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Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2026 in Magdeburg
- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 18 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,
lasst uns diese Zusammenkunft beginnen mit einem Gedenken an die Menschen von Nagasaki.
Als die US-Army 1945 den 2. Atombombenabwurf planten, wollten sie die Kapitulation Japans im 2. Weltkrieg beschleunigen und ihre eigenen Truppen vor den Japanern schützen. Das erste Ziel, die Kaiserstadt Kyoto, wurde wegen seiner kulturellen Bedeutsamkeit verschont. Das 2. Ziel, Kokura, wurde wegen der Rüstungsindustrie gewählt, jedoch wegen zu dichter Bewölkung nicht beschossen. Um noch genug Treibstoff bis zum nächsten Landeplatz zu haben, musste die Bombe abgeschossen werden und traf kurz nach 11 Uhr das Zentrum von Nagasaki, also fast ausschließlich Zivilbevölkerung: Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, darunter viele Zwangsarbeiter. Wie viele Menschen sofort tot waren, die Zahlen schwanken zwischen 22.000 und 80.000. Ebenso schwanken die Zahlen der Verletzten zwischen 42.000 und 75.000. Insgesamt ist im Zusammenhang von Nagasaki von 198.785 Toten die Rede, spätere Gestorbene mitgezählt. (Quelle: Wikipedia 1.8.26)
Nehmen Sie sich eine Person heraus und lassen ihr Leben und Sterben lebendig werden, dann beginnen Sie das unvorstellbare Grauen an einer Stelle zu spüren.
Hiroshima kommt dazu. Und all jene Menschen, die durch die über 2000 Atombombenversuche ums Leben kamen, krank und vertrieben wurden, die zerstörte Natur …
Lasst uns in einer Schweigeminute ihrer gedenken.
Ich danke Ihnen und Euch.
Auch der Stadt Magdeburg war es wichtig, sich heute mit Blumen am Gedenken zu beteiligen, die Deutsch-Japanische Gesellschaft beteiligt sich und ebenfalls vertreten ist die Friedensarbeit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Wenn wir jetzt im August 2026 von dem Gedenken weitergehen – wohin?
Zunächst bin ich dankbar:
Die meisten von Ihnen und Euch, die heute hier stehen, sind in der Arbeit für Frieden an irgendeiner Stelle engagiert. Und wir sind mehr geworden in Deutschland, wie etwa die Übersichten der Friedenskooperative oder von „atomwaffenfrei.jetzt“ oder die Zahl der Mayors for Peace zeigen. Im Austausch stärken wir uns gegenseitig und laden andere zum Mittun ein. Dankbar: Wir sind bisher von atomaren Schlägen bewahrt geblieben und sehen immer wieder Spielräume zum Handeln, damit der Frieden wieder einen Platz in unserer Mitte bekommt.
Weiterhin gibt es viel Grund zum Schmerz, zu Trauer, Wut und Protest:
Die meisten von uns wissen um die Gefahren atomarer Rüstung und wie in ihrem Schatten konventionelle Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit betrieben werden. Ein Gespenst geht in Europa und der Welt herum, das Gespenst der Abschreckung.
Der Geist der Abschreckung sagt: Die Menschen sind zum Frieden nicht mehr fähig. Schuld daran sind die anderen.
Die Logik der Abschreckung sagt: Wer den Frieden will, muss den Krieg vorbereiten.
Die Praxis der Abschreckung konkretisiert: Kriegstüchtigkeit durch neuem Kriegsdienst, Rüstungsindustrie und -export als bedeutende Verdienstquelle, Erfüllen der US-Forderungen an Rüstungsausgaben usw.
Atomwaffen und Abschreckung sind Fallen, die mit Sicherheit das Leben gefährden und alle enorme Ressourcen völlig in den Sand setzen. Der einzige Schutz vor Atomwaffen besteht darin, sie abzuschaffen.
Dass es auch anders geht,
- zeigt Spanien, das anstelle erhöhter Rüstungsausgaben Sozialausgaben gewählt hat.
- zeigt Narvid Kermani in seiner Ansprache zur Vereidigung der Soldaten am 20.7.2026 in Berlin: Er sprach vom Recht auf Widerstehen und Gehorsamsverweigerung in bestimmten Situationen.
- zeigt die Ökumenische Friedensschrift vom Juni dieses Jahres mit ihrem biblischen und friedenslogischen Engagement. Die Ökumenische Friedensschrift kommt zu ganz anderen Ergebnissen und Schritten als die derzeitige Politik und die EKD: „Wer den Frieden will, muss mit dem Feind reden.“
- zeigen viele fantasievolle Schritte, die darauf zielen, auch mit Gegnern wieder zu reden und durch Verträge in neue Beziehungen zu kommen.
Doch aus manchen Beiträgen unter uns höre ich Zweifel, wie sinnvoll unser Engagement angesichts der tauben Ohren in Deutschland sind, und manchmal teile ich diese Zweifel, weil sich absolut nichts zu bewegen scheint. Friedensfähigkeit hat derzeit scheinbar ungleich weniger Lobby als Kriegstüchtigkeit.
Jedoch im Zweifel verbirgt sich das Wort Zwei: Neben Schmerz und Trauer und Wut wird auch eine zweite Seite lebendig und geschärft: der Mut zu einer neuen Perspektive. In einer Übung haben wir das direkt ausprobiert. Jede und jeder klagte über das, was zu beklagen war. Dann bat uns die Trainerin, uns um 180 Grad zu drehen und in aller Ruhe die neue Umgebung auf uns wirken zu lassen. Was wir dann zu sehen bekamen und was uns dann einfiel, war wirklich überraschend neu.
Wie meine ich das mit neuen Perspektiven in unserer Friedensarbeit:
- Tun wir sie um eines Erfolges oder um der Menschen willen? Auch um die Menschen von Hiroshima und Nagasaki zu ehren?
- Fühlen wir uns ständig allein und überfordert oder wechseln wir die Perspektive und verbinden uns mit anderen? Ich weiß gar nicht, mit wem Ihr von der Offenen Heide alles verbunden seid und was Euch das bringt?
- Sehen wir ständig auf eine „Welt in Unordnung“ oder suchen wir uns einen anderen Fixpunkt, einen anderen Stern, von dem aus wir gespeist werden und der uns neuen Blick eröffnet?
- Bleiben wir in unserer Friedensarbeit im Horizont von vor 10 Jahren stehen oder bilden wir uns weiter in Friedenslogik und praktischen Gestaltungsmöglichkeiten?
- Setzen wir uns absolut, nur wir sind wichtig, oder nehmen wir das mutige Zeugnis von Frauen und Männern in der Geschichte als Impuls mit dazu? Die diesen Gedenkhügel und die Stele der Völkerfreundschaft gestaltet haben, welche Sehnsucht hatten sie über ein einfaches Auftragswerk hinaus? Wozu regt uns dieser Platz und der kleine Gingko-Baum unten auf der Wiese heute an?
- Warten wir auf eine ganz große neue Friedensbewegung oder fangen wir einfach an unserem Platz an, Frieden zu pflanzen?
- Das meine ich mit neuen Perspektiven.
Und schließlich kommt es auf den einen ersten Schritt an, der jetzt zu gehen dran ist: ein einfaches Dabeibleiben, ein Plakat, eine Entscheidung, eine Beteiligung, ein Gespräch, eine Schrift, eine Aus- oder Weiterbildung …
Um Gottes und der Menschen willen, lasst uns diese 4 Schritte von Joanna Macy immer wieder neu gehen:
Wofür kann ich danken? Was schmerzt mich und lässt mich zweifeln?
Welche neue Perspektive gewinne ich, wenn ich mich umdrehe? Wie sieht der erste Schritt dann aus?
Ich vertraue darauf, dass Gott für uns und all die anderen Impulse bereit hält, die uns zu gerechtem Frieden und zur klaren Verantwortung für unsere Mitwelt anstiften.
Vielen Dank.
Eberhard Bürger ist aktiv beim Versöhnungsbund Regionalgruppe Magdeburg.