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Predigt / Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Andacht am 6. August 2026 in Mainz
- Es gilt das gesprochene Wort –
Gen 18, 16, 20-33
Heute jährt sich der Abwurf einer Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima zum 81. Mal, in wenigen Tagen jährt sich der Abwurf einer eben solchen auf Nagasaki. Den Moment der Explosion sieht man hier auf dem ersten Bild. Dieser Jahrestag ist ein Anlass innezuhalten, für den Frieden zu beten und zum Engagement zu ermuntern. . In den letzten Tagen beschäftigte mich, dass es Traditionen gibt, die den Abwurf der Atombombe als legitimes Mittel zur Beendigung des Zweiten Weltkrieges betrachten.
Denn wenige Tage später kapitulierte die japanische Monarchie. Damt war der letzte Schauplatz von Kämpfen im Zweiten Weltkrieg endlich ruhig. Von friedlich kann man da nicht sprechen. Oder nur von einem sehr brüchigen Frieden. Der christliche Mystiker Thomas Merton unterscheidet den „Frieden der Liebe“ vom „Frieden der Anästhesie.“ Mit letzterem meint er Frieden durch Erschöpfung, Einschläfern, versiegende Kampfkraft. Um einen solchen handelte es sich Ende August 1945. Das ist aber nicht der biblische Frieden, der im Begriff des Shalom zum Ausdruck kommt und mehr ist als die Abwesenheit von Krieg.
Außerdem bedeutet „Frieden der Anästhesie“ noch nicht unmittelbar ein Einsehen, dass der Krieg etwas grundsätzlich Schlechtes (Traditionell: intrinsice Malum).ist. Diese Einsicht fehlte damals auf beiden Seiten des Zweiten Weltkriegs und fehlt oft auch heute. Deshalb können wir den Abwurf der Atombombe nicht als schlechtes Mittel zu einem guten Zweck betrachten. Es wäre geradezu skandalös, wenn die Menschheit immer nur aus Katastrophen lernen würde.
Der Abwurf hatte und hat schreckliche Folgen für die Menschen und die Natur, besonders in diesen zwei Regionen Japans. Dies sieht man hier auch auf dem Zweiten Bild. Grundsätzlich macht die Bombardierung von Großstädten immer die Zivilbevölkerung zu Opfern, unabhängig davon, ob sie den Krieg unterstützen oder nicht. Das macht deutlich, dass der Abwurf der Atombombe kein legitimes Mittel zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs war. Denn hier kamen in besonders starkem Maße völlig Unschuldige zu Tode und zu Schaden.
Dieses Problem wird auch in der eben gehörten Bibelstelle thematisiert. Dort werden die Unschuldigen als die „Gerechten“ bezeichnet.
Solche Gerechten werden in allen Kriegen immer als sogenannte „Kollateralschäden“ abgetan, die man in Kauf nehmen müsse. Mit diesem Begriff wird verbrämt, dass es dabei um in der Regel unschuldige Menschen gibt, die nicht aktiv an Kriegshandlungen beteiligt waren, als sie angegriffen und getötet wurden. Der Psalm zu Beginn hat die Gräuel des Krieges anschaulich beschrieben. Zugleich wendet sich der Psalm in der zweiten Hälfte, die wir gleich gemeinsam beten werden, gegen eine Appeasement-Politik, die glaubt, durch Zugeständnisse einen Aggressor beruhigen und von seinem Tun abbringen zu können. Dies ist eine andere Version des Friedens der Anästhesie.
Auch in der Textstelle aus dem Buch Genesis wird deutlich, dass es unrecht ist, solche Kollektivstrafen zu verhängen. Abraham verhandelt mit Gott und macht deutlich, dass eine noch so geringe Zahl an „Gerechten“, eine Vernichtung der Stadt Sodom aus ethischer Perspektive unmöglich macht. Abraham verhandelt so lange mit Gott, bis eine geringe Zahl von Gerechten, d.h. von unschuldigen Opfern, auszureichen scheint, die Vernichtung nicht zu vollstrecken.
Am Ende des Bibelverses hat man beinah‘ den Eindruck, Gott schmolle ein wenig, denn er geht einfach weg. Man kann an dieser Stelle nicht verschweigen, dass das Einlenken Gottes hier nur von kurzer Dauer ist und er später Sodom mit anderer Begründung doch noch zerstört. Wiederum später reut ihn dies dann doch und er hat in der berühmten Geschichte um den Propheten Jona gelernt und zerstört Niniveh (mit 120.000 Menschen, die „nicht links und rechts unterscheiden können und so viel Vieh“ Jona 4,11) ) nicht. Die Textstelle hier ist der Einstieg in ein exemplarisches moralisches Lernen, dass an der Person Gottes , also an der höchsten Autorität, festgemacht wird. Hier wird jemand zunächst mal in eine ethische Zwangslage gebracht. Interessanterweise Gott, nicht Abraham. Aber die schlechte Handlung der Zerstörung ist zunächst abgewendet. Man könnte also sagen, hier hat sich Verhandeln gelohnt. Deutlich wird an dieser Abfolge, dass auch in der Erzählung des Handelns Gottes Einsicht erst mit der Zeit entsteht.
Dies ist zugleich Erinnerung und Mahnung. Denn auch nach Hiroshima kam die Menschheit zur Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Die Politik kam zur Erkenntnis, dass zumindest der Einsatz, wenn auch leider nicht der Bau und die Lagerung von Atomwaffen, verwerflich und nicht möglich sind, wenn man die Menschheit nicht ausradieren will. Für mich ist dabei aber wichtig: Es ist nicht hinnehmbar, wenn die Menschen immer nur aus Katastrophen lernen . Dies kostet zu viele unschuldige Menschen das Leben. Deshalb kann der Tag heute nicht nur zum Gedenken dienen. Vielmehr impliziert er, gestärkt durch das gemeinsame Gebet, auch das Engagement, sich für ein Atomwaffenverbot einzusetzen und den Lernprozess durch Bildung, Aufklärung und Protest voranzubringen. Die biblische Erzählung macht deutlich: Dazu ist zähes Verhandeln notwendig und manchmal gelingt Einsicht des Gegenübers erst mit Zeitverzögerung. Dennoch muss man damit (rechtzeitig) beginnen. Das ist unsere Verantwortung 81 Jahre nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.
Dr. Christoph Krauß ist Referent für Gerechtigkeit und Frieden beim Bistum Mainz und für pax christi Rhein-Main.