Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in München

 

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 18 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Danke an das Münchner Friedensbündnis für die Organisation und die Einladung.

Ich darf sie auf die Ausstellung hinweisen. Wir wollen über die Zusammenhänge der zivilen und militärischen Atomindustrie und über die gesundheitlichen Gefahren von Radioaktivität aufklären.

Ich bin Ärztin bei der internationalen Vereinigung IPPNW, das ist die englische Abkürzung für Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs und in sozialer Verantwortung.

Die Vereinigung hat sich in den 80er Jahren zu Zeiten des kalten Krieges gegründet. Ein sowjetischer und ein US amerikanischer Arzt haben sich zusammen geschlossen, um Block übergreifend über die Gefahren eines Atomkriegs aufzuklären.

81 Jahre nach Hiroshima ist das wieder notwendig wie lange nicht. Das nukleare Tabu bröckelt. In Deutschland wird wieder über atomare Bewaffnung diskutiert. Es gibt Militärs die sagen, die kleinen, strategischen Atomwaffen sind ja nicht so schlimm. Was für eine überhebliche Selbstüberschätzung!

Die Gefahr eines sofortigen Gegenschlags, Schlagabtauschs und damit die Zerstörung der gesamten Welt in wenigen Minuten wird völlig ignoriert.

Aufrüstung, Kriegsdienst, Militarisierung und Reduktion der Sozialausgaben beherrschen die Politik, die Medien und Talkshows.

Für mich ist das Kriegspropaganda, die mir Angst macht.

Die Prinzipien der Kriegspropaganda umfassen immer wieder die gleichen Mechanismen. Ich zitiere aus dem Buch von Anna Morelli, die die Prinzipien der Kriegspropaganda an vielen historischen Beispielen untersucht hat.

Damals wie Heute wird behauptet:

WIR wollen ja keinen Krieg.

Das feindliche Lager trägt allein die Schuld.

Der Feind hat dämonische Züge und begeht mit Absicht Grausamkeiten.

Wir kämpfen für eine gute Sache.

Unsere Mission ist heilig.

Und wer die Berichterstattung in Zweifel zieht ist ein Verräter, naiv, Putinversteher u.s.w.

In unseren Medien wird immer wieder wiederholt, dass nur mit Waffen die angeblich drohende Gefahr des russischen Angriffs verhindert werden kann. Der Dämon Putin versteht ja nur Stärke.

Kaum eine Zeitung berichtet über Verhandlungsoptionen, über die bewiesene militärische Übermacht der Nato auch ohne USA, über die Ursachen, die zum Ukraine Krieg führten, über die Vertragsbrüche von beiden Seiten.

Ist das wiederholte Bedrohungsszenario notwendig, um die Verschiebung von dem vielen Geld in den militärischen Bereich zu rechtfertigen? Sondervermögen, das wir alle mit unseren Steuern finanzieren werden.

Die neun Atommächte der Welt gaben im Jahr 2025 119 Milliarden US Dollar für ihre Nukleararsenale aus. Geld das für soziale Sicherungssysteme, für Klimaschutz, Armutsbekämpfung und Gesundheit fehlt. Das würde uns allen mehr Sicherheit geben.

Aufrüstung hat noch nie Sicherheit gebracht. Waffen erhöhen immer die Kriegsgefahr. Schon allein deswegen, weil die Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie nur dann erhalten werden können, wenn die Waffen verbraucht und immer wieder neu produziert werden.

Atomwaffen sind allein durch ihre Existenz eine Bedrohung. Es gibt ein erhebliches Risiko der Eskalation, eines Unfalls, des Atomkriegs aus Versehen.

Auf der Internetseite Atomkrieg-aus-Versehen haben Wissenschaftler ehrenamtlich Seitenweise Ereignisse zusammengetragen.

Da geht´s um technische Ausfälle, Soft- und Hardware Störungen, um Schlamperei, Fehlentscheidungen, Drogen, Hackerangriffe und Kommunikationsfehler.

Die Liste von beinahe Katastrophen ist lang, wobei es z.B. aus Nordkorea, Indien und Pakistan gar keine Informationen gibt.

Deutschland kauft jetzt Tomahawk Raketen, das sind sehr schnelle, tieffliegende Angriffswaffen mit Ziel auf Moskau.

Völkerrechtlich ist die Selbstverteidigung bei unmittelbar drohendem Angriff legitim. Wann ist unmittelbar? Wann macht Russland von seinem Selbstverteidigungsrecht Gebrauch und bombardiert präventiv die Stützpunkte in Deutschland? Genauso wie Israel seine Angriffe rechtfertigt.

Michael Gorbatschow schreibt 2017 in seinem Buch:

"Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“

Atomkrieg ist Wahnsinn und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, krankhafter Wahnsinn und alle wissen es.

Thomas Schelling, amerikanischer Ökonom, Nobelpreis träger, Berater des US-Verteidigungsministeriums sagte:

„Der Atomkrieg setzt seiner ganzen Natur nach keine rational denkenden Menschen voraus. Das kann gar nicht sein. Welcher geistig gesunde Mensch wäre bereit, Hunderte Millionen Menschen zu töten, die Erde zu zerstören und das Ende der Zivilisation herbeizuführen, nur um sicherzustellen, dass jemand anderer, den er als Feind bezeichnet, nicht zuerst triumphiert.“

Auch wenn jetzt immer mehr medizinische Fortbildungen über Kriegsmedizin in den deutschen Krankenhäusern stattfinden, auch wenn in Köln eine riesige militärische Intensivstation gebaut wird, auch wenn im Herbst in Büchel wieder ein Nato-Atomkriegsmanöver abgehalten wird:

Wir Ärzte werden Euch nicht helfen können.

Wir brauchen dringend eine Rückkehr zu Abrüstungsvereinbarungen. Die Abrüstungsverträge haben 1987 den kalten Krieg beendet. Wir brauchen Gespräche mit dem Gegner, Berücksichtigung beidseitiger Sicherheitsinteressen.

Aber es gibt auch Hoffnung. 100 Staaten haben inzwischen den UN Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet und ratifiziert. Wir fordern auch von der Bundesregierung dem AVV beizutreten. Tragen Sie sich bitte in die Unterschriftenlisten ein.

Wo ist die große Friedensbewegung der 80er Jahre? Die Bedrohung ist heute mindestens so groß.

Am 17. Oktober protestieren wir in Büchel gegen das Nato-Atomkriegsmanöver. Dort lagern 10-20 US-Atombomben. Fahren Sie mit. Sie können mich gerne ansprechen.

Vielen Dank.

 

Hildegard Fischer ist bei der IPPNW Regionalgruppe München aktiv.