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Redebeitrag für den Ostermarsch in Berlin am 19. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Freundinnen und Freunde,
vielen Dank zuerst einmal an euch alle, dass ihr heute hier seid! Lühr hat gerade ausgeführt, warum es bitter nötig ist. Und trotzdem möchte auch ich wiederholen: die Eskalationspolitik und die zeitlich wie finanziell unbefristete Hochrüstung der Bundesregierung und der EU – sie sind brandgefährlich.
Man bereitet einen Krieg vor, in dem wir alle unterzugehen drohen. Einen Krieg, in den sie nicht ihre, sondern unsere Kinder schicken wollen.
Und wenn jetzt schon im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz offen und schamlos gerätselt wird, wie es endlich gelingen kann, unsere – Zitat – „pazifistische DNA“ zu überschreiben:
Ja, dann bleiben wirklich nur noch wir, um diesem Wahnsinn etwas entgegenzusetzen! Eins ist sicher: Unsere DNA – die DNA des Friedens – bleibt unverändert!
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
mein Dank gilt vor allem auch den Organisatoren dieses Ostermarschs – der Friedenskoordination Berlin. Seit Jahrzehnten investiert ihr Zeit und Kraft im Einsatz für Frieden. Unzählige Ostermärsche und noch viel mehr Demonstrationen und Kundgebungen habt ihr organisiert.
Und ihr macht weiter, egal wie kalt der Wind uns ins Gesicht weht.
Das ist unendlich viel wert und ich danke euch!!!
Ich wurde heute eingeladen, um zu Westasien – dem so genannten Nahen und Mittleren Osten – zu reden. Eine Region, in der ich viel Zeit verbracht habe und die mir sehr am Herzen liegt.
Mir blutet tagtäglich das Herz, wenn sich mein Blick dorthin richtet.
Die Verbrechen, die sich insbesondere im Gazastreifen seit eineinhalb Jahren vor unser aller Augen abspielen, machen sprachlos.
Bereits Anfang 2024 sprach eine Gruppe von UN-Menschenrechtsexperten von einem – Zitat – „sich entwickelnden Völkermord“, weil Israel Hunger als Kriegswaffe einsetzt.
Die gesamte Bevölkerung von Gaza ist für ihr Überleben auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Aber mit ihrem Bruch der Waffenruhe Anfang März hat die israelische Regierung alle Einfuhren erneut komplett gestoppt. Denn – wie der rechtsextreme Minister Ben Gvir erklärt, wäre es ein – Zitat – „historischer Fehler“, Nahrungsmittel, Trinkwasser und Treibstoff für die Zivilbevölkerung Gazas zuzulassen. Ein „historischer Fehler“ – man ist nur noch fassungslos.
Und unsere Regierenden – sie haben allenfalls ein paar bedauernde Worte übrig. Was für eine unglaubliche Schande!
Liebe Freundinnen und Freunde,
44 Prozent der Todesopfer israelischer Bomben sind Kinder. Das sagt nicht die Hamas, sondern die Vereinten Nationen.
Als das BSW eine Schweigeminute für die Kinder Gazas im Bundestag beantragte, lehnten alle anderen ab. Auch die Behandlung eines Antrags auf einen Stopp der Waffenlieferungen nach Israel verhinderten sie.
Ich frage mich: Können diese Leute eigentlich noch ruhig schlafen?
Das für ihren Vernichtungsfeldzug benötigte Mordwerkzeug bekommt die israelische Armee vor allem aus den USA – aber ihr zweitgrößter Waffenlieferant ist Deutschland.
Kein Wunder, dass unser Bundeskanzler in spe Friedrich Merz bereits erklärt hat, den vom Internationalen Strafgerichtshof ausgestellten Haftbefehl gegen Netanjahu nicht umsetzen zu wollen. Während das bekanntermaßen bei anderen immer lauthals gefordert wird.
Diese Doppelmoral ist wirklich unerträglich!
Und damit nicht genug: Merz hat dem Kriegsverbrecher Netanjahu auch noch eine freundliche Einladung ausgesprochen.
Seien Sie sich sicher, Herr Merz: wenn Sie das tatsächlich durchziehen, werden wir auf der Straße sein und laut protestieren.
Denn man schweigt, wenn Kinder schlafen, nicht wenn sie sterben!
Liebe Freunde,
Eine Ärztin, die im Gazastreifen im Einsatz war, berichtet von dem 13-jährigen Amir, der nach einem Bombenangriff auf sein Haus ein schweres Trauma erlitt und immer wieder nach seiner kleinen Schwester rief. Er erkannte nicht, dass sie neben ihm im Bett lag – bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Mit leerem Blick – so der Bericht der Ärztin – flüsterte der Junge ihr ins Ohr, nachdem er verstanden hatte, dass seine gesamte Familie tot war: „Ich wünschte, ich würde mit ihnen sterben. Alle, die ich liebe, sind im Himmel. Ich möchte nicht mehr hier sein.“
Etwa die Hälfte der Kinder in Gaza wünscht sich den Tod. 79 Prozent leiden an Albträumen und 73 Prozent zeigen Symptome von Angst.
Eine ganze Generation wird ihrer Zukunft beraubt. Im Gazastreifen sind so gut wie alle Schulgebäude zerstört, die Wohnhäuser liegen in Schutt und Asche.
Die so genannten Evakuierungspläne der israelischen Armee weisen inzwischen direkt ins Meer. US-amerikanische und israelische Regierungsvertreter verhandeln völlig ungeniert mit afrikanischen Staaten über die Aufnahme der 2 Millionen Bewohner des Gazastreifens.
Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Das sind wir den Opfern schuldig!
Es hat mit historischer Verantwortung rein gar nichts zu tun, zu diesen unvorstellbaren Verbrechen zu schweigen. Wer dies tut, hat die Lehren der Geschichte ganz sicher nicht verstanden!
Liebe Freunde des Friedens,
Israel und die USA verfolgen in Westasien ein geopolitisches Expansionsprojekt, bei dem es um die Ausweitung ihrer Hegemonie und den Zugang zu Zentralasien geht. Schon 2006 sprach die damalige US-Außenministerin Condoleeza Rice vom „neuen Nahen Osten“, der durch – Zitat – „konstruktives Chaos“ entstehen solle.
Unter Verstoß gegen das Waffenstillstandsabkommen ist die israelische Armee immer noch nicht aus dem Libanon abgezogen. Die täglichen Bombardierungen müssen sofort enden!
In Syrien hat man inzwischen neun Militärstützpunkte errichtet und kontrolliert 30 Prozent der Wasserversorgung. Hinzukommt eine so genannte Pufferzone, die israelischen Panzer stehen nur 20 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt.
Die vom Westen, den Golfstaaten, der Türkei und Israel an die Macht gebrachten Terrorbanden sehen den einfahrenden Panzern und der fortschreitenden Besatzung tatenlos zu. Denn das ist der Deal: solange ihr westliche Interessen und Israel nicht angreift, drücken wir beide Augen zu, wenn ihr eine islamistische Diktatur errichtet und Menschen erniedrigt, foltert, entführt, vergewaltigt und umbringt.
Afghanistan lässt grüßen!
Liebe Freunde,
die von den HTS-Terroristen verübten Massaker an Syriens Minderheiten, insbesondere den Alawiten, sind mehr als einer kranken Ideologie entsprungener Hass. Sie bereiten auch die Spaltung des Landes nach konfessionellen Kriterien vor – um es besser kontrollieren zu können.
Diese menschenverachtende Politik ist unerträglich!
Dass die Pläne seit Jahrzehnten in den Schubladen liegen, ist gut belegt. Und der rechte israelische Finanzminister Smotrich ist bei weitem nicht der erste und einzige, der von einem „Großisrael“ träumt, das sich nach Jordanien, Ägypten, den Libanon, Syrien, den Irak und sogar bis nach Saudi-Arabien erstreckt.
Liebe Friedensfreunde,
in Westasien droht eine große Eskalation:
Zwar verhandeln Washington und Teheran miteinander. Zugleich hat die US-Administration aber Langstreckenbomber in die Region geschickt. Die US-Luftwaffe übte kürzlich gemeinsam mit israelischen Kampfjets. Ganz unverblümt droht man dem Iran mit Krieg, sollte der sich den eigenen Diktaten nicht fügen.
Wir müssen noch viel lauter werden. Gegen die völlig verantwortungslose Aufrüstungspolitik der Bundesregierung und ihr „Spiel“ mit einem großen Krieg. Und gegen die Politik der Entrechtung, Unterdrückung und Eskalation in Westasien.
Im globalen Süden hat man längst aufgehört, die westlichen Diktate und die westliche Doppelmoral unwidersprochen hinzunehmen. Dort haben wir starke Partner für eine friedlichere und gerechtere Welt!
Lasst uns gemeinsam die Heuchler und Kriegsverbrecher entlarven und ihnen das Handwerk legen!
Danke!
Wiebke Diehl ist Autorin, Publizistin und aktive bei der Initiative "Nie wieder Krieg - Die Waffen nieder".