Kurz vor dem Endlayout dieses FreiRaums erreichte uns die Nachricht: Otfried Nassauer ist gestorben. Otfried wurde nur 64 Jahre alt. Sein Tod ist ein großer Verlust für die Friedensbewegung, Medien und Politik.

Otfried, der zunächst Theologie studierte und wirkte seit den 80 Jahren als Journalist, Friedensforscher und Politikratgeber. Dabei drängte er sich nie in den Vordergrund, sondern stellte anderen sein enormes Wissen zur Verfügung. Otfried gründete 1991 das private Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS).

Er war einer der besten Kenner zu Fragen der Rüstungstechnik und Rüstungspolitik und war gut vernetzt in Ost und West. Nach dem Fall der Mauer organisierte er frühzeitig ein Treffen zwischen NVA-Offizieren der Dresdner Militärakademie und Soldaten der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Sein Motto war, dass es nicht ausreicht für den Frieden zu sein, sondern dass es wichtig ist, das Militär und seine Strategien kennen muss, um wirkungsvolle Kritik üben zu können. Er brannte für seine Forschung, sammelte Dokumente, beriet die Grünen, hielt Kontakte zu Militärs und Sicherheitspolitikern, schrieb Studien und Gutachten für Kirchen und Nichtregierungsorganisationen. Er war dabei immer für die Friedensbewegung da.

„Otfried Nassauer war ein wandelndes Lexikon für Militärtechnik, Streitkräfte und Rüstungsexporte“, Professor Dr. Michael Brzoska Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH)

„Otfried kannte jede verdammte Schraube an den Kampfdrohnen, die die Bundeswehr beschaffen wollte, an den U-Booten, die nach Israel geliefert wurden, an den Leopard-Panzern, die Saudi-Arabien von Krauss-Maffei Wegmann kaufen wollte.“ Ulrike Winkelmann, Chefredakteurin der Tageszeitung (taz),

„Wenn es um eine Einschätzung ging, was beispielsweise von der neuen US-Nuklearstrategie zu halten ist, dann war man bei Otfried Nassauer an der richtigen Adresse. Er war bestens informiert und hatte die neusten Dokumente schon längst gelesen.“ Andreas Flocken, verantwortlicher Redakteur der NDR-Sendereihe „Streitkräfte und Strategien“

Für unsere Mutlanger Friedensarbeit Otfried war ein wichtiger und immer hilfsbereiter Experte. Seine Kontakte stellte er uns zur Verfügung, um Referenten für unsere Ost-West Arbeit zu erhalten. Wir verdanken es ihm, dass wir die Begegnung zu den Jahrestagen des INF-Vertrages durchführen konnten.

Otfried war immer für uns ansprechbar und er machte uns oft darauf aufmerksam: „Achte mal drauf. Da solltet ihr aktiv werden.“ Zu unseren abrüstungspolitischen Frühstücken im Bundestagsabgeordneten nahmen wir Otfried deshalb gerne als Referent mit. Mit seiner Unterstützung organsierten wir in Wien einen Workshop in der UNO zur damals drohenden Kündigung des INF-Vertrages.

Wenn wir wissen wollten wo und wie viele Atomwaffen heute noch in Europa gelagert werden, Otfried kannte Quellen und konnte uns erklären, wie die Zahlen zustande kommen, für die es keine offizielle Bestätigung gibt.

Er schrieb eine Studie über die Modernisierung der in Büchel gelagerten Atomwaffen. Er erklärte uns warum wir dies als technische Aufrüstung kritisieren müssen. Er erklärte uns, welche Folgen dies für die Bundeswehr hat und lieferte so Argumente für die Kritik an der Anschaffung neuer atomwaffenfähiger Kampfbomber für die Bundeswehr.

In großer Dankbarkeit bleibt Otfried Nassauer in unserem Gedächtnis und unseren Herzen.

Wolfgang Schlupp-Hauck