Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Mainz

 

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 17 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

der heutige Jahrestag lässt uns zunächst der vielen Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und auch auf Nagasaki gedenken. Auch wird an diesem Tag zur Erinnerung an die Schrecken von Krieg, Gewalt und Faschismus aufgerufen. Dies dient nicht nur der traurigen Erinnerung an die schlimme Vergangenheit, sondern auch der Mahnung für die Zukunft. Denn wir dürfen nicht bei der Erinnerung stehen bleiben.

Der Abwurf hatte und hat schreckliche Folgen für die Menschen und die Natur, besonders in den zwei betroffenen Regionen Japans. Grundsätzlich macht die Bombardierung von Großstädten immer die Zivilbevölkerung zu Opfern, unabhängig davon, ob sie den Krieg unterstützen oder nicht. Das macht deutlich, dass der Abwurf der Atombombe kein legitimes Mittel zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs war. Denn hier kamen in besonders starkem Maße völlig Unschuldige zu Tode und zu Schaden.

Solche Menschen werden in allen Kriegen immer als sogenannte „Kollateralschäden“ abgetan, die man in Kauf nehmen müsse. Mit diesem Begriff wird verbrämt, dass es dabei um in der Regel unschuldige Menschen geht, die nicht aktiv an Kriegshandlungen beteiligt waren, als sie angegriffen und getötet wurden. Diese Opfer mahnen uns zum Einsatz unter dem Motto "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!". Allerdings ist diese Doppelung natürlich auch problematisch, denn, wenn man zu spät anfängt, scheint eine Verhinderung des Faschismus oft nur noch mit Gewalt möglich. Und selbst Putin versucht seinen Angriff auf die Ukraine ja damit zu rechtfertigen, dass man die angeblichen Faschisten in Kyiv bekämpfen müsse.

Aber man kann und muss dem Faschismus und dem Rechtspopulismus in den Anfängen auch entgegentreten, ohne wirklich Krieg führen zu müssen. Zum Krieg kommt es immer erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Deshalb ist der Tag heute immer ein Appell für politisches Engagement zur Schaffung und Bewahrung von Frieden, gerade in der aktuellen Zeit.

Krieg ist in Europa gerade wieder präsent und deshalb auch im öffentlichen Diskurs vorhanden. Aufrüstung bei uns scheint nahezu ungehemmt wieder möglich. Dabei werden lange Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Konflikte in anderen Teilen der Welt ebenso wenig wahrgenommen wie unser Anteil daran, nicht zuletzt durch Rüstungsexporte, wie sie schon lange etabliert sind und einen Gutteil am Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bilden. Deutschland verdient 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gut am Krieg anderswo. Ihre Opfer werden ausschließlich als große Zahl möglicher Geflüchteter wahrgenommen, ohne sich deren Leid vor Augen zu führen.

Aber es ist ja schon ein Fortschritt, dass es den heutigen Gedenktag gibt. Denn er ist Ausdruck eines gewissen historischen Lernens. Dieses setzt oft allerdings erst zu spät, nämlich nach der Katstrophe, ein und droht manchmal auch mit dem Aussterben der sogenannten „Kriegsgeneration“ wieder vergessen zu werden.

Denn nach Hiroshima kam die Menschheit zur Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Die Politik kam zur Erkenntnis, dass zumindest der Einsatz, wenn auch leider nicht der Bau und die Lagerung von Atomwaffen, verwerflich und nicht möglich sind, wenn man die Menschheit nicht ausradieren will. Für mich ist dabei aber wichtig: Es ist nicht hinnehmbar, wenn die Menschen immer nur aus Katastrophen lernen . Dies kostet zu viele unschuldige Menschen das Leben. Diese Erkenntnis verblasst, wenn jetzt wieder in Europa aufgerüstet wird.

Deshalb kann der Tag heute nicht nur zum Gedenken dienen. Vielmehr impliziert er auch das Engagement, sich für ein Atomwaffenverbot einzusetzen und den Lernprozess durch Bildung, Aufklärung und Protest voranzubringen. Schon in der Bibel wird an vielen Stellen deutlich: Für solchen Fortschritt ist oft ist zähes Verhandeln notwendig und manchmal gelingt Einsicht des Gegenübers erst mit Zeitverzögerung. Dennoch muss man damit (rechtzeitig) beginnen. Das ist unsere Verantwortung heute, 81 Jahre nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Vielen Dank.

 

Dr. Christoph Krauß ist Referent für Gerechtigkeit und Frieden beim Bistum Mainz und für pax christi Rhein-Main.