehr weitsichtig: „Das Christentum steht oder fällt mit seinem revolutionären Protest gegen Gewalt, Willkür und Machtstolz und mit seiner Verteidigung der Schwachen.
Ich glaube, dass die Christenheit eher zu wenig tut, dies klar zu machen, als zu viel. Die Christenheit hat sich viel zu leicht der Macht angepasst. Sie sollte vielmehr Ärgernis erregen, die Welt viel stärker schockieren als sie es jetzt tut. Die Christenheit sollte sich viel entschiedener auf die Seite der Schwachen stellen als auf das eventuelle moralische Recht der Starken Rücksicht zu nehmen.. Unser Christsein wird heute nur in Zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“
Und das Wort, das der Ökumenische Rat der Kirchen 1948 ausgerufen hat, gilt nach wie vor: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“
Danke, dass ihr heute hier seid und wir gemeinsam unseren Willen bekennen, selbst für den Frieden einzustehen aber auch laut unsere friedenspolitischen Forderungen auszurufen!
Sie gehören auf die Straße, das ist wichtiger als je zuvor.
Und danke allen Mitgliedern der Friedenskooperative Flensburg mit Siglinde und Ralf Cüppers, dass ihr euch nicht entmutigen lasst, sondern immer wieder mit neuen Impulsen Menschen begeistert, den Weg des Friedens mitzugehen!
Danke für eure Geduld beim Zuhören!
Zum Schluss lasst mich einen Herzenswunsch vortragen, und es wäre schön, wenn ihr euch dabei gegenseitig die Arme auf die Schultern legt:
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
der halte unseren Verstand wach
und unsere Hoffnung groß
und stärke unsere Liebe.
Elisabeth Caesar ist Pastorin im Ruhestand.