US Soldat 2007
US Soldat 2007
US Army, CC BY 2.0

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Themen in diesem Abschnitt sind:

 

Offizielle Begründungen

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Die offizielle Begründung für den Angriff auf Afghanistan war der Angriff vom 11. September und das Ziel, Al Kaida in Afghanistan auszuschalten. Bei einer Rede von Präsident Bush am 20 September klingt allerdings auch schon das Ziel, das Taliban-Regime zu beseitigen, deutlich an, und auch die Argumentationsfigur „Frauenrechte“ taucht bereits auf.

„The leadership of Al Qaeda has great influence in Afghanistan and supports the Taliban regime in controlling most of that country. In Afghanistan we see Al Qaeda's vision for the world. Afghanistan's people have been brutalized, many are starving and many have fled.
Women are not allowed to attend school. You can be jailed for owning a television. Religion can be practiced only as their leaders dictate. A man can be jailed in Afghanistan if his beard is not long enough.
By aiding and abetting murder, the Taliban regime is committing murder. And tonight the United States of America makes the following demands on the Taliban.
Deliver to United States authorities all of the leaders of Al Quaeda who hide in your land.
Release all foreign nationals, including American citizens you have unjustly imprisoned. Protect foreign journalists, diplomats and aid workers in your country. Close immediately and permanently every terrorist training camp in Afghanistan. And hand over every terrorist and every person and their support structure to appropriate authorities.
Give the United States full access to terrorist training camps, so we can make sure they are no longer operating.
These demands are not open to negotiation or discussion.
The Taliban must act and act immediately.
They will hand over the terrorists or they will share in their fate.“

Die UN-Resolution 1378 vom 14. November 2001 heißt den Angriff der USA und der NATO nicht gut, sondern spricht von „den Anstrengungen des afghanischen Volkes, das Taliban-Regime zu ersetzen“:

„… Condemning the Taliban for allowing Afghanistan to be used as a base for the export of terrorism by the Al-Qaida network and other terrorist groups and for providing safe haven to Usama Bin Laden, Al-Qaida and others associated with them, and in this context supporting the efforts of the Afghan people to replace the Taliban regime, …“

Und auch die deutsche Bundesregierung argumentierte gleichlautend, so Außenminister Fischer in der Bundestagsdebatte am 8. November:

„Auch das himmelschreiende Unrecht in Afghanistan ist nicht der hinreichende Grund für die Abwägung aller Möglichkeiten, sondern die Tatsache, dass seit dem 11. September von Afghanistan in Verbindung mit al-Qaida und Bin Laden eine Gefahr für den Weltfrieden und damit auch für uns ausgeht.“

In den späteren Rechtfertigungen des Krieges – vor allem auch in Europa und speziell in Deutschland – ging es dann mehr und mehr um das Ziel des „regime changes“:

Der NATO-Rat schrieb 2009:

„In Afghanistan helfen wir dabei, Sicherheit für das afghanische Volk zu schaffen, unsere Bürger zu schützen und die Werte, nämlich Freiheit, Demokratie und die Menschenrechte, zu verteidigen. Unsere gemeinsame Sicherheit ist eng mit der Stabilität und Sicherheit Afghanistans und der Region verknüpft: eines Gebiets in der Welt, von dem aus Extremisten Anschläge gegen Zivilbevölkerungen und demokratische Regierungen planten und auch heute noch planen. Durch unsere unter einem VN-Mandat operierende Mission, die von unseren Partnern der Internationalen Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) unterstützt wird, und in enger Zusammenarbeit mit der afghanischen Regierung sind wir unverändert entschlossen, langfristig ein demokratisches Afghanistan zu unterstützen, das nicht erneut zu einem Stützpunkt für Terroranschläge oder einem Zufluchtsort für gewalttätigen Extremismus wird, der die Region destabilisiert und die gesamte internationale Gemeinschaft bedroht. Aus diesem Grund bleibt Afghanistan die oberste Priorität des Bündnisses.“

Man sieht: Zwar ist die offizielle Begründung, al Kaida das Handwerk zu legen, nicht vom Tisch, doch es geht jetzt um eine „Demokratisierung“ Afghanistans. Dies blieb eigentlich bis 2021 unverändert – Hilfe beim Staatsaufbau war die Rechtfertigung zumindest in Europa, weshalb die Truppen auch nach dem Tod von Bin Laden in Pakistan im Lande blieben.

Präsident Biden kritisierte dieses Ziel indirekt in seiner Rede am 31. August 2021, mit der er den Abzug rechtfertigte:

„To those asking for a third decade of war in Afghanistan, I ask: What is the vital national interest? In my view, we only have one: to make sure Afghanistan can never be used again to launch an attack on our homeland.
Remember why we went to Afghanistan in the first place? Because we were attacked by Osama bin Laden and Al Qaeda on Sept. 11, 2001, and they were based in Afghanistan. We delivered justice to Bin laden on May 2, 2011. Over a decade ago. Al Qaeda was decimated.
I respectfully suggest you ask yourself this question: If we had been attacked on Sept. 11, 2001, from Yemen instead of Afghanistan, would we have ever gone to war in Afghanistan? Even though the Taliban controlled Afghanistan in the year 2001? I believe the honest answer is no. That’s because we had no vital interest in Afghanistan other than to prevent an attack on America’s homeland and our friends. And that’s true today.
We succeeded in what we set out to do in Afghanistan over a decade ago. Then we stayed for another decade. It was time to end this war.“

Und als letztes Zitat eines von NATO-Generalsekretär Stoltenberg von Anfang September 2021: "Unser Hauptziel war die Bekämpfung des Terrorismus. Und wir haben zwanzig Jahre lang keine Angriffe aus Afghanistan auf unsere Länder erlebt."

Die Fokussierung auf den „Krieg gegen den Terror“ hinderte die Politik allerdings nicht, die Öffentlichkeit mit weiteren Begründungen zur Zustimmung zu dem Krieg zu bewegen. Eine besondere Rolle spielten neben allgemeinen Hinweisen auf die Vergehen des Talibanregimes die Frauenrechte.

 

 

Rechtfertigung Frauenbefreiung

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Krieg zur Befreiung der Frauen war und ist eine Argumentationsfigur, die in der westlichen Presse und Öffentlichkeit gut ankam, zumal die Unterdrückung der Frau durch die Taliban ja bekannt war und nach deren Sturz tatsächlich zumindest in den Städten eine neue Generation junger Frauen heranwuchs, die viele Freiheiten genoss. Doch zur Propaganda gehörten auch bewusste Falschmeldungen. Bekannt wurde ein Foto, das das renommierte Times Magazine 2010 (und zuvor schon CNN) veröffentlichte und eine Frau mit verstümmeltem Gesicht zeigte. Der Text dazu behauptete, ihr sei die Nase von einem Taliban abgeschnitten worden und ‚das sei, was geschehen würde, wenn wir Afghanistan verlassen‘. Tatsächlich hatten Reporter die Frau 2007 in einem Hospital gefunden, sie trug einen anderen Namen und ihre Nase war ihr nicht als Strafe von den Taliban, sondern von ihrem eigenen Ehegatten abgeschnitten worden.

Die Verbreitung von Rechtfertigungen und Kriegspropaganda ist ohne die Medien nicht möglich. Jörg Becker schrieb schon 2002:

„…Gerade der Afghanistan-Krieg [ist] durch und durch zu einem Informationskrieg geworden. Im Afghanistan-Krieg sind Propaganda, gezielte Desinformation, Lügen, Verfälschungen, Vertuschungen, Manipulationen, Informationszurückhaltungen, Zensur, Pressionen gegen kritische Journalisten und unliebsame Medieneigner, staatliches Abhören der Telekommunikation, vorab vom Pentagon produzierte Videofilme mit Kampfjets usw. endgültig zum Normalfall geworden.“
19 Jahre später analysierte Jan Oberg die Rolle der Medien. Er weist vor allem darauf hin, dass Propaganda nicht nur aus dem Erzählen von Halbwahrheiten oder Lügen besteht, sondern auch aus dem Auslassen von Information.

 

Motive

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Von Anfang an erhoben sich aus der Friedensbewegung, aber auch darüber hinaus, kritische Stimmen, die vermuteten, dass es nicht oder nicht nur um Al Kaida und die Taliban ginge. Hierbei wurden vor allem zwei Aspekte angesprochen, eine Pipeline, die durch Afghanistan führen sollte und geostrategische Interessen, wobei beide eng miteinander verbunden sind.

Wie beim Golfkrieg 1991 wurde schnell vermutet, dass Erdöl ein Motiv für den Krieg sein könnte. Zwar gibt es in Afghanistan wenige nennenswerten Erdöl- und Erdgasquellen (gerade genug, dass Afghanistan zur Zeit der sowjetischen Besatzung einen Außenhandelsüberschuss verzeichnen konnte), aber u.a. in den benachbarten Kasachstan und Turkmenistan. Es gehe um die „geostrategische Lage Afghanistans, nahe den riesigen Öl- und Gasreserven der kaspischen Region. Das eigentliche Kriegsziel der USA stelle deshalb ‚die Kontrolle der Ölvorräte der Region‘“ dar, wie Jürgen Wagner (imi) 2001 unter Berufung auf Ahmed Raschid schrieb.

Den Hauptgrund sah Jürgen Wagner aber in einer geplanten Öl- und Erdgaspipeline:

„Hierfür betreibt Washington schon seit Jahren eine aggressive Politik, deren Ziel, laut dem Sprecher des US-Repräsentantenhauses, dass "Brechen des russischen Monopols über Transportwege für Öl- und Gas, sowie die Förderung des Baus von [...] Pipelines, die nicht durch den Iran führen" ist.
Als sich die kalifornische Firma UNOCAL Anfang der 90er für den Bau einer Öl- und Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien interessierte, eröffnete dies die Chance, endlich den Iran und Russland im "Pipelinepoker" ausstechen zu können.
Der anhaltende Bürgerkrieg in Afghanistan machte das Projekt aber unmöglich, weshalb die Taliban, in der Ansicht, eine totalitäre Regierung in Kabul werde die erhoffte Stabilität für den Bau der Pipelines gewährleisten, ab 1994 von den USA massiv unterstützt wurden. Nachdem die US-Regierung den Taliban ab 1998 aufgrund deren Unterstützung Bin Ladens zunehmend kritischer gegenüberstanden, vor allem aber weil die Regierung in Kabul die benötigte Stabilität nicht gewährleisten wurde, legte UNOCAL das Projekt im selben Jahr so lange auf Eis, bis in Afghanistan der "notwendige Friede und die Sicherheit [...] sowie eine Regierung die von den Vereinigten Staaten [...] anerkannt wird" einkehrt, wie die Firma damals erklärte.“

Vor dem Hintergrund der Spannungen und Feindschaften mit Russland und Iran war es für die USA interessant, eine Pipelineroute zu sichern, die beide Länder umging.

Allerdings kam es anders, vielleicht, weil die „Befriedung“ des Landes nicht gelang, sondern schon wenige Jahre nach der Besetzung der Bürgerkrieg erneut eskalierte. In späteren Quellen ist auf jeden Fall von einer Ölpipeline nicht mehr die Rede, sondern von einer Erdgaspipeline, der TAPI (Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien Pipeline), deren Rechte sich UNOCAL gesichert hatte, bevor das Konsortium sich 1998 angesichts der Situation in Afghanistan (Bürgerkrieg zwischen Taliban und Nordallianz) zurückzog.

Vielleicht aber ist doch die Bedeutung dieser Pipeline überschätzt worden? Der Krieg um Öl 1991, als eine Koalition der Willigen Kuwait von irakischer Besetzung befreite, war noch sehr präsent in den Köpfen der Kritiker*innen westlicher Kriegspolitik. Auf jeden Fall: Es ist eine Erdgas-Pipeline, keine Erdölpipeline, und mit ihrem Bau wurde erst 2015 begonnen; 2021 wurde er abgeschlossen. Ob sie aber in Betrieb genommen wird, ist derzeit nicht klar.

Wie unter "Situation im Land" dargestellt, ist Afghanistan zudem reich an bestimmten Erzen: Kupfer, Eisen, Kobalt, Gold, Uran, Steinkohle, Zinn, Blei, Quecksilber, Lithium sowie an seltenen Erden (Cerium, Lantha und Neodym) reich.

Dieser Rohstoffreichtum war schon seit Jahrzehnten bekannt, und die US-Administration hat sowohl unter Obama wie später unter Trump versucht, ihn auszubeuten, scheiterten aber an der Gewalt und der Korruption im Lande.

Ähnlich erging es China: Es hatte sich schon früh, vor 2014, Abbaurechte an einer enormen Kupfermine in Mes Ayan gesichert, nicht westliche Firmen, doch das Projekt wurde anscheinend aufgrund der Korruption wieder aufgegeben.

Anders stellt sich das Bild da, wenn man den gesamten Nahen und Mittleren Osten in den Blick nimmt. Wie im Kapitel zum Krieg angesprochen, gab es schon vor dem 11. September Überlegungen, Afghanistan anzugreifen. Seine strategische Lage in unmittelbarer Nähe zum Iran, Russland und China geben Afghanistan eine geographische Schlüsselstellung in der Region.

Letztlich scheint es, dass den USA und ihren Verbündeten ähnlich ergangen ist wie der Kolonialmacht Großbritannien im 19. Jahrhundert: Für sie war Afghanistan aufgrund seiner Lage zwischen Russland, China, Iran usw. wichtig, zu kontrollieren. Auch seine Rohstoffe stellten einen Anreiz dar, heute mehr als damals, wo viele der genannten Erze und Erden immer seltener werden. Aber alle scheiterten an dem Widerstand der Afghanen, die weder eine Besatzung wollten noch bereit waren, sich westlichen Vorstellungen, was die Grenzen von Korruption angeht, zu beugen.

 

Rassismus und Antiislamismus

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Nur wenig beleuchtet in den gesichteten Quellen zum Afghanistankrieg wird die Rolle von Rassismus, neokolonialen Attitüden und vor allem Antislamismus. Es finden sich in vielen Artikeln Hinweise darauf, doch es fehlt weitgehend an einer Analyse. Hier nur zwei Beispiele für solche Hinweise:

Sönke Neitzel schreibt:

„Bei etlichen Soldaten war eine ‚nicht zu überbietende Geringschätzung‘ für die Afghanen unübersehbar. ‚Kuddel‘, ‚Schmutzfüße‘, ‚Eself...‘ waren gängige Bezeichnungen, und mancher meinte, man solle doch einfach eine Atombombe auf das Land werfen.“ („Deutsche Krieger“; 2020, S. 550).

Daniel Lücking macht ebenfalls quasi „im Vorbeigehen“ eine vielsagende Beobachtung:

„Der Einsatz bei einer uns positiv gesonnenen Bevölkerung, der im November 2005 noch mit Radioübertragungen von Fußballspielen vom Sportplatz in Kunduz begann, sollte nicht friedlich bleiben. Als im Januar 2006 zum zweiten Mal die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden, änderte sich die bis dahin im deutschen Gebiet überwiegend friedliche Lage binnen weniger Tage. Es dauerte dann keine drei Wochen mehr, bis es den ersten Anschlag in der Innenstadt von Kunduz gab, bei dem zahlreiche Afghan*innen und auch deutsche Soldaten verletzt worden sind.“

Deutliche Worte findet Emran Feroz (2021) in seinem Buch „Der längste Krieg“, der an verschiedenen Stellen von rassistischen Einstellungen gegenüber der afghanischen Bevölkerung spricht und berichtet:

„Wer in diesen Tagen etwas tiefer im Internet gräbt, wird etwa feststellen, dass bereits vor Jahren verschiedene antimuslimische, rassistische und rechtsradikale Militärabzeichen …bei den Soldaten in Afghanistan und anderswo beliebt und verbreitet waren.“ (S. 119f)

Eine Dehumanisierung des militärischen Gegners ist ein Phänomen, das in praktisch allen Kriegen zu beobachten ist. Doch ist zu befürchten, dass entsprechende Einstellungen gegenüber Afghanistan schon lange vor dem Krieg vorhanden waren und auch nur oberflächlich etwas mit Abscheu vor der Politik der Taliban zu tun hatten. Rassistische Stereotype haben sich dabei mit antiislamischen verbunden und dürften sich gegenseitig verstärkt haben. Es ist zu hoffen, dass im Lichte des sich in letzten Jahren verstärkenden Interesses an der Überwindung rassistischer und kolonialer Denkweisen und Strukturen auch Wissenschaftler*innen finden, die den Krieg unter dieser Brille analysieren. (Falls sie es nicht schon haben und der Schreiberin dieser Zeilen lediglich entgangen sind.)

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