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Redebeitrag für den Ostermarsch in Gardelegen am 21. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Ihr Lieben
ich bin schon bissel alt, aber, ich bin ein DDR-Kind. Diese Tatsache allein könnte selbstverständlich machen, dass ich diesem Pistorius den Gefallen nicht tun und “kriegstüchtig” werde. Denn, mein Ländchen hat bekannterweise nie Kriege geführt, war nie an solchen beteiligt, unsere “Friedensbewegung” zog sich durch von Kindergarten bis Regierung. Nun aber mach ich mir Sorgen wegen einiger Merkwürdigkeiten gerade in der Friedensbewegung. Als unter der SPD-Grünen Regierung 1999 Josef Fischer die Bombardierung Jugoslawiens mit seinem „Nie wieder Auschwitz!“ als antifaschistischen Akt deklarierte, schwieg sie. Heute wird in ihr und solchen mir und der Friedenbewegung nahen Organisationen, wie der VVN plötzlich viel Zeit vergeudet mit “Rechtsoffen-Vorwürfen” und der Frage, von welchen “Friedenskräften” man sich fernhalten solle. Selbstredend waren und sind Nazis niemals “Friedenskräfte”. Ich meine, von keiner Friedenskraft soll man sich fernhalten, angesichts der derzeitigen wirklichen Bedrohung des Weltfriedens. Ihr wisst alle, dass Brecht den berühmten Vergleich zog: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
Mit welchen Waffen dieser dritte dann ausgetragen wird – Rheinmetall weiß das gut. Einstein war sich da noch nicht so sicher, beim vierten aber doch. Da werden sie, wie er sagt, mit Stöcken und Steinen kämpfen.
Die Amis, denen diese – nicht meine – Regierung wiederholt die Stiefel leckt, interessiert so was nicht. Bekannterweise haben die Vereinigten Staaten von Amerika – niemals angegriffen - in den rund 240 Jahren seit ihrer Gründung, rund 220 mal Krieg geführt, können deshalb auch heute ohne Skrupel mit dem Gedanken des auf Europa beschränkten Nuklearkrieges spielen. Und, was Wunder? Die systematische Kriegsführung hat sich mittlerweile zum bedeutendsten Wirtschaftszweig entwickelt, Rüstungskonzerne sowie die Finanz - und Investmentindustrie verdienen mit Kriegen und bewaffneten Konflikten illustre Milliarden. Und nur die seit 1946 gerechneten US-Kriege haben fast 7 Millionen Menschen das Leben gekostet, 4 Millionen allein nach dem berüchtigten nine/eleven, und die 72 Millionen Indianer, denen die amerikanischen Eroberer Land und Leben nahmen, seien auch nicht vergessen. Wir haben daher allen Grund uns zu sorgen.
Dass dabei ständig gelogen wird, dass sich die Balken biegen, ist so alt wie die Welt. Schon der Gymnasiast Brecht hat als einziger in seiner Augsburger Klasse dem obligatorischen Aufsatzthema widersprochen, das da hieß: “Dulce et decorum est pro patriam mori» Was schrieb Brecht?
Der Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld...Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit so weit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden... Der Hohlkopf hieß übrigens Horaz.
Zur gleichen Zeit hat Lenin hatte in der Oktoberrevolution dem Frieden andere Chancen gegeben, mit dem Dekret über den Frieden, das in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung bis heute kaum zu überschätzen ist, und die Bolschewiki nannten die Fortsetzung des Krieges das größte Verbrechen an der Menschheit. Dieses Kriegsverbrechen wurde mit dem 2. großen wiederholt. Die Menschen, die der Dichter Franz Fühmann in seiner Geschichte “Über den Waldsee” handeln läßt, waren dabei. Ich erzähl's Euch.
Was für eine langwierige Mühsal von Stunden wäre das gewesen, das schwere Motorboot mit dem einen Ruder zurückzupaddeln, hätte Agathe nicht das Auto im Wald und dahinter die fröhliche Picknikfamilie entdeckt.
Schon waren alle Sorgen behoben. Es hatte nur einer kurzen und freundlichen Verständigung bedurft, wie sie zwischen Motorsportlern üblich war und alle Sogen waren behoben.
Der Motor knatterte auf, Agathe weinte nicht mehr, der Fahrtwind straffte das träge Fähnchen am Heck. Und vorne, ein flirrender Hauch hob sich schon der Strand aus dem Horizont. Da zerwellte das Bild.
Agathe, vom Hecksitz aufgesprungen, kletterte durchs schwankende Boot rasch nach vorn und kuschelte sich an die Brust des Vaters. Jetzt kommen die Frage, dachte der Mann. Da trieb auch schon die erste Frage an sein Ohr:
Pappi, was waren denn das für Menschen, die uns Benzin gegeben haben? Russen, mein Kind, sagte der Mann bedächtig. Agathe erschauerte. Der Name traf sie wie ein Anhauch von Ferne und Fremde. Och, sagte sie, waren wir denn schon bis nach Russland gefahren. Aber nein, sagte er. Das ist alles noch Deutschland. So weit du den Himmel siehst, ist noch Deutschland, und dahinter liegt das polnische Land , und das ist groß, und dann kommt erst das Russenland. Aber, warum sind denn dann bei uns Russen. Wie sind denn die hierher gekommen, fragte Agathe. Das verstehst Du noch nicht, sagte der Mann im Boot. Doch, sagte Agathe, das versteh ich schon, erklär mirs, sagte Agathe.
Du weißt doch, sagte der Mann im Boot, Doch das verstehe ich schon, erklär mirs. Dur weißt doch, sagte der Mann, dass bei uns die bösen Menschen einen Krieg gegen die guten Menschen gemacht haben.Und da sind die Russen unseren guten Menschen zu Hilfe gekommen und haben die bösen Menschen weggejagt. Jetzt helfen sie uns aufpassen, daß kein Krieg mehr kommt. Sind die Russen gut, fragte Agathe. Das hast Du doch gesehen, sagte der Mann im Boot. Agathe nickte.
Komm, wir dösen noch ein bisschen. Das Kind kuschelte sich wieder an die Brust des Vaters. Der Mann im Boot fühlte die erste, noch graue Welle des Schlafes vor die Sinne steigen. Da trieb noch Agathes Frage an sein Ohr. Pappi, wie Krieg war, warst Du da auch Soldat? Ja, murmelt der Mann im Boot. Ein guter oder ein böser? Was, wollte der Mann, fast schon schlafend, noch fragen, da vertrieb es ihm Atem und Schlaf. Er hatte die Frage verstanden.Du warst ein guter Soldat, Pappi, fragte das Kind. Ja, sagte der Mann tonlos. Er schluckte. Der Mann starrte auf sein Kind. Musste ich lügen, dachte er voller Bitterkeit. Er riss den Motor an.Der Strand schwamm heran, der Strand schoss auf sie zu. Der Mann im Boot, die Kette um den Landungssteg schlingend, erhob sich. Möge mit unserer Generation die Lüge sterben, dachte er.
Aber die Lügen blieben. Nehmen wir „Der Spiegel" Dort stand zu lesen:
Auschwitz war das größte Vernichtungslager der Nazis. Sie ermordeten dort mindestens 1,1 Millionen Menschen. Vor 75 Jahren wurde es befreit, von der amerikanischen Armee.
Der Lügen gibt es noch unendlich viele. Diese 6 Millionen getöteter Juden sind furchtbar, aber in der BRD wurde der Nazi-Faschismus systematisch reduziert auf den Völkermord an Juden. Der Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde nie aufgearbeitet. Und heute:
Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam haben das schön formuliert :
Wenn irgendein unbedarftes Hornvieh blökt, der „autoritäre“ Putin werde demnächst Krieg gegen Westeuropa und speziell gegen Deutschland führen, dann sind allemal genug hirnrissige Journalisten zur Stelle, um das abzumelken und zu Nachrichtenkäse zu verarbeiten.
Ein deutscher Dichter, der, weil er gut war und Jude, kurz nach Hitlers Machtantritt Deutschland verlassen musste, hieß Robert Gilbert und gehörte, wie alle progressiven Dichter zu den Warnern vor Kriegen und den dazu gehörenden Lügen. Hier dessen Worte an seinen Kumpel aus Berlin, namens Justav:
Justav, erobere nischt
Und wenn dir son dämlicher Bonze berundfunkt
Bis ihm sein eigenes Lungen-Haschee ausm Mund funkt
Dasste dir ausdehnen musst um wahrhaft glücklich zu sein
Dann sage nur: danke
Ick halte de Wacht am Rhein an der Panke
Und wenn sie och auffziehn die feinsten Register
Und wenn se dir locken die hohen Minister
Mit süßem Jeflister
Du hättest den Feldmarschallstab im Tornister
Dann schrei nich „Hurra“ und mach keen Meck-Meck
Sondern wirf det Jepäck
Bei der nächsten Gelegenheit ganz stieke weg
Denn wennde den Herrn den Gefallen tust
Und eroberst dieset und jenet
Heute wat jroßes und morgen wat kleenes
Und manchmal een Bette, worin de kaum ruhst
Dann kannst von Glück sagen, bleibste am Leben
Und dann kommste heim mit zwee Feldmarschallstäben
Unter de Achseln - die dir sehr drücken
Jaja, ich meene zwee Krücken
Und die Gulaschkanone schießt Wassersuppe
Und darfst mittem Stahlhelm absammeln gehn
Und et heeßt zur Ermunterung der Blindenjruppe
„Wenigstens habt ihr een schönet Stück Welt jesehn!“
Nee Justav. Wo die Haifische angeln, wern Menschen jefischt
Und solltet dir wohl nich an Tagendrang mangeln:
Überwinde dir Justav, erobere nischt!
Bertolt Brecht sah, was diese Eroberung dann letzlich angerichtet hatte. Ausgebürgert aus Deutschland, gehörte er zu den über sechs Länder nach Amerika Geflüchteten. Nach dem Verhör im Senatsausschuss zur "Untersuchung unamerikanischer Umtriebe" auch dort des Landes verwiesen, kommt er 1948 in seine völlig zerstörte Vaterstadt Augsburg und schreibt eine Epistel an seine Augsburger:
Und als dann kam der Monat Mai
War ein tausendjähriges Reich vorbei
Und hinunter kamen die Hindenburggass
Jungens aus Missouri mit Bazookas und Kameras
Und fragten nach der Richtung und kleinerer Beute
Und einem Deutschen, der den zweiten Weltkrieg bereute
Der Irreführer lag unter der Reichskanzlei
Niedrigstirnige Leichen mit Bärtchen gab es, zwei, drei.
In Straßengräben faulten Feldmarschälle
Richter bat Richter, dass er’s Urteil fälle
Die Wicken blühten, die Hähne schwiegen betroffen
Die Türen waren geschlossen, die Dächer standen offen.
Bundeskanzler Scholz sieht das Vermächtnis des 8. Mai anders:
Nämlich als bedingungslose Unterstützung einer Ukraine, die allem Russischem den Kampf ansagt, Nazi- und SS-Kollaborateure als Helden verehrt und faschistische Bataillone in ihre Armee integriert. Solcher Geschichtsrevisionismus ist förderlich der Bedrohung der menschlichen Existenz. Trotzdem, hoffen wir auf das Ende des Tötens, das Ende der furchtbaren Flüchtlingsströme, wichtiger noch, das Ende der Fluchtursachen. Wir fordern das Ende von Waffenlieferungen, denn Waffen in Krisengebiete zu schicken ist nach meiner Kenntnis laut Grundgesetz der Bundesrepublik verboten.Wir wissen, dass Kriege besonders stark und sinnlos zur Umweltzerstörung beitragen, dass ein Bombenflugzeug heute in einer Stunde so viel Treibstoff verbraucht wie ein Autofahrer in sieben Jahren.
Rede ich also weiter vom Frieden und von der Freiheit, die dieses Land gern vor sich her trägt. Ich rede noch einmal mit Bertolt Brecht. 1951 sagt der: Lassen Sie uns doch alle gesellschaftlichen Systeme zu allererst daraufhin untersuchen, ob sie ohne Krieg auskommen. Lassen Sie uns zuallererst um die Freiheit kämpfen, Frieden verlangen zu dürfen. Sage keiner: erst müssen wir darüber sprechen, was für ein Friede es sein soll. Sage jeder: Erst soll Friede sein. Dulden wir da keine Ausflüchte, scheuen wir da nicht den Vorwurf, primitiv zu sein. Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren. Erlauben wir nicht, dass über die Zukunft der Kultur die Atombombe entscheidet.
Gina Pietsch ist Sängerin und Schauspielerin, und studiert Germanistik und Musik an der Karl-Marx-Universität Leipzig.